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Nach den Unruhen in Großbritannien: Blubbern in der Volxküche

Der Aufruhr in Großbritannien bringt deutsche Anarchos in Erklärungsnot. Bambule ist natürlich immer gut. Bloß: Einfach Flatscreens zu klauen, ist das schon eine Revolution?

Von Manuela Pfohl

Tottenham? Yussuf musste erst mal sein Handy befragen, was zum Teufel in Tottenham überhaupt los ist, ehe er zusagen konnte. Donnerstagnachmittag sollte es Action geben in Berlin vor der britischen Botschaft. Es ging um Solidarität mit den benachteiligten Jugendlichen in London oder so. Yussuf hatte es nicht ganz verstanden. Er hatte eigentlich auch was anderes vor, als den Kapitalismus zu kritisieren. Das megacoole Warfare-Spiel mal testen zum Beispiel. Doch nun ging es darum, den Bullen paar aufs Maul zu hauen, wenn sie kämen und die Jungs vom antikapitalistischen Widerstand vor der britischen Botschaft verdrängen wollten. Ehrensache für den 15-jährigen linken Nachwuchsautonomen - auch wenn er nicht weiß, worum es in Tottenham eigentlich geht.

Allein ist Yussuf damit nicht. In der deutschen Linken herrscht auch Tage nach dem Ausbruch der sozialen Unruhen in Großbritannien weitgehend Ratlosigkeit über das, was da passiert. Soll man die Proteste unterstützen oder ablehnen? Und überhaupt, wer kämpft da eigentlich gegen wen?

Am vergangenen Montag schien die Lage noch klar: Ein Mann war am 4. August in London von der Polizei erschossen worden. Ein Farbiger. Ein Unterprivilegierter aus Tottenham, einem der ärmsten Stadtviertel. Ein Familienvater. Ein Opfer, das es zu rächen galt. Dass die Wut darüber sich gegen die zuständige Londoner Polizeiwache richtete und, als quasi Kollateralschaden, auch gegen die angrenzenden Gebäude in der Straße, schien den deutschen Aktivisten der radikalen Linken mehrheitlich noch folgerichtig.

Ein Hauch von Aufstand in deutschen Aktivistenstuben

In einem Aufruf vom Montag heißt es: "Lasst die GenossInnen nicht allein. Sie kämpfen in London gegen die Willkür des Repressionsapparates, der die Macht des neoliberalen Systems schützt, das auch Euer Geld und Eure Würde klaut. Unterstützt die Proteste mit Euren Ideen, Spenden, Rechtsberatung, Solidemo." Auch die Entsendung einer mobilen Volxküche für die Riots wurde erwogen. Ein Hauch von Aufstand wehte bis in die deutschen Aktivistenstuben.

Dass Großbritanniens Premierminister David Cameron wenig später gewalttätige Straßengangs für die Randale verantwortlich machte und erklärte, "wir werden nicht zulassen, dass eine Kultur der Angst auf unseren Straßen herrscht, und wir werden alles tun, was nötig ist, um Recht und Ordnung wiederherzustellen und unsere Stadtviertel aufzubauen", forderte die linken Revolutionäre geradezu heraus.

Als zur Wochenmitte in allen Nachrichten das Übergreifen der Proteste auf andere britische Städte zu sehen war, liefen einige heiß: "Nur aus der Asche der alten Zustände kann das befreite Leben ohne Zwang, Rassismus und Ausbeutung erblühen", schreibt eine autonome Gruppe und fordert: "Auch Berlin muss brennen!!!"

"Friede den Hütten, Krieg den Palästen"

Doch so richtig begeisterte der Aufruf nur die Wenigsten. Stattdessen fetzen sich seitdem die Aktivisten auf "indymedia", einer linken Infoplattform. Die Fernsehbilder und Youtubevideos von Jugendlichen, die Geschäfte plündern und mit geklauten Plasmafernsehern und iPhones durch die Straßen ziehen, scheinen vielen ebenso wenig revolutionär wie die Jungs, die billige Mietshäuser abfackeln und wahllos auf jeden eindreschen, der ihnen im Weg steht. Mit "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" hat das jedenfalls aus Sicht der meisten nichts zu tun.

Ein User schreibt, typisch für viele andere: "Was wirklicher Protest ist, zeigen uns gerade die Menschen in Syrien oder Ägypten, wie zuvor in Tunesien oder dem Iran. Dort stehen die Menschen gemeinsam auf und niemand kommt auf die Idee, die Häuser ihrer Mitmenschen anzuzünden, ihre Nachbarn aus den Autos zu zerren, ihre Geschäfte zu plündern oder Passanten zu bedrohen. In London ist dagegen ein Mob unterwegs, dem anscheinend jeglicher Sinn für Anstand und Gerechtigkeit abhanden gekommen ist. Ein Hohn für all jene, die sich mit Leib und Leben einsetzen gegen Unterdrückung und Willkür!"

Unversöhnliche Antwort an "neoliberale Möchtegern-linke Grünen-Wähler"

Die Befürworter des Aufruhrs in Großbritannien kontern ihrerseits: "Die gesamte Menschheit (und auch die Menschen in England) werden in jedem Lebensbereich beraubt, belogen und gedemütigt. Jetzt passieren die daraus logischerweise resultierenden Riots und ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch davon zu distanzieren."

Bambule irgendwie ja, aber Gewalt gegen kleine Leute doch eher nein - man hat's nicht leicht heutzutage als anarchisch gestimmter Linker. Orientierung versucht die "North London Solidarity Federation" zu bieten, eine anarchistische Gruppe aus London. In einer Erklärung übt sie sich im Einerseits - Andererseits. Einerseits distanziere sie sich von der "sinnlosen Gewalt". Andererseits: "Großbritannien hat seine sozialen Probleme jahrzehntelang verschleiert. (...) Es sollte niemanden verwundern, wenn Menschen, die ein Leben in Armut und Gewalt leben, schließlich in den Krieg gezogen sind."

Mit der Knarre den Laden verteidigen

In Yussufs Berliner Clicque diskutieren die Jungs eher weniger über die Vergesellschaftlichung von Eigentum und den Sinn von Gewalt, aber bei den Maidemos und den Protesten gegen die Räumung linker Wohnprojekte sind sie trotzdem dabei. "Weil es cool ist", sagt Yussuf. Und: "Man muss doch was tun, sonst sind wir hier auch bald am Arsch." Sein großer Bruder hat ihm das mit der Benachteiligung der Migranten und der Arbeiterklasse mal erklärt. Und Yussuf fand das gut. Zwar haben seine Eltern einen Laden, der gut läuft, und Yussuf braucht sich, wie seine Geschwister nicht besonders zu sorgen. Doch der bescheidene Wohlstand war mühsam aufgebaut worden nach Jahren der Schufterei als Einwanderer. Als jetzt die Bilder aus London zu sehen waren mit ausgebrannten Geschäften und deren verzweifelten Besitzern, haben Mutter und Vater die Köpfe geschüttelt. "Die haben gemeint, bloß gut, dass das bei uns nicht so ist", erzählt Yussuf. "Die würden auch die Knarre rausholen und den Laden verteidigen."