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Natascha Kampusch: Die Gefangene

Sie war ein kleines Mädchen, als sie auf dem Schulweg entführt wurde. Sie war eine junge Frau, als sie vor zehn Jahren endlich fliehen konnte. Der stern begleitete Natascha Kampusch an den Ort ihres Martyriums und sprach mit ihr über die Enttäuschungen der Freiheit.

Natascha Kampusch

Natascha Kampusch, 1988 in Wien geboren, 1998 verschleppt. Erst nach achteinhalb Jahren gelang ihr die Flucht.

Manchmal mäht sie jetzt den Rasen hinter dem Haus in Strasshof. Es ist ein gräulichbraunes Haus in einem Vorort von , mit verblasstem Putz, etwas zurückgesetzt, die Jalousien sind heruntergelassen, Tag und Nacht. Wie damals.

Die Ligusterhecke drum herum verbirgt das Gebäude vor neugierigen Blicken. Vor Jahren, als noch Gefangene war in diesem Haus, oder besser gesagt: unter diesem Haus, in jenem schalldichten Verlies, das ihr Entführer gebaut hatte, hat sie mal ein paar Blätter abgezupft, als sie nachts ihren Kerker verlassen durfte. Sie hat sie mit hinuntergenommen in das Verlies und in einer Schachtel aufgehoben, obwohl sie gleich vertrocknet waren. Als Erinnerung an die Welt da draußen. Als Erinnerung daran, dass es Pflanzen gibt, Erde, Himmel und Luft.

Sie war gerade mal zehn Jahre alt, als sie auf dem Schulweg in einen Kastenwagen gezerrt und entführt wurde. Sie überlebte die achteinhalb Jahre Gefangenschaft, indem sie sich ihr Leben in Freiheit in den schönsten Farben ausmalte. Und sie arbeitete auf den Tag hin, an dem sie die Gelegenheit, den Mut und die Kraft haben würde, zu fliehen.

Natascha Kampusch hat ihr Gefängnis gekauft

Das ist jetzt zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen die junge Frau erst das bemitleidenswerte Opfer war und dann für manche zur Hassfigur wurde, zur Lügnerin, zur Mitwisserin, gar zur .

Das Haus, in dem sie Gefangene war, gehört jetzt ihr. Jedenfalls steht sie im Grundbuch. Die zwei Drittel, die im Besitz des Täters waren, hat sie vom Gericht als Entschädigung zugesprochen bekommen. Das übrige Drittel, das der Mutter des Täters gehörte, hat sie ihr abgekauft. Kampusch geht durchs Gartentor, ein paar Schritte bis zur Haustür, sie schließt auf und lässt die Tür offen stehen, die ganze Zeit. Feuchtwarme Luft strömt aus dem Innern. Es gab einen Wasserschaden, vor einer Weile. Sie hat das Nötigste reparieren lassen. Am Gartentor eine Botschaft des Nachbarn: Bitte dringendst um Rücksprache. Die beiden Birken an der Grenze zum Nachbargrundstück haben Äste verloren, es ist Sturm angekündigt, Gefahr im Verzug.


Die wird gerufen. Sie kennen diese Adresse, natürlich, jeder in Wien kennt diese Adresse. Sie sperren die ganze Straße ab, mit sechs Mann und drei Fahrzeugen. Von den Nachbarn lässt sich keiner blicken. Die Feuerwehrleute machen die Arbeit so gut wie möglich, sie sägen die Birken ab und räumen das Holz ordentlich an die Seite. Das müssten sie nicht. In ihren Blicken ist Mitgefühl, das arme Mädchen, aber auch Unverständnis. Was tut sie hier, an diesem Haus?

 

Frau Kampusch, warum wollten Sie dieses Haus besitzen, in dem Sie so leiden mussten?

Genau deswegen. Weil ich so darin leiden musste. Es ist mein kleiner Sieg. Und ich wollte es auch, damit niemand damit irgendeinen Unfug anstellen kann. Gruseltouren durch das der Natascha Kampusch oder eine Kultstätte für Perverse oder so etwas.

