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Nagelbomben-Attentat: Stille nach dem großen Schock

Dass der Keupstraße in Köln eine größere Tragödie erspart geblieben ist, als ein Unbekannter vor einem Friseursalon eine Nagelbombe gezündet hatte, wissen die Ermittler. Manchen Bewohner lassen die Bilder einfach nicht los.

Fensterscheiben sind zersplittert oder fehlen ganz, viele Geschäfte sind menschenleer oder geschlossen, in der sonst so lebendigen Kölner Keupstraße herrscht Stille. "Die Leute haben noch immer Angst. In der Straße ist nichts mehr los, seit hier die Bombe hochgegangen ist", sagt Cemil Güzel. Zehn Meter neben seinem Geschäft hatte ein Unbekannter in der vergangenen Woche vor einem Friseursalon eine Nagelbombe mit zigarettengroßen Zimmermannsnägeln gezündet. 22 Menschen wurden verletzt, fast alle sind Türken. 90 Prozent der Einwohner sind hier türkischer Abstammung und fast alle Geschäftsleute. Keupstraße steht auch im Ausland für ein Stück Türkei. Klein-Istanbul eben.

Vor dem zerbombten Friseurladen verurteilte der türkische Botschafter Mehmet Ali Irtemcelik den blutigen Anschlag am Freitag mit versteinerter Miene als eine "terroristische Tat". Mit der "sorgfältig geplanten" Explosion sei versucht worden, möglichst viele Menschen zu treffen, beklagt der Botschafter. "Was kann das anderes sein als ein teroristischer Anschlag?", fragt er vor laufenden Kameras, bevor er sich bei betroffenen Ladeninhabern über deren Schäden informiert.

"Motiv noch völlig unklar"

An seiner Seite ist der Leitende Polizeidirektor Dieter Klinger, der Irtemcelik die neuesten Ermittlungsergebnisse weitergibt. Klinger stellt allerdings klar: "Die Polizei kann von einem terroristischen Akt natürlich auch weiterhin nicht sprechen, denn das Motiv ist noch völlig unklar." Wer einen Nagel abbekam, erlitt schwere Verletzungen. Einem Mann, der unmittelbar neben der Bombe gestanden haben muss, musste beinahe der Arm amputiert werden. Schlimmer als er war zum Glück niemand dran. Der Mann ist außer Lebensgefahr.

Orhan Kargin lassen die schrecklichen Bilder nicht los. Die Detontation der Bombe vor neun Tagen hatte er aus nächster Nähe erlebt und bei der ersten Versorgung der Verletzten geholfen. "Die wichtigste Frage, die wir uns alle hier stellen ist: Warum?". Ein 23 Jahre alter Freund meint: "Es könnte gut sein, dass es eine türkenfeindliche Tat war." Zu den Fotos, die die Polizei vor zwei Tagen von dem mutmaßlichen rund 30 Jahre alten Täter veröffentlichte, sagt Kargin: "Den kennt hier keiner, der stammt jedenfalls nicht aus unserer Straße."

Auch wenn bei vielen Bewohnern und Ladeninhabern der Keupstraße in Köln-Mülheim die Nerven noch blank liegen, sind Planungen für ein Mut machendes großes Straßenfest am 11. Juli bereits voll im Gange. "Wir wollen, dass hier wieder Leben rein kommt, wir sind Kölner und wir lieben unsere Stadt", erklärt Mit-Organsiator Sen Kemal. "Bekannte Musiker wie BAP und Bläck Fööss haben schon zugesagt."

Gesuchter trug auffälliges Rennrad-Outfit

Die Ermittler setzen derweil das Profil des Verdächtigen wie ein Puzzle zusammen. Über das Bundeskriminalamt werde derzeit versucht, die unscharfen Bilder des Mannes aus einer Überwachungskamera besser erkennbar zu machen, sagt Klinger. Auffällig sei, dass der Gesuchte ein Rennrad-Outfit und Rennradschuhe trug, es sich bei seinem Fahrrad aber um ein normales Straßenrad handele. "Außerdem muss der Täter elektronischen Sachverstand haben." Ob er einen Schnäuzer trug und eine Brille, sei noch immer nicht klar zu sehen.

Polizei wie auch der türkische Botschafter wissen, dass der Keupstraße trotz der vielen Verletzten eine Tragödie erspart geblieben ist: "Man hat hier sehr viel Glück gehabt, es hätte auch Tote geben können", betont Irtemcelik. Auch Ladeninhaber Güzel versucht positiv zu denken: "Mir ist klar geworden, dass wir Türken und Deutschen alle in einem Boot sitzen, und wir halten zusammen."

Yuriko Wahl/DPA / DPA
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