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Nach sieben Jahren in der Psychiatrie: Gustl Mollath fährt mit seiner Dattel-Orange in die Freiheit

Dienstag, 17.34 Uhr: Gustl Mollath verlässt die Psychiatrie. Für den Nürnberger endet eine siebenjährige Gefangenschaft. Der Mann, der noch nicht einmal einen Ausweis hat, wird nun zum Wahlkampfthema.

Gustl Mollath trägt ein seltsames Bäumchen in der Hand, es hat die Blätter einer Dattelpalme und eines Orangenbaums. Er habe die Pflanze in den siebeneinhalb Jahren in der Psychiatrie aus Kernen selbst gezogen, sagt Mollath, als er am Dienstag um 17.34 Uhr die Bayreuther Anstalt verlässt. Für ihn ist der Erfolg dieser Zucht ein Zeichen: "Wenn man will, kann man vieles durchstehen."

Als das Oberlandesgericht Nürnberg am späten Dienstagvormittag die unverzügliche Freilassung des 56-jährigen Mollath anordnete, traf diesen das vollkommen unvorbereitet. Er sei in seinem Zimmer gewesen, ein Anwalt des Bezirkskrankenhauses habe ihm die Information überbracht.

In dem seit Monaten mit Schärfe betriebenen Tauziehen um seine Person halfen Mollath zwei zu klein geratene Buchstaben. Ein Assistenzarzt hatte bei Mollaths Ex-Frau Misshandlungen festgestellt und darüber ein Attest ausgefüllt. Dies trug aber den Namen der Praxisinhaberin - mit bloßem Auge nicht lesbar setzte der Mann ein i.V. für in Vertretung vor die Unterschrift.

"Unechte Urkunde"

Weil dieses Attest aber für Mollaths Einweisung eine entscheidende Rolle spielte, stufte das OLG Nürnberg es nun rückwirkend als unechte Urkunde ein. Das übergeordnete Gericht korrigierte damit nicht nur ein vorhergehendes Urteil des Landgerichts Regensburg - es fand so die goldene Brücke zur Wiederaufnahme des Prozesses und zur Freilassung Mollaths, die seit Monaten viele gesucht haben.

Mollaths nächste Zukunft steckt nun voller ungeklärter Fragen. "Ich muss mich jetzt erst einmal orientieren", sagte er. Zwei Freunde kamen in die Psychiatrie, um ihn abzuholen. Dass er bei einem von den beiden zunächst Unterschlupf finden wird, wollte Mollath nicht bestätigen. Wo er die erste Nacht verbringen werde, wisse er nicht. Er habe eine ganz andere Sorge: "Ich kann mich noch nicht einmal ausweisen." Bei seiner Einweisung im Jahr 2006 wurden ihm die Papiere abgenommen - neue habe er noch nicht erhalten.

"Notfalls kann er mit zu uns nach Hause"

Von den vielen Unterstützern, die im Internet wortreich für Mollath argumentiert hatten, war am Dienstag eine Handvoll vor der Psychiatrie. Auch sie diskutierten, wie Mollath nun wohl leben wird. "Notfalls kann er mit zu uns nach Hause", sagte eine Frau. Und eine andere ergänzte: "Wir würden auch ein Zelt für ihn im Garten aufstellen."

Falsche Versprechungen von richtiger Hilfe zu unterscheiden dürfte für Mollath eine der großen Aufgaben der nächsten Zeit werden. Und er droht nun womöglich in andere Fänge zu geraten: In knapp sechs Wochen wird in Bayern der nächste Landtag gewählt. Schon jetzt steht fest, dass Mollath eines der großen Wahlkampfthemen ist. Direkt nach Beschluss der Freilassung starteten Regierung und Opposition ihre PR-Maschinen.

Ministerpräsident Horst Seehofer CSU) sagte, "ich bin jetzt zufrieden". Er habe seit Monaten nach der Verhältnismäßigkeit des Falles gefragt - nun hoffe er, dass alles ordentlich aufgearbeitet werde. Seine Justizministerin und Parteifreundin Beate Merk machte die Freilassung sogar zu ihrem eigenen Erfolg: "Mein Ziel, dass ich mit dem Wiederaufnahmeantrag und der sofortigen Beschwerde verfolgt habe, den Fall neu aufzurollen, ist erreicht."

Der erste Tag in Freiheit seit 2006

Dass die CSU den Fall lange nicht ernst genommen hat und Merk dem Verdacht ausgesetzt ist, im Landtag die Unwahrheit über die Ermittlungen gegen Mollath gesagt zu haben, wollte von den Christsozialen niemand erwähnen. Dass übernahm dafür die Opposition. "Geschichtsklitterung" warf SPD-Spitzenkandidat Christian Ude Merk vor. Die Freien Wähler forderten Merks Rücktritt.

Mollath hat dieses Wahlkampfgetöse noch nicht erreicht. Er freue sich nun nur auf den Mittwoch, 7. August 2013, den ersten kompletten Tag in Freiheit seit dem Jahr 2006: "Ich stelle ihn mir schön vor."

anb/AFP / AFP