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Neapels Camorra: Unternehmer der härteren Sorte

"Das große Abschlachten" in Neapel ist gerade vorbei, da kommt ein italienischer Autor mit einer schockierend einfachen Analyse der italienischen Mafia: Die Camorra, so Roberto Savioano, agiert nicht anders als normale Unternehmen - sie vergießt nur mehr Blut.

Von Luisa Brandl, Rom

Wenn man dem jungen Erfolgsautor Roberto Saviano folgt, ist das, was Neapel kürzlich widerfuhr, nicht im Sinne der Camorra: weltweiter Medienrummel um das organisierte Verbrechen in der Vesuv-Metropole. Saviano räumt in seiner viel beachteten Erstveröffentlichung auf mit dem überholten Klischee des Camorrista als Tagelöhner im Sonntagsanzug mit der Lupara unterm Arm, dem Gewehr mit abgesägtem Lauf. Die Carmorra sei heute ein hochmodernes Unternehmen, so Saviano, das weniger von der Erpressung von Schutzzöllen lebt als von der Investition der Profite aus dem Drogenhandel und dem boomenden Markt der Luxusfälschungen in den legalen Wirtschaftskreislauf: Geldwäsche durch Firmenbeteiligungen und Unternehmensgründungen, Investitionen in der Gastronomie und im Tourismus, in der Baubranche und die Übernahme öffentlicher Aufträge wie das lukrative Geschäft mit der Müllentsorgung auf illegalen Deponien.

An den Grenzen der Legalität

Eins will die Camorra partout vermeiden, so der Jung-Literat und Journalist, der selbst in einem Camorra-Bezirk Casal di Principe in Caserta aufgewachsen ist: die Öffentlichkeit. Die Camorra habe sich in jüngster Zeit immer mehr dem Stil des legalen Unternehmertums angepasst, um nicht aufzufallen. So betreibt die Camorra-Familie La Torre aus Mondragone mehrere Restaurants im schottischen Aberdeen, die in einem Reiseführer angepriesen werden; La Torre selbst reiste nach Paris, um auf einer großen Gastronomie-Messe seinen Familienbetrieb einem Fachpublikum vorzustellen. Die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität verwischten immer mehr, beobachtet Saviano. Der Autor widerlegt noch ein weiteres Klischee: die Camorra als Entwicklungsbremse. Für die Unternehmen der armen Region Kampanien stellen die Clans im Gegenteil einen Mehrwert dar. An den Boss kann sich ein Unternehmer wenden, wenn etwa Banken keine Kredite gewähren; im Gegenzug wird das Unternehmen die Firmen des Clans mit Aufträgen beglücken, sein Geld reinwaschen, seine Mitglieder einstellen. Dafür hält der Boss seine schützende Hand über den Betrieb, kassiert zwar eine Profitbeteiligung, die sich aber wie eine Versicherung für den Unternehmer auszahlt: in Zeiten von Konjunkturschwankungen und Globalisierung kann ein in Not geratener Betrieb immer mit Finanzspritzen des Clans rechnen, deren sprudelnde Einnahmequellen aus Drogenhandel, Prostitution und Waffendeals auch während einer Rezession nicht versiegen.

Morde auf offener Straße

Nicht selten setzt die Camorra den Marktschwankungen ihre geballte Gewalt entgegen. La Torre, der Inhaber von Restaurants und Pizzerien in Schottland, reagierte prompt auf eine Preissenkung der italienischen Pizzabäcker in seinem Ort. Seine Leute setzten den Zulieferer der Konkurrenz unter Druck, den Mehlpreis zu erhöhen, indem sie seine Lieferwagen mehrmals überfielen. Die Camorra profitiere nicht nur, sie korrigiere den Markt, folgert Saviano. Sein Buch erregte großes Aufsehen in Italien, verkaufte sich in sechs Monaten rund 100.000 Mal. Nächstes Jahr erscheint "Gomorra" in Deutschland, Frankreich, Großbritanien, Holland und den USA. Der 28-Jährige wird selbst von der Camorra bedroht und seit kurzem von Leibwächtern beschützt wie ein hochrangiger Mafiarichter; zurzeit hält er sich an einem geheim gehaltenen Ort auf. Auch der Lebensstil der jungen Killer der Camorra habe sich gewandelt und dem modernen Konsumverhalten angepasst, analysiert Saviano. Ugo De Lucia, der laut Anklage drei Morde in vier Tagen begangen haben soll, war gerade in Pro Evolution Soccer an der Playstation vertieft, als er sein Spiel unterbrechen musste, den Joypad kurzerhand mit der Magnum vertauschte und seinen Job als Killer erledigte, um danach sofort wieder an den Comuputer zurückzukehren, als wäre er nur mal eben Zigaretten holen gegangen. So kaltblütig die Killer vorgehen, so gezielt sind ihre Opfer fast ausschließlich unter den Rivalen zu finden. Tendenz: Den Blutzoll so gering wie möglich halten. Richter und Ermittler geraten nicht mehr ins Visier.