Das Verlies, den Raum, in dem Sie Ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, haben Sie aber zuschütten lassen.

Ich musste das. Die Behörde hat mir geschrieben, dass sich unter meinem Haus ein "ungenehmigter Hohlraum" befinde.

Wer wüsste das besser als Sie?

Ich habe auch gestutzt, als ich das gelesen habe. Man hätte mich ja auch fragen können, was ich damit vorhabe, oder mir Unterstützung anbieten. Na ja. Es ist halt eine Behörde.

Ohne die Behörde hätten Sie das Verlies so gelassen?

Vielleicht nicht für immer. Aber erst mal. Es war ja mein Leben, auch im Verlies. Ich hatte nur dieses eine, und ich war, auch da unten, entschlossen, das Beste daraus zu machen.

Gab es auch glückliche Momente?

Sie denkt einen Moment nach. Es gibt Länder, in denen Menschen verdursten, verhungern, keinen Zugang haben zu Strom. Und auch unter solchen Umständen gibt es glückliche Momente.

Natascha Kampusch

Das Haus in Strasshof, einem Vorort von Wien. Der arbeitslose Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte darunter für sie ein heimliches, schalldichtes Verlies gebaut. Irgendwann ließ er sie für sich kochen und putzen. Sie musste gefesselt in seinem Bett übernachten.


Wir betreten das Wohnzimmer. Die Polizei hat ein paar Sachen mitgenommen, die Mutter des Täters auch. Ansonsten ist die Zeit hier stehen geblieben, alles ist noch so, wie Wolfgang Priklopil es verließ, bevor er sich am Tag von Kampuschs Flucht auf die Gleise legte und von einem Zug überrollen ließ. Eine Stereoanlage und ein Fernseher aus den 80er Jahren. Eine lederne Couchgarnitur, die dunkle Schrankwand, ein bisschen Nippes, Holzelefanten, ein Metallmännchen, das Gitarre spielt, eine Vase mit Plastikblumen, staubig.

Von den Büchern, die im Regal stehen, hat der Täter sie einige lesen lassen. Curd Jürgens: "… und kein bißchen weise", von einem Kröger: "Das vergessene Dorf". Ein Buch über den "Start ins Jahr 2000", ein Buch über das Bermudadreieck, ein paar Bücher über die Formel 1. Auf dem Tisch liegt ein Heftchen mit dem Titel "Ordnung muss sein". Der Entführer hat säuberlich die Märchenfilme eingetragen, die er für sein Opfer aufgenommen hat, Rumpelstilzchen, Rotkäppchen, Froschkönig, aber auch "Erste Aufnahmen", von wem oder was auch immer. Oben im Schlafzimmer hat sich das Pulver der Polizei für Fingerabdrücke in die Möbel gefressen, es geht nicht mehr ab, nie mehr. Hier hatte man nach ihrer Flucht nach Mittätern gesucht.

Die gefangene Natascha musste das Haus mit renovieren, musste Fliesen legen, streichen, putzen. Auch die Verwandlung von Priklopils Jugendzimmer in ein Erwachsenen-Schlafzimmer ist wesentlich ihr Werk. Nur die Möbel hat die Mutter des Täters ausgesucht, nach dem Geschmack einer alten Frau.

Im Flur hängen noch seine Sachen. Ein Regenschirm, ein Federballset, an der Waschmaschine ein handgeschriebener Zettel, für welche Wäsche man welches Programm benutzt. Leere Bier- und Weinflaschen. Sogar das "Dusch- und Gelenkgel" des Entführers steht noch im Bad.

Ein paar Stufen hinab geht es in Richtung Montagegrube, die das Verlies tarnte. Der alte Tresor, den der Täter ins Mauerwerk eingefügt hatte, rostet vor sich hin. Daneben die Kommode, die Wolfgang Priklopil zur Tarnung davorschob.


Sie haben die Sachen, die Sie im Verlies hatten, teilweise aufgehoben. Warum?

