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Nach dem Tod des Al-Kaida-Führers Terroristen fürchten bin Ladens Datenschatz


Analysten werten fieberhaft die Daten aus, die in bin Ladens Versteck gefunden wurde. Klar ist bereits jetzt: Der Al-Kaida-Chef war viel aktiver an Terrorplanungen beteiligt als bislang vermutet.
Von Friederike Ott

Das Material, das die US-Elitesoldaten im Haus des getöteten Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden gefunden haben, gibt immer mehr neue Einblicke in die Pläne und Strukturen des Terrornetzwerks. So wird nun deutlich, dass bin Laden – anders als bisher angenommen – von seinem Versteck aus im pakistanischen Abbottabad eine direkte Rolle bei der Planung von Terrorattacken gespielt hat. Er war in regelmäßigem Kontakt mit anderen Al-Kaida-Mitgliedern, obwohl er angeblich weder über Telefon noch Internet in seinem Haus verfügte. "Er war nicht nur ein Aushängeschild", sagte ein amerikanischer Beamter, der mit den Dokumenten vertraut ist, der New York Times. "Er hat weiterhin Ideen für Anschlagziele an andere führende Al-Kaida-Mitglieder kommuniziert."

Bisher waren Gemeindienstmitarbeiter und Terrorexperten davon ausgegangen, dass der Terrorchef, dessen Tod nun auch von Al-Kaida offiziell bestätigt wurde, nur eine kleine Rolle bei aktuellen und zukünftigen Al-Kaida-Aktivitäten gespielt hat und eher als inspirierende Figur gesehen wurde. Als die Spur zu bin Laden schwächer wurde und er aufhörte, sich per Videobotschaft zu melden, schien sein Status als der einflussreichste Terrorist der Welt zu verschwinden. "Bis jetzt war es die vorherrschende Meinung, dass er sich in einer abgelegenen Bergregion versteckt und von seinen Anhängern abgeschnitten ist", sagt Bruce Hoffman, Al-Kaida-Experte an der Georgetown University der New York Times.

Beim Durchkämmen des Verstecks bin Ladens fanden die Soldaten fünf Computer, ein Dutzend Festplatten, rund hundert Disketten, DVDs und USB-Sticks. Ein wahrer Datenschatz, von dem sich die Analysten nun erhoffen, auch Informationen über die Aufenthaltsorte anderer führender Al-Kaida-Mitglieder und mögliche Anschlagspläne zu erhalten. "Ich wäre sehr überrascht, wenn das keine Goldmine für uns ist", sagt John McLaughlin, ein früherer Vize-Direktor des US-Geheimdienstes CIA.

"Ich glaube, dass wir eine heiße Spur verfolgen"

Während die Geheimdienstmitarbeiter keine genaueren Hinweise geben wollten, deutete ein führender Kongress-Mitarbeiter an, dass die Suche nach dem Al-Kaida-Vize in vollem Gange sei, schreibt die US-Zeitung Washington Post. Dabei handelt es sich um den Ägypter Aiman Al-Sawahiri. "Wir haben viele Informationen über ihn", sagte der Republikaner Mike Rogers, Vorsitzender des Geheimdienste-Ausschusses des US-Kongresses. "Ich kann nicht sagen, dass wir unmittelbar vor dem Erfolg stehen, aber ich glaube, dass wir eine heiße Spur verfolgen", zitiert ihn das Blatt.

Rogers vermutet, dass das bei bin Laden gefundene Material "gut für den Kampf gegen den globalen Terrorismus in den kommenden Monaten" sei. Die CIA und andere Geheimdienste arbeiten seit Sonntag eifrig daran, Daten und Bilder herunterzuladen, die in bin Ladens Versteck gefunden wurden. Die Elitesoldaten fanden auch Telefonnummern und Bargeld, das in bin Ladens Kleidung eingenäht war. Bei der Auswertung der Datenträger geht die US-Taskforce systematisch vor. Zunächst würden die Experten die Hardware auseinanderbauen, erklärt James Lewis, einst beim US-Außenministerium für IT-Sicherheit zuständig, die Prozedur. Dabei müssten die Spezialisten besonders darauf achten, mögliche Sprengfallen und automatische Löschmechanismen aufzuspüren. Anschließend würden alle gespeicherten und temporären Daten von den Speichermedien kopiert und mögliche Verschlüsselungscodes geknackt.