Der Staat versagt

Nach dem großen Bandenkrieg vor zwei Jahren zwischen dem Clan der Allianz von Secondigliano und dem gegnerischen Clan der Misso war es in der Tat still geworden um Neapel. Die Pax mafiosa stellte scheinbar einen Frieden unter den Banden her, und die 20 Morde allein im ersten Halbjahr 2006 erregten weiter kein Aufsehen. Doch im Juni geriet das prekäre Gleichgewicht ins Wanken: Vincenzo Di Lauro, Sohn des berüchtigten Bosses Paolo Di Lauro, wurde wegen eines Formfehlers aus dem Gefängnis entlassen. Der 31-jährige steht nach Einschätzung der Ermittler von der DIA (Direzione Investigativa Antimafia) für eine neue Generation, die ohne Rücksicht auf Blutvergießen die Gebiete neu aufteilen will. Es geht dabei um die Plätze für den Drogenumschlag, das Stammgschäft der Clans, bei dem ein Boss bis zu 60.000 Euro Gewinn pro Tag machen kann.

Die jüngste Mordwelle mit zwölf Delikten in zehn Tagen, "das große Abschlachten" (O-Ton Neapels Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino) ging auf eine Revolte innerhalb des Misso-Kartells zurück, die Familien Sarno und Mazarella lehnten sich gegen den obersten Boss Giuseppe Misso auf. So wurde etwa dessen Schwiegersohn Vincenzo Prestigiacomo von seinen Killern mit vier Kopfschüssen aus einem Meter Entfernung auf offener Straße niedergestreckt, nachdem er gerade eine Bar im Zentrum an der Porta San Gennaro verlassen hatte. Bei dem Hinterhalt wurde eine Passantin verletzt. Die neue Welle der Gewalt legt einmal mehr offen: Der Staat hat versagt. Antonio Bassolino regiert seit zwölf Jahren, erst als Bürgermeister Neapels, jetzt als Präsident der Region Kampanien. Zu Beginn seiner Amtszeit rief er die " Renaissance Neapels" aus, betrieb Kunstförderung und Stadtverschönerung und schaute ansonsten weg, wie seine Kritiker sagen. In den letzten Jahren wurden 19 Gemeinderäte Kampaniens wegen Camorra-Infiltration aufgelöst, mehr als in ganz Italien, insgesamt 17. Der renommierte Journalist Gian Antonio Stella sprach von einer Epidemie.

Aus dem Knast, in der Schlacht

Nach dem Wiederaufflammen der Gewalt entsandte die Regierung in Rom 1000 Polizeibeamte und ließ eine Videoüberwachung an den Drogenplätzen installieren. Einige befürchten, die Kameras werden so lange surren, bis die Camorra sie wieder ausschaltet. In der Diskussion um die Auswüchse der Gewalt prangerte die Staatsanwaltschaft die Auswirkungen der Amnestie vom Sommer an: Die Gefängnisentlassungen gerieten häufig zum Todesurteil für die Camorristi. Auch der 31-jährige designierte Erbe des Misso-Clans, Prestigiacomo, war dank einer Strafmilderung vorzeitig entlassen worden. Die Opfer des Doppelmords in Torre del Greco Adriano Cirillo, 27, und Pasquale Pecoraro,31, hatten ebenso von einer Amnestie Gebrauch gemacht. Insgesamt sollen nach Zeitungsberichten bei sechs Morden Haftentlassene als Täter oder Opfer im Spiel gewesen sein. Die Rechtssicherheit müsse wieder hergestellt werden, forderte die Soziologin Gariella Gribaudi. Nur wenn verurteilte Carmorristi auch definitiv einsäßen, würden sie nicht länger von der Jugend als Idole vergöttert.

Bürgermeisterin Iervolino registrierte zudem eine wachsende Gewaltbereitschaft allgemein in Neapel. Zur selben Zeit, als die Clans sich ihren Kampf lieferten, wurde ein Krimineller bei einem Überfall auf ein Tabakwarengeschäft von dem Geschäftsinhaber erschossen. Im selben Zeitraum erstach ein 16-Jähriger aus Eifersucht zwei 18-Jährige. Nach einem Familienstreit erschoss ein 21-Jähriger seinen Vater mit einem Gewehr. Nach Einschätzung des Autors Saviano verfolgt die Camorra sehr aufmerksam die Schlagzeilen und tariert ihre Strategie je nach Medienecho. Dass zuletzt über ganz unterschiedliche Probleme in der Berichterstattung über Neapel zu lesen war, kann die Camorra nur erleichtern, sie lenken allesamt von dem "System" Camorra ab, wie es Saviano nennt.

Das Unternehmen Camorra

Denn die Camorra sei kein lokales, sondern ein italienisches Problem, so Saviano. Müllimporte etwa würden aus dem Norden und Zentrum des Landes nach Kampanien gebracht und von der Camorra auf illegalen Halden entsorgt, Der Wiederaufbau erdbebenzerstörter Gebiete in Umbrien finanziert mit Camorra-Geldern, und die Wege der Geldwäsche führten nach Mailand, Bologna, Venetien, Schottland, Teneriffa und Santo Domingo. Die Camorra würde nach wie vor zu sehr als rein kriminelle Vereinigung wahrgenommen und zu wenig von seiner unternehmerischen Seite.

Der 28-Jährige recherchierte in Neapels Unterwelt teils mit Methoden à la Günther Wallraff, schleuste sich als Kellner bei einer Camorra-Hochzeit ein oder heuerte als Arbeiter bei einem Unternehmer der Camorra an. Als der Literat und Journalist vor Gericht aussagte, staunten die Ermittler über dessen detaillierte Kenntnisse und sein Verständnis der Zusammenhänge. Seine provokante These: die Camorra unterscheidet sich abgesehen vom Blutzoll nicht von anderen Unternehmen.