Ich habe um jedes Kleidungsstück kämpfen müssen. Jedes Ding, das ich hatte, war kostbar für mich. Die Kleidung hat mich damals gewärmt. Die Mutter des Entführers hat vieles von ihrem Sohn weggeschmissen. Sie dachte wohl, so kann man damit abschließen.

Haben Sie die Mutter des Täters jemals getroffen?

Nein, leider.

Sie wollten das aber.

Am Anfang, ja, aber jetzt immer weniger.

Sie dreht sich weg, seufzt tief. Murmelt etwas wie: Ach je.

Geht es noch? Sollen wir eine Pause machen?

Nein, alles okay. Ich wollt nur jetzt … mal seufzen. Weil es auch dazu passt, worüber wir gerade reden.

Natascha Kampusch

Heute gehören Gebäude und Grundstück ihr. Natascha Kampusch weiß noch nicht genau, was sie damit anfangen will.


Wir gehen in den Garten. Der Rasen wuchert schon wieder, es gibt wilde Rosen und viele Dornen. Vom Nachbarhaus sieht man nichts. Im Pool gedeihen Blumen. Früher war das Grundstück mit dem der Nachbarn verbunden, aber dann hat der Entführer die Hecke gepflanzt.

Eine seltsame Sprachlosigkeit herrscht bis heute mit den Leuten von nebenan. Man tauscht die nötigsten Informationen aus. Kampusch hat ihren Nachbarn die Pumpe für den Pool im Garten geschenkt, sie hat nicht vor, den eigenen in Betrieb zu nehmen. Der Entführer hatte ihn zwar saniert, war aber zu geizig, um Wasser hineinzulassen. Geredet über das, was sich diesseits der Hecke abgespielt hatte, hat Kampusch mit den Nachbarn nie. Was die gewusst, was sie geahnt, was sie sich gedacht haben über den seltsamen Priklopil hinter seinem ständig verschlossenen Gartentor, der gesicherten Haustür, den stets heruntergelassenen Jalousien: Kampusch weiß es bis heute nicht.

 

Erinnern Sie sich noch an die erste Zeit in Freiheit?

Ja. Sehr gut. Es war alles zu viel. Zu viel Licht, zu viel Lärm, zu viele widerstreitende Gefühle. Glück. Aber auch Angst. Ich hatte Probleme mit dem Gleichgewicht, und es hat mich irritiert, abwärtszulaufen, eine Böschung hinunter oder eine unebene Fläche. Ich konnte Entfernungen schlecht abschätzen. Mein Magen war durch den andauernden Nahrungsentzug empfindlich. Und dann gab es so viele Menschen, die auf mich zukamen und mir sagten, dass sie wissen, wie das Leben perfekt sei und was ich jetzt dafür tun müsste. Ein Mediziner hielt mir ein Schriftstück unter die Nase, in dem ich mich verpflichten sollte, zehn Jahre exklusiv für die Forschung zur Verfügung zu stehen. Alle haben gesagt, du musst nur hier unterschreiben, du musst nur dort unterschreiben, du musst nur tun, was wir dir sagen, dann wird alles gut.

Konnten Ihre Eltern Ihnen nicht helfen?

Meine Eltern sind ja getrennt, und sie waren selbst überfordert. Ich habe sie am Anfang auch nicht so viel gesehen. Man hielt sie, so gut es ging, von mir fern.

Haben die Berater, die Sie hatten, die Therapeuten, die Anwälte, Sie nicht unterstützen können?

Ich habe ganz früh festgestellt, dass viele der Berater zum Teil hilflos waren und auch sehr auf ihren eigenen Teller fokussiert. Sie wollten das größte Stück vom Kuchen.

Und der Kuchen waren Sie?

Nicht ich, aber meine Geschichte und das, was man daraus machen könnte. Ich konnte das alles nicht einordnen. Anwälte haben gezerrt an mir.

Im übertragenen Sinne …

Nein, wie ich es sage. Der eine hat dem anderen auf den Arm gehauen. Das war in meinem Krankenzimmer in der Kinderpsychiatrie, wo ich zunächst untergebracht war. Das war seltsam. Die anderen Patienten kamen mir noch am normalsten vor.

