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Mysteriöser Fall Kiesewetter: Heilbronner Polizistenmord steht vor Aufklärung

Viereinhalb Jahre Rätselraten bei den Ermittlungen rund um den Heilbronner Polizistenmord - nun sieht es aus, als ob der mysteriöse Fall gelöst wurde. Jedoch widersprechen sich die Verantwortlichen.

Osteuropäische Mafia, Phantom, Racheakt, Neonazis? Mutmaßungen über den Mörder der #link;http://www.corsipo.de/Heilbronn.htm;Heilbronner Polizistin# gab es in den vergangenen viereinhalb Jahren reichlich. Die meisten führten ins Nichts. Doch seit in dieser Woche die beiden Dienstwaffen der 22-jährigen Polizistin und ihres damals schwer verletzten Kollegen gefunden wurden, nehmen die Ermittlungen in dem ungewöhnlich mysteriösen Mordfall rasant Fahrt auf. Jetzt stellte sich eine 36-Jährige aus Zwickau, nach der gefahndet worden war, bei der Polizei in Jena. Und Stuttgarts Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger sagte im Südwestrundfunk (SWR), er gehe davon aus, dass zwei tot aufgefundene mutmaßliche Bankräuber aus Thüringen sowie die 36-Jährige aus Sachsen zur Tätergruppe gehören. Dafür sprächen die Gesamtumstände, vor allem der Besitz der Dienstwaffen der Polizisten, sagte Pflieger im SWR: "Solche Waffen gibt man nicht weiter." Das Motiv vermutet er im Bereich der Beschaffungskriminalität.

Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) hält den Fall allerdings noch nicht für aufgeklärt. "So weit sind wir noch nicht", sagte er in Stuttgart. Er konstatiert aber: "Ich freue mich, dass es eine Spur gibt, die erfolgversprechend ist." Nicht nur die Waffe, sondern auch Handschellen der ermordeten Polizistin seien gefunden worden.

Bankräuber erschießen sich selbst

Angefangen hatte alles am 25. April 2007, als die Polizistin auf einer Heilbronner Festwiese mit einem Kopfschuss getötet worden war. Ihr damals 24-jähriger Kollege lag wochenlang im Koma. Bis jetzt gab es zwar viele Vermutungen, aber kaum echte Hinweise auf die Täter. Das änderte sich, als Ermittler in dem ausgebrannten Wohnmobil der verdächtigen Bankräuber die geraubten Waffen der Heilbronner Polizisten entdeckten. Zuvor hatten sich die Verdächtigen laut Polizei selbst erschossen. "Jetzt hat man Personen, die mit dem Mord in irgendeiner Verbindung stehen - in welcher auch immer", sagte Kriminalpsychologie Rudolf Egg aus Wiesbaden.

Waren die zwei Männer im Alter von 34 und 38 Jahren Täter oder Mitwisser? Haben sie die Waffen vielleicht ohne Kenntnis der Hintergründe auf dem Schwarzmarkt erworben? So lauten zwei der zentralen Fragen. Sicher ist, dass die mutmaßlichen Bankräuber die Ermittler auf die Spur der 36 Jahre alten Frau geführt haben, die in Zwickau mit ihnen zusammenwohnte. Sie soll nach Polizeiangaben mehrere Alias-Namen benutzen. Über Kontakte zur Neonazi-Szene wird spekuliert.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Die Polizei in Augsburg prüft, ob es eine Verbindung zum Mord an einem 41-jährigen Hauptkommissar in Augsburg am 28. Oktober gibt. Das sei "eine Spur von vielen", sagte ein Sprecher.

Soko "Parkplatz" tappt im Dunkeln

Vor dem überraschenden Fund in Thüringen war es recht ruhig geworden um die Ermittlungen in Heilbronn. "Vorher war ja alles im Nebel versunken", sagte Egg. Das lag nicht zuletzt an einer der größten Fahndungspannen in Deutschland. Monatelang hatten die Ermittler der "Soko Parkplatz" ein Phantom gejagt. DNA-Spuren der sogenannten "Frau ohne Gesicht" waren nicht nur in Heilbronn gefunden worden, sondern auch an mehr als 35 anderen Tatorten vor allem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Die Hoffnung, der Mörderin so auf die Spur zu kommen, zerplatzte jäh. Ende März 2009 musste die Staatsanwaltschaft Heilbronn einräumen, dass die DNA-Spur von einer Frau stammte, die die Wattestäbchen beim Verpacken verunreinigt hatte.

Mysteriös war der Fall von Anfang an. Dass beide Polizisten ohne Anlass auf offener Straße und am hellen Tag niedergeschossen wurden, war ungewöhnlich. Häufig würden Ermittler getötet, weil sich die Täter einer Festnahme entziehen wollten. "In dem Heilbronner Fall fehlt der Bezug für die Gewalt." Kurz nach dem Mord war aufgrund des Tatwaffen-Kalibers zunächst über Verbindungen zur russischen Armee oder zur osteuropäischen Mafia gemutmaßt worden.

Zu Thüringen gab es schon vor dem Waffenfund in dieser Woche eine vage Verbindung: Die erschossene Polizistin stammte aus dem Bundesland. Und einen Tag nach dem Mord soll ein damals 21-jähriger Mann aus Gera die 22-Jährige und ihren Kollegen in hasserfüllten E-Mails verhöhnt haben. Ob es Zusammenhänge gibt, ist nach Auskunft der Polizei noch unklar. Das gehört zu den vielen Fragen, nach deren Antworten die Ermittler aus Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen jetzt suchen.

DPA / DPA