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Neonazi-Prozess: Sprengstoff nur zum "Nervenkitzel"

"Manche machen Bungee-Jumping, wir machen halt solche Sachen", sagte ein Angeklagter im Münchner Neonazi-Prozess. Die Gruppe "Kameradschaft Süd" behauptet, Sprengstoff nur zum Nervenkitzel gehortet zu haben.

Im Prozess gegen Führungsmitglieder der Neonazi-Gruppe "Kameradschaft Süd" hat ein weiterer Angeklagter bestritten, dass die Rechtsextremen einen Anschlag auf den Neubau des jüdischen Zentrums in München geplant hätten.

"Ich möchte betonen, dass es nie eine Planung für eine Sprengstoffexplosion oder gar einen Anschlag gegeben hat", sagte der 24-jährige Karl-Heinz S. am Mittwoch vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht in München. S. muss sich wie der mutmaßliche Rädelsführer Martin Wiese und zwei weitere Angeklagte unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Der ebenfalls angeklagte David S. bestätigte frühere Aussagen, wonach ein nationalsozialistischer Staat das Ziel Wieses gewesen sei.

Nach Auffassung der Bundesanwaltschaft hatte der Führungszirkel der Vereinigung unter der Führung Wieses einen Anschlag auf den Neubau des jüdischen Zentrums zur Grundsteinlegung am 9. November 2003 geplant. An der Feier am 65. Jahrestag der Nazi-Pogrome gegen Juden hatten der damalige Bundespräsident Johannes Rau und führende Vertreter des jüdischen Lebens in Deutschland teilgenommen.

Ziel sei eine Diktatur

Die Bundesanwaltschaft wirft der Führung der "Kameradschaft Süd" vor, sie habe unter Wieses Führung auch unter Einsatz terroristischer Mittel eine Nazi-Diktatur in Deutschland errichten wollen. Den vier Angeklagten zwischen 21 und 28 Jahren werden weiter Verstöße gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz sowie illegale Sprengstoffbeschaffung zur Last gelegt.

Der 21 Jahre alte David S. bestätigte auf Fragen des Gerichts Aussagen aus früheren Vernehmungen, wonach ein nationalsozialistisches System das Ziel Wieses gewesen sei. Die wöchentlichen Übungen der so genannten "Schutzgruppe", dem Führungszirkel der Gruppe, in Waldstücken mit Luftpistolen seien von Wiese zum Erlernen des Umgangs mit Waffen gedacht gewesen. Nach Statzbergers Angaben bereiteten sich die Rechtsextremen auf Einsätze bei Demonstrationen vor, wo Neonazis öfters von politisch Andersdenkenden angegriffen würden. Laut Bundesanwaltschaft übte die Gruppe mit Soft-Air-Pistolen für einen Anschlag mit scharfen Waffen. Der 24-Jährige sagte, die wöchentlichen Übungen hätten zur "Körperertüchtigung" gedient. Manchmal seien auch Abwehrmaßnahmen geübt worden.

TNT aus einer Panzerfaust

Wiese habe angekündigt, später sollten auch scharfe Waffen ausgehändigt werden. Diese Aussagen Wieses will S. ebensowenig ernst genommen haben wie ein Treffen in einer Wohnung, bei dem Wiese ihm einen Gegenstand in die Hand gedrückt habe mit den Worten, dies sei Sprengstoff. Nach Angaben der Ermittler verfügte die Neonazi-Gruppe über mehr als ein Kilogramm explosives TNT, das aus einer Panzerfaust stammte.

Der mit kahl geschorenem Schädel vor Gericht erschienene Karl-Heinz S. stellte das Besorgen von Sprengstoff der Gruppe als reinen Nervenkitzel dar, der Einsatz des Sprengstoffes sei keinesfalls geplant gewesen. "Andere machen Bungee-Springen, wir machen halt so einen Schmarrn", sagte er. Die Gruppe sei auch keine terroristische Vereinigung, er selbst distanziere sich von Gewalt. Er habe das persönliche Ziel, Missstände in Deutschland zu beseitigen.

Wiese verweigert Aussage

Der Hauptangeklagte Wiese verweigert in dem Prozess die Aussage. Sein zeitweiliger Stellvertreter Alexander M. hatte eingeräumt, dass über die Möglichkeit eines Anschlags gesprochen worden sei, er hatte dies aber als bloßes Gerede bezeichnet. M. war damit von Aussagen bei früheren Vernehmungen abgerückt, in denen er von angeblich konkreteren Plänen berichtet hatte.

Der vierte Angeklagte, Alexander M., bestritt, dass die Gruppe mit Waffen und Sprengstoff überhaupt hätte umgehen können. Der Einzige mit militärischem Wissen sei der V-Mann Didier M. gewesen. Der Franzose habe der Gruppe auch beim Ausspionieren politischer Gegner geholfen und Tipps gegeben. Wiese habe einige Pläne mit M. besprochen.

Fünf weitere Führungsmitglieder der Neonazi-Gruppe stehen seit Anfang Oktober in einem separaten Verfahren vor Gericht. Zwei der Angeklagten sollen am Donnerstag als Zeugen gehört werden.

AP/Reuters / AP / Reuters