Worum ging es?

Jeder warf dem anderen vor, er wolle mich übervorteilen. Jeder wollte etwas anderes, jeder sah seine Felle davonschwimmen.

Wann hat man Sie das erste Mal gefragt, was Sie möchten?

Man hat mich schon gefragt bei vielen Sachen. Und ich hatte zu vielem auch eine Meinung. Aber dann haben Leute gesagt, mach es besser so oder so, und ich habe den Leuten vertraut. Ich wollte es auch vielen Leuten recht machen.

 

Wir essen Burger auf einer Terrasse in Wien. Natascha Kampusch isst alles auf. Sie kann nichts liegen lassen, sagt sie. Und Hungergefühl scheint sie schnell in einen Alarmzustand zu versetzen. Sie isst einen Veggie-Burger. Sie ist Vegetarierin, hat ein Herz für Tiere. Eine völlig zerrupfte, vom Leben auf Wiens Straßen gezeichnete Taube, die um unsere Füße scharrt, hat es ihr besonders angetan. "Sie ist etwas ganz Besonderes", sagt Kampusch.

Sie ist nicht schüchtern, sie wendet sich an den Kellner, sie fragt, sie lächelt. Aber sie beobachtet unablässig ihre Umgebung, registriert alles, was um sie herum geschieht, wie ein Wachmann bei einem Geldtransport.

Sie haben recht bald nach Ihrer Flucht ein erstes Fernsehinterview gegeben.
Ich habe mich da ganz gut gefühlt. Das tiefe dunkle Loch kam erst später. Ich war voller Tatendrang. Mein selbstbestimmtes Leben sollte anfangen, ganz schnell. Ich wollte endlich selbst entscheiden. Ich wollte Gutes tun, Leuten helfen, zum Beispiel den verschwundenen Frauen in Mexiko, und traute mir das auch zu. Im Nachhinein war das sicher zu früh. Ich musste mir erst mal selber helfen.

 

Die Leute waren überrascht, über Ihre geschliffene Wortwahl, über Ihre Gefasstheit, über Ihre Stärke.

Ich habe viel Kulturradio gehört in den Jahren im Keller. Da sprach man so. Aber die Stärke, die dazu geführt hat, dass ich mich an eine surreale Situation anpassen konnte, wurde nach einer Weile zu einem Makel. Manche Leute dachten wohl, wenn es mir anscheinend so gut geht, dann kann das alles ja nicht so schlimm gewesen sein. Das Opfer muss sich opfermäßig benehmen. Wenn es das nicht tut, dann wird man anscheinend sauer.

Die Stimmung Ihnen gegenüber kippte.

Mir schlug mehr und mehr Hass entgegen. Im Internet, auf der Straße, in Zeitungen, in der U-Bahn. Ich wurde als Lügnerin beschimpft. Ich wurde angestarrt, in der U-Bahn angepöbelt, es wurden Witze über mich gerissen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich verstehe es bis heute nicht so ganz. Vielleicht war es für die Leute unvorstellbar, dass so etwas passiert. Man hat immer darauf abgehoben, dass ich aus einem sozialen Brennpunkt komme, aus einer schlechten Gegend, und hat damit etwas zu begründen versucht. Aber das Verbrechen geschah hinter bürgerlichsten Fassaden, in einer netten Gegend, mit Vorgärten und Spielplätzen. Vielleicht hat das vielen Leuten Angst eingejagt. Sie wollten das nicht wahrhaben.

Der Täter brachte sich am Tag Ihrer Flucht um. Aber die Ermittlungen waren damit nicht beendet. Es gab Zweifel an Ihren Aussagen.

Ich wurde wieder und wieder befragt, zu Abläufen, zum Haus, zum Verlies, zu meinen Tagebüchern, was der Entführer gesagt, gemacht, gedacht hat, ob es Kontakte zu anderen gab. Mich hat das jedes Mal zurückgeworfen.