Deutschland hofft auf Erkenntnisse für die Terrorbekämpfung

Es ist eine Mammutaufgabe, die Monate und möglicherweise Jahre in Anspruch nehmen könnte. Die Experten sollen sich zunächst auf die "Aufdeckung fortdauernder Bedrohungen" sowie Hinweise auf mögliche andere Zielpersonen innerhalb Al-Kaidas konzentrieren, sagte der Chef des Nationalen Anti-Terror-Zentrums (NCTC), Michael Leiter.

Nach Angaben eines Behördenmitglieds, das mit der Auswertung des Bin-Laden-Materials vertraut ist, hat diese Aufgabe eine besondere Dringlichkeit, da die Tötung bin Ladens wahrscheinlich ranghohe Al-Kaida-Mitglieder alarmiert habe. "Andere Al-Kaida-Mitglieder sollten besorgt sein", sagte der Beamte, der anonym bleiben will, der Washington Post.

Auch US-Justizminister Eric Holder rechnet damit, dass durch den Datenschatz neue Terrorverdächtige ins Fadenkreuz der USA geraten werden. Wahrscheinlich werde Washington weitere Namen auf die Schwarze Liste setzen, sagte Holder bei einer Senatsanhörung. Auch die Bundesregierung erhofft sich vom Datenschatz des Al-Kaida-Chefs wichtige Erkenntnisse für die Bekämpfung des Terrorismus. Deutschland werde "sicherlich davon profitieren", wenn Erkenntnisse über Gefährdungen an deutsche Stellen weitergegeben würden, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der in dieser Woche seinen Antrittsbesuch in Washington absolvierte.

Ein großer Mann, der auf- und ablief

US-Behörden bestätigten inzwischen, dass die gefundenen Computer und Daten Hinweise auf Anschläge enthielten, in vielen Fällen seien die Pläne aber nur angestrebt gewesen. Ein erster spektakulärer Hinweis aus dem Datenfund wurde bereits bekannt: Offenbar plante El Kaida seit Februar 2010, "eine Operation gegen Züge an einem unbestimmten Ort in den Vereinigten Staaten zum 10. Jahrestag des 11. September 2001 auszuführen". Details darüber wurden in einem handgeschriebenen Notizbuch gefunden. Unklar blieb bislang, ob diese Planungen seither weiter vorangetrieben wurden. Nach Angaben der Washington Post wussten Gemeindienste schon lange von Al-Kaidas Ambitionen, Anschläge auf amerikanische Züge und U-Bahn-Stationen zu verüben.

Dennoch betonen die Behörden, dass die Informationen veraltet und ungenau seien. Die Pläne hätten sich in einem sehr frühen Stadium befunden und seien deswegen möglicherweise "irreführend oder ungenau oder noch nicht ausgereift", sagte Matthew Chandler, Sprecher des Ministeriums für Heimatschutzes.

Inzwischen werden immer mehr Details über die Arbeit der CIA bekannt, die die gezielte Tötung bin Ladens möglich machte. Das Überwachungsteam des Geheimdienstes habe ein Haus in der Nähe des Al-Kaida-Chefs gemietet, berichtet die New York Times. Dort hätten sie sich sowohl vor der Al-Kaida verstecken müssen, als auch vor dem pakistanischen Gemeindienst und der lokalen Polizei. Die CIA-Mitarbeiter hätten die Gegend durch Spiegelglas beobachtet und mithilfe empfindlicher Technik versucht, Geräusche im Haus und Handys abzuhören. Sie benutzten einen Satelliten, um nach einem möglichen Fluchttunnel zu suchen.

Jedoch stießen die Spione auch an Grenzen, schreibt die New York Times. So hätte das Überwachungsteam regelmäßig einen großen Mann auf seinem Grundstück auf- und ablaufen sehen. Aber sie konnten nie bestätigen, dass es bin Laden war.

mit Agenturen

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