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Nach brutalem U-Bahn-Überfall: Weißer Ring fordert Kampagne für Zivilcourage

Vier Jugendliche schlagen einen Mann ins Koma. Menschen gehen an dem Szenario vorbei. Niemand greift ein. Nur einer der Passanten ruft einen Krankenwagen. So hat sich der brutale Überfall in der Berliner U-Bahn wohl zugetragen. Die Hilfsorganisation Weißer Ring fordert die Regierung auf, Projekte zu fördern, die Zivilcourage stärker in der Gesellschaft verankern.

Nach dem brutalen Überfall auf einen Berliner Handwerker hat die Hilfsorganisation Weisser Ring die Bundesregierung aufgefordert, eine Kampagne für mehr Zivilcourage zu starten. "Das schöne Belobigen mit Preisen für mutiges Auftreten reicht offenbar nicht. Es muss sich mehr in den Köpfen abspielen, damit Menschen bei Gewalt nicht wegsehen", sagte am Donnerstag Helmut K. Rüster der Nachrichtenagentur dpa. Der bundesweite Verein mit Hauptsitz in Mainz kümmert sich um Kriminalitätsopfer.

Der 30-jährige Berliner liegt nach der Prügelattacke vom Freitagabend mit schweren Kopfverletzungen im künstlichen Koma. Nur ein Notruf ging ein, obwohl in dem U-Bahnhof Lichtenberg Zeugen waren. Einer soll auch noch die Jacke des Opfers entwendet haben.

"Zivilcourage ist Bürgerpflicht - notfalls muss das auch eingefordert werden", unterstrich der Sprecher des Weissen Rings. Doch der Paragraph im Strafgesetzbuch zu unterlassener Hilfeleistung sei "so gut wie nie im Einsatz". Rüster warnte davor, sich an Kriminalität im Alltag zu gewöhnen. Auch wenn jetzt über den Berliner Fall diskutiert werde - "bald wird wieder zur Tagesordnung übergegangen - bis zum nächsten erschütternden Fall", befürchtete er. Nach Beobachtungen der Organisation habe das Wegsehen "tendenziell zugenommen".

Gründe für passives, stummes Verhalten von Zeugen bei Überfällen seien Bequemlich- und Gleichgültigkeit, sagte der Sprecher. "In Sekundenschnelle läuft da eine Kosten-Nutzen-Analyse ab: Was bringt mir das, wenn ich mich jetzt einmische, muss ich dann nicht noch auf die Polizei warten? Hab ich eigentlich nicht gleich noch einen Termin? Warum gerade ich? Der da vorne ist doch einen Kopf größer, könnte der nicht viel besser eingreifen?" Einer verstecke sich hinter dem anderen - während kostbare Zeit verstreiche, sagte Rüster.

"Die Polizei anrufen, ein Auto anhalten, andere Zeugen ansprechen - das müsste jeder als Soforthilfe wissen." Es gebe zwar solche Schulungsangebote - doch das reiche nicht, sagte Rüster. Richtiges Verhalten in Notsituationen müsse nachhaltiger vermittelt werden. Der Sprecher verwies darauf, dass manche Jugendliche andere Schläger als Vorbild betrachteten und nicht diejenigen, die Gewalttaten verhindern wollten. "Hohe kriminelle Energie bei jungen Menschen - das ist ein gesellschaftliches Problem", schätzte Rüster ein.

Manche Zeugen hätten aber auch Angst, hervorzutreten. "Viele wollen gar kein Held sein." Studien belegten, dass eher im gewohnten Umfeld geholfen werde. "Bei Menschen ohne Bezug ist das weniger ausgeprägt." Nach Einschätzung der Hilfsorganisation gibt es zudem viel mehr Fälle von Gewalt, die nicht in den Kriminalstatistiken auftauchten. Es sei fatal, wenn sich die Polizei darauf berufe. "Mit der Statistik kann man ja alles machen."

DPA / DPA