Es waren renommierte Leute, die die Version des Einzeltäters infrage gestellt und dadurch immer wieder neue Ermittlungen ausgelöst haben. Ein Verfassungsrichter, ein LKA-Chef, eine Professorin für Strafrecht, ein leitender Beamter des Innenministeriums. Am Ende waren sogar das deutsche BKA und das amerikanische FBI mit im Boot.

Ich kam nie zur Ruhe. Ich musste immer wieder aussagen, immer wieder alles hervorholen. Und ich habe über all die Jahre immer das Gleiche ausgesagt: Ich habe nie einen anderen als den einen Täter gesehen. Meine Mutter hat mich nicht verkauft. Ich decke niemanden. Ich weiß nichts von einem Pornoring. Ich habe nicht gelogen.

Es gab in Belgien den Fall Dutroux, der Mädchen eingesperrt und auch umgebracht hat, mit Auswirkungen in höchste Kreise. Dort hat man versucht, den Deckel draufzuhalten.

Ich habe nichts gegen all diese Fragen. Aber irgendwann muss man sich dann auch mit den Fakten beschäftigen. Ich habe den Ermittlern alles erzählt, was ich wusste, auch sehr persönliche Dinge. Dass alles sehr schnell in die Öffentlichkeit geriet, hat mein Vertrauen in das System erschüttert.

Man hat im Verlies eine Haarsträhne gefunden. Dann wurde öffentlich diskutiert, ob Sie vielleicht ein Baby gehabt hätten.

Ja, und ob ich es umgebracht habe. Die Haarsträhne habe ich mir abgeschnitten, damit ich eine Erinnerung daran habe, wie mein Haar gewesen ist, bevor der Täter mir eine Glatze rasiert hat. Die Polizei hat das Haar natürlich analysieren lassen.

Man hat gefragt, warum Sie nicht eher geflohen sind. Es hätte Möglichkeiten gegeben. Sie waren mit dem Täter im Auto unterwegs, Sie waren einkaufen, einmal gerieten Sie in eine Polizeikontrolle.

Ich beantworte das mal mit Gegenfragen: Warum fliehen so viele Menschen, die eine Arbeit tun, die sie hassen, nicht aus ihrem Job? Warum verlassen so viele Menschen, die in einer gewalttätigen Beziehung leben, nicht ihren Peiniger? Wie schwer ist es, das innere Gefängnis zu überwinden, wenn du Angst hast, wenn dir jemand sagt, du hast keine Chance? Mir hatte der Täter erzählt, das Haus sei mit Sprengfallen gesichert und er habe immer eine Waffe dabei und würde sofort alle erschießen. Es gab für mich keinen Grund, ihm nicht zu glauben.

Hatten Sie auch Angst vor der Welt da draußen?

Auf eine gewisse Art und Weise vielleicht schon. Aber betrifft das nicht viele junge Menschen? Es hatte mit dem Alter zu tun, aber sicher auch damit, dass er mir Angst gemacht hat. Es wird immer so dargestellt, als hätte ich einfach die Tür aufmachen können und rausgehen. So war es nicht. Ich hab manche Sachen auch nicht öffentlich erzählt, weil ich nicht wollte, dass es falsch ausgelegt wird. Zum Beispiel das mit dem Skifahren. Ich hab mir schon gedacht, dass es dann heißt, sie ist mit dem Entführer in den Urlaub gefahren, na, so was, was war denn das für eine Gefangenschaft? Ich kann nur sagen: Für mich war das sicher kein Urlaub. Man müsste so viel erklären, was man nicht erklären will und kann.

Sie sollten erklären, was für ein Mensch der Täter war.

Was soll ich da antworten? Ich bin doch kein Psychiater.

Aber Sie waren die Einzige, die man befragen konnte über den Täter.

Vielleicht ist das ein Teil des Problems. Weil der Täter tot war, gab es keinen Fall Priklopil mehr, sondern nur noch einen Fall Kampusch. Bei manchen sind da die Grenzen verschwommen, bis hin zu der Theorie, ich hätte meine Entführung selbst inszeniert. Ich war zehn Jahre alt!

