HOME

Natascha Kampusch: Neue Freiheit, neuer Verdacht

Die Polizei in Wien geht Spuren nach, die die Ermittler in der Vermutung bestärken, dass der Entführer von Natascha Kampusch Mitwisser gehabt und das Mädchen sexuell missbraucht hat.

Von Markus Götting und Uli Hauser

Sechs Wochen sind vergangen im spektakulärsten Fall der österreichischen Kriminalgeschichte. Am Sonntag durfte Natascha Kampusch zum ersten Mal ihre Stimme für das Parlament abgeben, aber in ihrem Fall bedeutet Wahlgeheimnis eben auch, dass sie an einem unbekannten Ort ihren Wahlzettel ausfüllen musste - aus Sorge vor dem Presserummel. Seit gut einer Woche hat die 18-Jährige die Station sieben des Allgemeinen Krankenhauses verlassen; sie lebt jetzt in einer städtischen Wohnung, gemeinsam mit Betreuern.

Ihr Anwalt Gerald Ganzger spricht von "einem wichtigen Zwischenschritt in Richtung Freiheit". Es ist eine seltsame Freiheit. Erst vergangenen Donnerstag, als ein spanisches TVTeam ihr und ihrer Familie vor Ganzgers Kanzlei in der Rotenturmstraße auflauerte, kam es zu einem Handgemenge; ihr Vater Ludwig Koch und der Gatte einer ihrer Halbschwestern prügelten sich mit den Fernsehleuten. Er sei ja von Anfang an dagegen gewesen, sagt er jetzt, dass seine Tochter in die Öffentlichkeit geht. Nun wird sie diese nicht mehr los. Dabei sollte doch endlich so etwas wie Normalität beginnen. In ihrem Umfeld macht man sich schon Gedanken über den internationalen "Women of the Year Award", für den sie im Gespräch ist. In Amerika. Ein neuer Medienberater soll künftig die gesamte Familie vertreten: Vater, Mutter, Kind. Und ihre Anwälte beschäftigen sich mit den großen Deals: Die Filmrechte werden verhandelt.

Größere Datenmengen wurden gelöscht

Zudem gibt es 30 bis 40 Buchangebote, wobei noch nicht ganz klar ist, wer es schreiben soll. Denn bei aller Eloquenz des Entführungsopfers - schriftlich ist sie auf dem Stand einer Zehnjährigen, sowohl bei der Handschrift wie der Rechtschreibung. Auch die nächsten Interviews stehen an, und Gerald Ganzger sagt: "Im Moment suchen wir noch einen Arbeitstitel, vielleicht etwas wie: Natascha - ihre ersten hundert Tage in Freiheit. Über die Vergangenheit will Frau Kampusch jedenfalls nicht mehr reden." Ginge es nach den Anwälten, würde der Fall Kampusch nun endgültig abgeschlossen - 120 Aktenordner, Deckel drauf und fertig. "Wir sind keine Ermittler", sagt Ganzger, "wir sind nicht neugierig, wir haben keinen Fragenkatalog, so nach dem Motto: Was wir schon immer von Frau Kampusch wissen wollten." Das geht nicht allen so. Vor wenigen Tagen hat die Polizei der Staatsanwaltschaft ihren Zwischenbericht geschickt, die Schlüssel für das Anwesen des Entführers Wolfgang Priklopil in Strasshof sind dem zuständigen Bezirksgericht ausgehändigt worden, und Soko-Sprecher Gerhard Lang sagt: "Die Hausdurchsuchung ist beendet."

DNA-Spuren wurden gesichert, verwertbare Fingerabdrücke gab es kaum. Priklopil war ein Ordnungsfanatiker, alles musste clean sein. Sobald Natascha Kampusch ihre Hände auf den Tisch legte, wischte er hinterher; Gläser, Geschirr - alles penibel poliert. Noch immer untersucht die Polizei das Beziehungsgeflecht zwischen Entführer, seinem Geschäftspartner, Nataschas Mutter Brigitta Sirny sowie deren damaligem Partner, einem Transportunternehmer. Vergangene Woche beschlagnahmten die Beamten bei einer Durchsuchung im Haus des Geschäftspartners Ernst Holzapfel mehrere Computer und Zubehör, darunter auch einen Laptop, der offensichtlich Priklopil gehörte. Noch sind viele Dateien auf der Festplatte verschlüsselt, aber ganz sicher ist: Zuletzt wurden größere Datenmengen gelöscht. Ein Volumen, das auf Foto- oder Filmmaterial hindeutet. Im Moment versucht die Polizei, diese zu rekonstruieren, denn vermutlich hat Priklopil sein Opfer bei grausamen Spielchen gefilmt und fotografiert, um damit Geld zu machen. Es gibt mehrere Hinweise, wonach Priklopil in der Wiener Sado-Maso- Szene unterwegs gewesen sein soll. Und er soll Natascha gezwungen haben mitzumachen. Und zwar außer Haus. Nach stern-Informationen soll sie mit Handschellen gefesselt worden sein, geschlagen und gedemütigt.

Sie will ein "Disneyland des Schreckens" verhindern

Auch andere Personen sollen daran beteiligt gewesen sein. Wer? Ihr wurden die Augen verbunden. Niemand vermag zu sagen, wann und wie oft das passierte. Natascha Kampusch hat angesichts ihres Traumas und der Gefangenschaft keine exakten Raum- und Zeitvorstellungen. Sie will unbedingt das Haus ihres Entführers besitzen. Zurzeit prüfen die Juristen, ob sie es als Schmerzensgeld für ihre Mandantin einklagen können, wobei Natascha der Mutter ihres Peinigers lebenslanges Wohnrecht einräumen will. Sie möchte verhindern, dass es "Dritten in die Hände" fällt, sagt ihr Anwalt Ganzger, und "ein Disneyland des Schreckens daraus wird". Dennoch ist nur schwer zu verstehen, weshalb die junge Frau so sehr an diesem Ort des Schreckens hängt. "Nun ja", sagt Ganzger, "letztlich ist es ja auch so etwas wie ihr Elternhaus."

print

Von:

Markus Götting und