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Neonazi-Prozess: "Ich hätte Gewalt angewendet"

Monatelang haben vier Münchner Neonazis vor Gericht bestritten, ein Bombenattentat auf das Jüdische Zentrum geplant zu haben. Nun folgte die überraschende Wende.

Im Prozess um die Anschlagspläne auf das Münchner Jüdische Zentrum haben zwei Angeklagte nun überraschend gestanden, dass die rechtsextremistische "Kameradschaft Süd" unter Führung von Martin Wiese Terrorpläne geschmiedet hatte. David Schulz und Alexander Maetzing ließen über ihre Anwälte erklären, sie zögen einen Schlussstrich unter ihre Neonazi-Vergangenheit. Wiese bestritt erneut alle Vorwürfe und bezichtigte seine Ex-Kameraden der Lüge.

Günstiger Zeitpunkt

Der Zeitpunkt für die Geständnisse war geschickt gewählt: Ehe Wiese, der als Rädelsführer gilt, seine umfangreiche Erklärung vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht abgeben konnte, räumten Schulz und Maetzing alle Vorwürfe ein.

Wiese und seine drei Stellvertreter sind wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Neonazi-Gruppe soll einen Bombenanschlag auf die Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums am 9. November 2003 geplant und dazu Sprengstoff und Waffen besorgt haben.

Tiefes Bedauern

Der 22-jährige Schulz ließ seinen Anwalt verlesen: "Ich will nach reiflicher Überlegung reinen Tisch machen." Er habe als Mitglied des Führungszirkels der Neonazi-Gruppe Wieses Absichten geteilt. Es habe für ihn "kein Zweifel" bestanden, dass der Sprengstoff "für Anschlagspläne in näherer Zukunft eingesetzt werden könnte". Dies habe er gedeckt und gebilligt. In dem Schreiben hieß es weiter: "Das Ganze tut mir wahnsinnig Leid."

Auch Maetzing äußerte in seiner Erklärung tiefes Bedauern. "Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen." Der 28-Jährige setzte sich ebenso wie Schulz auch äußerlich von der Neonazi-Szene ab: Die beiden jungen Männer tragen normale Kurzhaarschnitte, während Wiese und der vierte Angeklagte, Karl-Heinz Statzberger, stets mit kahl rasierten Schädeln im Gericht erscheinen.

Maetzings ließ erklären, die enge Gruppe um Wiese habe den Sprengstoff für Anschläge verwenden wollen. "Alle nahmen in Kauf, dass das Material auch eingesetzt wird." Mehrere Ziele seien diskutiert worden, besonders die Grundsteinlegung am Jakobsplatz. "Für keines der möglichen Ziele gab es eine detaillierte Planung", verlas der Anwalt. Der 28-Jährige verdeutlichte in dem Schreiben, wie ernst die Sache dennoch war: "Ich hätte Gewalt angewandt, wenn es von mir verlangt worden wäre."

Polizisten flankieren wütenden Wiese

Wiese standen Überraschung und Wut über die Geständnisse ins Gesicht geschrieben. In einer Pause soll er laut geworden sein; anschließend wurde der bullige 29-Jährige vorsorglich von zwei Polizisten flankiert.

In seiner Erklärung versicherte Wiese in aufgebrachtem Ton: "Die Geständnisse sind gelogen." Schulz und Maetzing bezeichnete er indirekt als Verräter ohne Ehre und Stolz, die sich auf einen Deal mit dem Gericht eingelassen hätten. Er sei "menschlich und kameradschaftlich sehr enttäuscht". Wiese sagte weiter, er könne sich nicht für etwas verurteilen lassen, "das ich nicht getan habe".

"Wir waren und sind keine Terroristen" Der Neonazi beteuerte: "Ich und auch die Mitangeklagten haben zu keiner Zeit einen Anschlag anlässlich der Grundsteinlegung für das Jüdische Kulturzentrum geplant." Auch sonst habe es keine Anschlagspläne gegeben. "Wir waren und sind keine Terroristen", betonte Wiese mehrfach.

Der 29-Jährige übernahm die alleinige Verantwortung für die Beschaffung von Sprengstoff und Waffen. "Das war mein Fehler." Er habe das Material verkaufen wollen - an wen, könne er nicht verraten, weil er sein Ehrenwort gegeben habe.

"Dann sprengen wir den Scheiß halt in die Luft"

Mit dem Geld wollte Wiese nach eigenen Angaben 25.000 Flugblätter gegen das Jüdische Zentrum drucken lassen und diese bei der Grundsteinlegung auf die Festgäste regnen lassen. In der Erregung sei ihm einmal rausgerutscht: "Dann sprengen wir den Scheiß halt in die Luft." Solche Äußerungen seien aber nur "dumme Sprüche" gewesen, versicherte der Neonazi.

Eine Zeugin, die wegen der Anschlagspläne in einem gesonderten Verfahren vor Gericht steht, berichtete von der Idee, die Baustelle mit Schweineblut zu besudeln. Wiese habe in seiner Wohnung einen Zettel mit den "Konturen eines jüdischen Mitbürgers" aufgehängt, der durchsiebt von Einschusslöchern gewesen sei.

Wieses Anwalt Günther Herzogenrath-Amelung zeigte sich völlig überrascht von den Geständnissen. "Das sind Versuche, zu Lasten der Wahrheit den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und zu Lasten Wieses billig davon zu kommen", sagte er. Bundesanwalt Bernd Steudl sprach von einer "Wende in diesem Verfahren". Die Verteidiger der beiden geständigen Angeklagten erhofften sich mildere Strafen für ihre Mandanten. Alle vier Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft. Das Strafmaß für Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung liegt bei bis zu zehn Jahren Haft.

Irene Preisinger/AP / AP