Haben Sie selbst je gezweifelt, dass es da vielleicht doch noch jemanden gegeben hat, der Bescheid wusste, oder dass mehr dahintersteckte?

Das kann man nie wissen. In der Gefangenschaft hab ich vielleicht sogar manchmal gehofft, dass noch jemand Bescheid weiß. Wenn dem Entführer etwas zugestoßen wäre, wäre ich da unten verloren gewesen. Aber ob das jetzt der Plan einer ganzen Gruppe war oder eines Einzeltäters, das kommt für mich aufs selbe heraus. Ich habe mich an die Wahrheit gehalten. Warum sollte ich jemanden schützen?

Auch Privatdetektive machten sich auf den Weg, Enthüller, ehemalige Richter, Journalisten …

… und eine Reihe anderer Selbstdarsteller, die einfach nur diesen Fall ausschlachten wollten. Es war teilweise auch eine Kampagne rechtsgerichteter Parteien gegen das rote Wien, gegen den vermeintlichen oder tatsächlichen Filz, sie behaupteten, im Namen des Volkes für Aufklärung zu sorgen, was weiß ich. Im Zuge dessen wurde meine Schwester verdächtigt, mich missbraucht zu haben, meine Mutter, ob sie die Entführung vielleicht ermöglicht und mich an einen Kinderpornoring verkauft habe und so weiter. Meine Familie ist wirklich auch durch die Hölle gegangen.

Ihr Vater beteiligte sich an diesen Zweifeln und auch an den Vorwürfen gegen Ihre Mutter.

Ja. Ich war sehr wütend auf ihn. Ich habe mal gesagt, dass er sehr unreif ist. Heute urteile ich etwas milder: Er hat sich vor einen Karren spannen lassen, und er war nicht besonders geschickt in der Auswahl seiner Gesprächspartner und seiner Formulierungen. Dass er aber in den Chor derer eingestimmt hat, die meine Mutter verantwortlich machten, habe ich ihm wirklich übel genommen.

Ihre Mutter hat kurz nach Ihrer Flucht ein Buch geschrieben über ihr "Leben ohne Natascha". Wie fanden Sie das?

Ich wusste nichts davon. Sie hatte immer wieder diese Treffen mit dem Ghostwriter-Team, aber sie hat sie mir verheimlicht. Sie hatte eine vertragliche Schweigepflicht auch mir gegenüber unterschrieben. Das fand ich nicht gut. Ich fand auch nicht, dass sie gut beraten war. Aber immerhin gab sie mir das Buch zu lesen, bevor es gedruckt wurde. Ich konnte ein paar Fehler ausbessern. Aber es blieben Sachen drin, die ich ihr im Vertrauen erzählt hatte, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Zum Beispiel?

Dass ich mich vom Täter verabschiedet habe an seinem Sarg. Das ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Aber einen Menschen, dem man über Jahre ausgeliefert war, kann man nicht einfach vergessen. Er war mir gezwungenermaßen nah. Und nein, ich habe nicht geweint. Und ich habe ihn auch nicht noch einmal gesehen. Der Sarg war zu, natürlich war er das. Der Mann ist vom Zug überrollt worden.

Warum hat Ihre Mutter dieses Buch überhaupt gemacht?

Sie hat es so gesehen: Sie hat ja auch gelitten, sie hat ja auch eine Stimme, und für sie war völlig logisch, sie will auch Geld verdienen. Und es wäre ja vielleicht auch ein gutes Buch geworden, wenn es mehr so gewesen wäre, wie sie mir die Jahre erzählt hat. So war es ein bisschen wie eine Groschenoper. Aber wir kommen klar.

Man hat Ihnen vorgeworfen, Sie seien reich und hätten für immer ausgesorgt, weil Sie nun mit Buch- und Filmhonoraren und mit Ihrer Prominenz aus dem Verbrechen, das an Ihnen begangen wurde, Kapital schlagen würden.

