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Nach Schüssen in Lüneburg: Clan-Fehde gibt der Polizei Rätsel auf

Nach Schüssen bei einem Clan-Streit in Lüneburg musste ein Mann aus der Haft entlassen werden, ein anderer wird gesucht. Die Ermittler rätseln: Worum geht es beim Streit zwischen den Familien?

Nach den Schüssen bei einer Familienfehde in Lüneburg ist ein Tatverdächtiger auf freien Fuß gesetzt worden. Der 31-Jährige habe den bisherigen Ermittlungen zufolge nicht auf die Opfer geschossen, sagte eine Polizeisprecherin am Montag, nachdem der NDR darüber berichtet hatte. Derzeit werde nach einem weiteren, 33 Jahre alten Tatverdächtigen gefahndet. Am Samstag waren drei Männer, die zu einem Familienclan gehören, vor dem Klinikum Lüneburg angeschossen und schwer verletzt worden.

Es geht um Familien libanesisch-kurdischer und türkisch-kurdischer Herkunft, sagt Lüneburgs Polizeisprecherin Antje Freudenberg.

Die drei Verletzten im Alter von 27, 31 und 51 Jahren waren am Montag noch in der Klinik und befanden sich auf dem Weg der Besserung, wie die Polizeisprecherin sagte. Sowohl der Klinikeingang als auch die Wohnungen wurden von Polizeibeamten bewacht, um weitere Gewalttaten zu verhindern.

Grund für die Familienfehde völlig unklar

Der Streit zwischen den zwei Familien schwelt seit mindestens vier Jahren. Über den Grund für die Fehde herrschte bei der Polizei noch Rätselraten. Einzelne Familienmitglieder seien in den vergangenen Jahren immer wieder durch eine Vielzahl von Straftaten aus allen Deliktsbereichen auch in Niedersachsen aufgefallen, sagt der Sprecher des Landeskriminalamts (LKA), Frank Federau.

Ein Angriff auf ein Mitglied einer der patriarchalisch geprägten Familien werde als Angriff auf den gesamten großfamiliären Haushalt verstanden, erklärte Federau. Ehrverletzungen müssten "gerächt" werden. Bei Konflikten werde schnell zu Handfeuerwaffen und Messern gegriffen, und sie seien immer von einer "hohen Emotionalität" geprägt.

In Lüneburg begann die Eskalation am Freitag in einem Fitnessstudio. Die verfeindeten Clan-Mitglieder gingen mit Fäusten und zerbrochenen Glasflaschen aufeinander los. Selbst eine Hantelbank wurde durch den Raum geschleudert. Ein 26 und ein 28 Jahre alter Mann wurden schwer verletzt. Die Polizei rückte mit 21 Streifenbesatzungen an. Am nächsten Tag wurde die Fehde vor dem Krankenhaus fortgesetzt, wo die Verletzten behandelt wurden. Wieder kam die Polizei, um die Streitparteien auseinanderzuhalten. Dann fielen die Schüsse.

Nach Justizinformationen sind es Angehörige der sogenannten Mhallamiye-Kurden, die seit Jahren in einigen deutschen Städten Polizei und Justiz vor Probleme stellen. Schwerpunkte sind Drogenhandel, Bedrohung und Körperverletzung, Diebstahl, Betrug und Raub. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts Niedersachsen (LKA) ist die Zahl der Straftaten von Mitgliedern der Minderheit in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2002 waren es rund 100, im Jahr 2011 bereits 600. Oft wird der deutsche Rechtsstaat nicht akzeptiert, Richter und Staatsanwälte werden bedroht. Dies geschah 2012 in Hildesheim nach der Verurteilung eines Mannes für die tödlichen Schüsse auf den Liebhaber seiner Ehefrau.

Rund 15.000 Mhallamiye-Kurden in Deutschland

Mhallamiye-Kurden haben ihre Wurzeln in der Türkei, von wo aus sie Ende der 1920er Jahre auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in den Libanon - zumeist nach Beirut - auswanderten. Die Mehrheit stammt aus der südostanatolischen Provinz Mardin. Während des libanesischen Bürgerkriegs in den 1980er Jahren flohen viele nach Europa, unter anderem nach Deutschland. Aktuell leben etwa 15.000 Mhallamiye vor allem im Nordwesten Deutschlands mit größeren Gemeinden in Berlin (etwa 8000), Bremen (rund 2500) und Essen/Ruhr (rund 2000).

In Niedersachsen leben etwa 2000 Mitglieder der auch als M-Kurden bezeichneten Minderheit, unter anderem in Hannover, Hildesheim, Stade, Achim, Wilhelmshaven, Peine, Göttingen, Osnabrück, Braunschweig, Salzgitter, Hameln, Lüneburg und Delmenhorst.

mia/DPA / DPA