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Nach Tod von Al-Kaida-Chef Bin Laden lebte unbehelligt in Pakistan


Der meistgesuchte Terrorist der Welt war lange unauffindbar, dabei lebte der Al-Kaida-Chef Osama bin Laden seit über siebeneinhalb Jahren in Pakistan. Und mit ihm seine 29-jährige Ehefrau.

Der Geheimdienst Pakistans steckt in der Zwickmühle: Vor seinem blutigen Ende vor wenigen Tagen hat Topterrorist Osama bin Laden knapp siebeneinhalb Jahre unbehelligt und unerkannt in Pakistan gelebt. Das berichteten am Samstag übereinstimmend die "New York Times" und die pakistanische "Dawn" über die Ergebnisse der ersten Verhöre von bin Ladens Witwe Amal al Sadah. Die Auswertung der Unterlagen, die bei der Kommandoaktion in bin Ladens Haus sichergestellt wurden, ergab inzwischen "erste Spuren".

"Man stelle sich vor, dieser Typ hat fast siebeneinhalb Jahre in Haripur und Abbottabad gelebt, und wir alle - Amerikaner und Pakistaner - haben ihn an der falschen Stelle gesucht", zitierte die "Dawn" einen namentlich nicht genannten Vertreter der pakistanischen Sicherheitskräfte, der am Verhör der Witwe bin Ladens beteiligt war.

Osama verließ Höhlen bereits 2001

Demnach hatte der Chef des Terrornetzwerks al Kaida bei der US-Invasion Afghanistans im Oktober 2001 das Höhlensystem in den Tora-Bora-Bergen verlassen und sich bis 2003 im Gebirge im Grenzgebiet zu Pakistan versteckt. Danach sei er in das pakistanische Dorf Chak Shah Mohammad im Bezirk Haripur "umgezogen", ehe er mit seiner Familie im Jahr 2005 in das etwa 40 Kilometer entfernte Haus in Abbottabad einzog, in dem er vor wenigen Tagen von einem US-Kommandotrupp getötet wurde.

Nach Aussage der Witwe al Sadah hatte sie sich in der Nacht zum Montag gerade mit bin Laden ins Schlafzimmer zurückgezogen und das Licht gelöscht, als sie die ersten Schüsse hörten. Der Terrorchef habe noch nach seiner Kalaschnikow greifen wollen, als die US-Kommandos in das Zimmer stürmten und ihren Mann erschossen. Sie selbst sei von einer Kugel ins Bein getroffen worden. Sie befinde sich nun in medizinischer Behandlungen und werde mit 15 weiteren Angehörigen bin Ladens befragt, sagte ein pakistanischer Sicherheitsvertreter. Mehr als die Dauer des Aufenthalts in dem Haus habe die Ehefrau bisher nicht angeben wollen.

Bin Laden und seine Familie hätten das gut gesicherte Haus in all den Jahren niemals verlassen, berichteten Vertreter der pakistanischen Sicherheitskräfte am Samstag unter Berufung auf die Aussage der aus dem Jemen stammenden Frau. Ihre Angaben konnten noch nicht durch andere Quellen bestätigt werden.

Insgesamt wurden den Angaben zufolge drei Ehefrauen bin Ladens nach dem US-Einsatz in dem Haus in Gewahrsam genommen sowie 13 Kinder. Zudem seien die Leichen eines Bin-Laden-Sohnes und von zwei Bewachern aus Kuwait entdeckt worden.

CIA: Pakistan muss bewusst blind gewesen sein

In der "New York Times" wurde erneut über die Rolle der pakistanischen Sicherheitsbehörden spekuliert, ohne deren Wissen bin Laden nicht so lange in Abbottabad in unmittelbarer Nähe der Militärakademie gelebt haben könne. Der pakistanische Geheimdienst sei "im besten Fall bewusst blind" gewesen, wurde der ehemalige CIA-Agent Art Keller zitiert, der vor Jahren an der Jagd nach dem Topterroristen beteiligt war. "Bewusste Blindheit ist in Pakistan ein Überlebensmechanismus."

Unterdessen wertete "eine kleine Armee" von Spezialisten der CIA und der Bundespolizei FBI die in Abbottabad sichergestellten Unterlagen und technischen Geräte aus. Neben Festplatten von Computern, Disketten, DVDs und Mobiltelefonen seien aus bin Ladens Unterschlupf auch unzählige Dokumente geborgen worden. "Alle Mann sind an Deck", beschrieb ein Ermittler die hektische Arbeit der Spezialisten an der "Informations-Fundgrube".

Taliban drohen mit Anschlägen

Tags zuvor haben die USA nach Medienberichten versucht, ein weiteres führendes Al-Kaida Mitglied zu töten. Im Jemen wurden von einer ferngesteuerten Drohne Raketen auf den gesuchten Hassprediger Anwar al Awlaki abgefeuert. Der Jemenit, der auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, scheine die Attacke vom Donnerstag aber überlebt zu haben.

Nach der von al Kaida bereits angekündigten Vergeltung für den Tod bin Ladens drohten auch die Taliban am Samstag mit neuen Attacken. In einer veröffentlichten Erklärung betonte die Talibanführung in Afghanistan, der Tod bin Ladens werde keinesfalls zu einer Schwächung der Moral der islamistischen Kämpfer führen. Im Gegenteil: "Hunderte weitere Kämpfer werden auf das Feld des Martyriums und der Opfer ziehen."

Dennoch sei bin Ladens Tod eine "große Tragödie", heißt es in der Talibanerklärung. "Er war ein unermüdlicher Kämpfer gegen christliche und jüdische Aggression in der islamischen Welt." Mit "großer Tapferkeit" habe bin Laden schon gegen die sowjetischen Invasoren in Afghanistan gekämpft.

Westerwelle irritiert von Kritik

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) wies unterdessen Kritik an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zurück, die Freude über den Tod bin Ladens geäußert hatte. "Diese Debatte in Deutschland irritiert mich", sagte Westerwelle der "Welt am Sonntag". "Da kann einer der brutalsten Mörder sein Handwerk nicht fortsetzen, und wir unterhalten uns darüber, mit welchen Worten man diesen Vorgang kommentieren darf." Er selbst habe bei der Nachricht vom Tod bin Ladens "ein Gefühl der Erleichterung" verspürt, auch wenn er grundsätzlich ein Gerichtsverfahren vorgezogen hätte.

swd/DPA/AFP DPA

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