Ja, wer denn bitte schön sonst? Wer soll denn an allererster Stelle daraus Kapital schlagen, wenn nicht ich? Vielleicht hätten die Leute es besser gefunden, ich hätte mich zu Hause verkrochen und von Sozialhilfe gelebt. Ich möchte mich dafür nicht rechtfertigen müssen. Ich möchte nur so viel sagen: Die Spenden, die für mich eingegangen sind, habe ich weitergespendet und keinen Cent für mich verwendet. Ich hatte Einnahmen, für das erste Interview, für Filmrechte und Buchrechte.

Haben Sie ausgesorgt?

Für die nächsten Jahre ja. Aber natürlich nicht für immer. Ich lebe sparsam. Ich brauche diese Sicherheit. Ich weiß ja noch nicht, was mal aus mir wird.

Bekommen Sie eine Opferrente oder irgendeine Form staatlicher Unterstützung?

Nein.

 

Wir fahren den Weg hinaus aus Strasshof Richtung Wien. Vielleicht den Weg, den der Entführer in umgekehrter Richtung mit der kleinen Natascha genommen hat, aber das ist nicht sicher. Alle Wege führen nach Wien, so scheint es, und fast immer ist Stau. Es sind wolkenverhangene Tage, wenn die Sonne herauskommt, wirkt die Stadt heiter und klar. Aber ständig lauert der Regen irgendwo und ergießt sich von einem zum anderen Moment mit einer Kraft über die Stadt, als wolle er alle Heiterkeit und Klarheit Lügen strafen.

Der Fall Kampusch, der immer noch nicht ganz zu Ende ist, erzählt auch etwas über Österreich, über ein kleines Land zwischen Zentralismus und Schlendrian, in dem alle Wichtigen sich untereinander zu kennen scheinen, zu mögen oder zu hassen, und irgendeinen „Wickl miteinander haben“, wie man in Wien sagt. Natascha Kampusch jedenfalls fährt nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch ihre Heimatstadt. Sie hat Angst vor dem Spießrutenlauf, vor aufdringlichen Fragen, vor dem Getuschel.

 

Wie geht es Ihnen inzwischen in Gesellschaft?

Es geht schon. Ich beziehe immer noch viele Dinge auf mich, auch solche, die vielleicht gar nichts mit mir zu tun haben. Ich habe unterschätzt, wie lange ich gezwungen sein würde, der Vergangenheit so einen großen Platz einzuräumen in meinem Leben. Ich hab wirklich gedacht, ich komme da raus, dann braucht es eine kleine Weile, und dann ist die Vergangenheit vorbei. Dann bin ich auch nicht mehr die Natascha Kampusch, sondern einfach eine von vielen. Ich kam mir vor wie eine bunte Katze. Ich wollte ein anderes Fell. Aber ich habe Freunde, ich gehe manchmal aus. Ich bin allerdings auch gern allein.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, einen anderen Namen anzunehmen oder wegzugehen?

Warum sollte ich weggehen und meinen Namen aufgeben? Ich bin doch nicht die Verbrecherin. Der Entführer hatte mir meinen Namen genommen und mich Bibi genannt. Das sehe ich gar nicht ein.

Wie leben Sie im Moment?

Ich habe eine Wohnung in Wien. Ich habe Freunde und Leute, die mich unterstützen. Ab und zu sehe ich meine Familie. Ich gehe zweimal in der Woche zur Therapie. Ich nehme Gesangsstunden, um Blockaden zu lösen und weil ich gern singe. Ich gehe reiten, auch das hilft mir sehr. Ich kümmere mich um meine Projekte, Mediensachen, karitative Projekte. Und ich würde gern ein paar von den Dingen beenden, die ich angefangen habe. Meine Goldschmiedausbildung zum Beispiel. Mein Abitur.

Sie waren seit Ihrer Entführung nie wieder in einer Schule.

Nein, aber ich habe meinen Hauptschulabschluss nachgemacht. Und ich möchte auch mein Abitur machen und vielleicht studieren. Aber wann das so weit ist, das weiß ich noch nicht. Es ist auch nicht für die Öffentlichkeit, ich mache das nur für mich, für niemanden sonst.

Was wird aus dem Haus in Strasshof?

