HOME

Natascha Kampusch: "Das hat sie Kraft gekostet"

Rund sieben Millionen Zuschauer sahen am Mittwoch das TV-Interview mit Entführungsopfer Natascha Kampusch auf RTL. Nun will und soll sich die junge Frau zurückziehen - um ein normales Leben zu üben.

Natascha Kampuschs TV-Interview, das am Mittwochabend auf RTL ausgestrahlt wurde, hat große Beachtung gefunden - der Medienrummel um ihre Person wurde aber auch kritisiert. Nach Angaben von RTL verfolgten durchschnittlich 7,13 Millionen Zuschauer Kampuschs Auftritt , knapp zwei Drittel der Zuschauer seien Frauen gewesen. RTL hatte das Interview vom österreichischen Rundfunk ORF übernommen und dem Vernehmen nach eine sechsstellige Summe dafür bezahlt. Insgesamt hatten 120 Medienunternehmen auf der ganzen Welt Senderechte an dem Interview gekauft. Der Psychiater Max Friedrich, der die Betreuung von Natascha Kampusch koordiniert, bat die Medien, nun Zurückhaltung zu üben: "Frau Kampusch braucht nach den letzten Tagen Ruhe und Schutz". Das Interview habe sie viel Kraft gekostet, sie habe Schnupfen und Fieber.

Kritik am Medienrummel

Kritik am Interview äußerte der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz, der an der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen lehrt. Kampuschs Gang an die Öffentlichkeit sei viel zu früh erfolgt und diene nicht ihrem Wohl, sagte er der Deutschen Nachrichtenagentur. Das Entführungsopfer erlebe eine posttraumatische Phase, die in Depressionen umschlagen könne. Deswegen hätte sie mit dem Auftritt noch warten sollen. Gallwitz war gleichwohl direkt nach der Ausstrahlung als Experte bei RTL aufgetreten und hatte Kampuschs Aussagen kommentiert.

Auch verschiedene Zeitungen kritisierten den Medienrummel. Der "Wiesbadener Kurier" schrieb: "Der mediale Druck der letzten Tage zeigt auf beschämende Weise: Dem Täter konnte Natascha entkommen, der Öffentlichkeit nicht." Der Konstanzer "Südkurier" kommentierte: "Das Wolfskind schlägt eine Gesellschaft, die nach Unerhörtem giert, mit den eigenen Waffen. Jede TV-Minute und jede Zeile lässt sie sich vergolden. Ihre Kindheit kann sie nicht zurück kaufen, aber ihre Zukunft polstern." In den "Badische Neueste Nachrichten" war zu lesen: "Nataschas Medienberater degradiert die Nachricht zu einer Ware, die auf dem freien Markt zu Höchstpreisen verhökert werden kann."

Boulevardblätter drohten mit Paparazzi

In ihren Interviews - nach der Aufzeichnung für den ORF sprach Kampusch auch mit Journalisten der "Neuen Kronen Zeitung" und der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung"- hatte die 18-Jährige angekündigt, das eingespielte Geld zum größten Teil für karitative Zwecke zu verwenden. Sie wolle eine Natascha-Kampusch-Foundation gründen, die Menschen helfen soll, denen Ähnliches widerfahren ist wie ihr. Ob sie ihren eigenen Fall nochmal in Form eines Buches aufbereitet, hatte sie offen gelassen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, hatten Kampuschs Berater zunächst geplant, Kampusch inkognito im Fernsehen auftreten zu lassen - ihr Gesicht also mit Sonnenbrille und Perücke unkenntlich zu machen. Diverse Boulevardblätter hätten damit gedroht, in diesem Fall Paparazzi auf Kampusch anzusetzen. Daraufhin habe das Beraterteam entschieden, sie ohne Verkleidung auftreten zu lassen. Beim TV-Interview trug Kampusch nur ein Kopftuch, das ihre Haare verdeckte. Außerdem war sie stark geschminkt.

Kein persönlicher Kontakt zum Vater

Nataschas Vater, Ludwig Koch, der bei stern TV zu Gast gewesen war, beklagte am Donnerstag nochmals, dass er keinen direkten Kontakt zu seiner Tochter haben darf. "Dieser Betreuerstab, die haben Angst gehabt, dass ich vielleicht meinem Kind irgendwelche Ratschläge gebe", sagte Koch dem Nachrichtensender N24. Deshalb könne er nur mit ihr telefonieren. Der stern hatte am Montag berichtet, Koch habe zum ersten persönlichen Treffen mit seiner Tochter nach deren Flucht eine Kamera mitgenommen, um Natascha zu fotografieren und die Bilder an die Presse zu verkaufen. Deswegen ist ihm offenbar der Kontakt vorerst untersagt worden.

Brigitta Sirny, Nataschas Mutter, kündigte an, vorerst keine Interviews mehr zu geben, um sich intensiver um ihre Tochter zu kümmern. "Ich bin für sie da und nicht für die Medien", sagte Sirny dem Privatsender RTL. Im Gegensatz zum Vater kann die Mutter ihre Tochter persönlich treffen. Der Betreuerstab rufe sie an und teile ihr mit, wann und wo sie Natascha sehen könne, erzählte die Mutter. Die Abschiede nach dem Treffen fielen ihr jedes Mal schwer: "Wir können uns kaum trennen."

DPA/AP/Reuters/lk / AP / DPA / Reuters