Ich weiß es noch nicht. Ich hatte ein paar Ideen, bis jetzt hat noch nichts geklappt. Ich wollte eine Flüchtlingsunterkunft daraus machen. Die Nachbarn hätten das aber nicht gern gesehen, wenn dort eine afghanische Familie eingezogen wäre oder eine ukrainische. Im Haus selbst zu sein ist schwierig für mich. Im Garten geht es. Reden wir lieber nicht weiter darüber.

"10 Jahre Freiheit" heißt Ihr neues Buch* , aber es ist viel von Unfreiheit die Rede. Warum haben Sie es geschrieben?

Es ist viel passiert in den letzten zehn Jahren, aber ich merke, dass das auch hinter mir liegt. Die Freiheit, die ich mir so unendlich gut und schön ausgemalt habe, hat ein ums andere Mal Grenzen gefunden. Ich beginne mit einem neuen Lebensabschnitt. Ich möchte es jetzt erzählen, weil die Eindrücke noch frisch sind. Ich war nicht mehr Teil der Herde - man beschnüffelte mich, aber ich gehörte irgendwie nicht mehr dazu. Ich habe vieles nicht verstanden. Ich war sehr verletzt, auch weil ich von meinem Leben draußen etwas völlig anderes erwartet hatte.

Was ist denn Freiheit jetzt für Sie?

Es gibt nur subjektive Freiheit, glaube ich mittlerweile, objektiv sind wir alle unfrei. Reisen, das ist alles schön, man kann sich daran erfreuen, aber wirklich frei kann ich nur sein, wenn ich mich innerlich frei mache, dann kann ich auch im tiefsten Gefängnis sitzen und trotzdem frei sein.

 

Sie möchte nicht erzählen, wovon sie manchmal träumt. Es gibt diese dunklen Stunden, natürlich, es gibt Flashbacks, Erinnerungen, Rückschläge. Aber öffentlich sprechen möchte sie darüber nicht. Sie wirkt immer noch sehr verletzt. Viel zu lange, viel zu oft und bis heute hat sich in ihrem Leben alles um die Vergangenheit gedreht, um das Verbrechen an ihr. Die Freiheit, von der sie geträumt hat, hat noch nicht angefangen. Aber Opfer zu sein ist kein Beruf, ist nicht die Aufgabe, nach der sie sucht, das spürt sie schmerzlich.

Sie ist jetzt erschöpft. Sie kämpft dagegen an, das fühlt man, und wieder einmal wundert man sich, wie beherrscht diese junge Frau ist und wie tapfer. Sie will uns noch ihre alte Schule zeigen, die Siedlung, in der sie groß geworden ist, und den Ort, an dem sie entführt wurde. Sie will vielleicht manchmal mehr, als sie kann.

Seitdem Natascha Kampusch nach so vielen Jahren die Flucht gelang, ist vieles anders. Eltern verschwundener Kinder hoffen, über Jahre, Jahrzehnte. Sie denken an den Fall Kampusch. Sie geben die Hoffnung nicht auf, wenn Polizisten ihnen sagen, dass es für Hoffnung wenig Gründe gibt. Sie geben aber auch den Schmerz niemals auf. Manchmal besteht das Leben dann nur noch aus Warten.

 

Frau Kampusch, was können andere lernen aus Ihrem Schicksal? Eltern, die ein Kind vermissen, Ermittler, die einen Fall lösen müssen?

Man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Es ist möglich, zu überleben.

Und was kann man lernen aus den zehn Jahren, die Sie in Freiheit sind und in denen Sie Rückschläge und Verletzungen hinnehmen mussten?

Es ist möglich, zu überleben.

 

*Natascha Kampusch: "10 Jahre Freiheit", List-Verlag, 240 Seiten, 19,99 Euro

stern-Autorin Frauke Hunfeld und Fotograf Peter Rigaud begleiteten Natascha Kampusch drei Tage durch Wien. Sie lernten eine nachdenkliche junge Frau kennen, die erst allmählich dazu kommt, herauszufinden, was ihr in ihrem Leben guttut.


Dieser Artikel erschien im stern Heft Nr. 33.