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Neonazi-Überfall auf Zeltlager: "Nüchtern hätte ich das nie gemacht"

Rund vier Monate nach dem brutalen Überfall auf ein Zeltlager linker Jugendlicher in Nordhessen hat der rechtsradikale Hauptverdächtige vor Gericht gestanden. Der 19-Jährige gab sich zu Prozessbeginn vor dem Landgericht Kassel reumütig - und schob die Tat auf zuviel Alkohol.

Mit einem Geständnis des Angeklagten hat am Mittwoch der Prozess um den rechtsextremistischen Überfall auf ein Zeltlager linker Jugendlicher vor dem Landgericht Kassel begonnen. Der 19-Jährige muss sich wegen schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung verantworten. Er soll bei dem Überfall im Sommer mit einem Klappspaten und einer Bierflasche auf ein 13-jähriges Mädchen und dessen 23-jährigen Stiefbruder eingeschlagen und beide verletzt haben.

"Ich bereue die Tat, es tut mir sehr leid", hieß es in einer persönlichen Erklärung des Angeklagten, die dieser von seinem Verteidiger verlesen ließ. Den blutigen Überfall auf das Zeltlager am Neuenhainer See in Nordhessen führte er auf Alkoholgenuss zurück: "Wäre ich nüchtern gewesen, hätte ich die Tat nicht begangen." Von seiner rechtsextremistischen Einstellung distanzierte er sich aber nicht.

"Spaß haben und Linke aufmischen"

Er sei zum Zeltplatz gefahren, weil er "Spaß haben und Linke aufmischen" wollte, so der Angeklagte. Er habe aber nicht damit gerechnet, Menschen schwer zu verletzen. "Eine unüberlegte Tat. Ich hatte hinterher ziemlich Heulgefühle." Die Tat sei nicht geplant gewesen. Fünf der sechs Männer, die mit ihm zum Zeltplatz fuhren und dort Autos beschädigten, habe er erst kurz zuvor auf einer Kirmes kennengelernt. Gegen sie gebe es keinen hinreichenden Tatverdacht, an der Körperverletzung beteiligt gewesen zu sein, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Der Anwalt der Nebenkläger äußerte sich skeptisch über die umfassende Aussage des Angeklagten. "Ich hätte bei einem so jungen Menschen eine gewisse Unruhe erwartet. Aber er ist so sicher und freundlich, als wäre es trainiert", sagte Arne Platzbecker. Der Angeklagte hatte in der Vernehmung von "Rechtsschulungen" gesprochen, die in der linken wie der rechtsextremen Szene üblich seien. Wer diese veranstalte, sagte er nicht.

Das Mädchen hatte bei dem Überfall Blutergüsse und eine Gehirnerschütterung erlitten. Der Verdacht auf eine lebensgefährliche Hirnblutung bestätigte sich nicht. Die Schülerin leidet nach den Angaben der Staatsanwaltschaft seit dem Überfall am 20. Juli 2008 an fortdauernden Angstzuständen und anderen psychischen Störungen. Ihr 23-jähriger Bruder wurde mit dem Klappspaten ebenfalls auf den Kopf geschlagen. Beide Opfer schliefen zum Zeitpunkt des Angriffs.

Angeklagt ist der 19-Jährige wegen schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung. Die Staatsanwaltschaft wies zur Eröffnung aber ausdrücklich darauf hin, dass auch eine Verurteilung wegen versuchter Tötung in Betracht komme. Der Schüler gehört der rechtsgerichteten Gruppierung "Freie Kräfte Schwalm-Eder" an. Der Prozess wurde von einem großen Polizeiaufgebot geschützt. Mitglieder antifaschistischer Vereinigungen waren als Zuschauer vermummt erschienen. Rechtsradikale waren nicht gekommen. Es blieb alles ruhig. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt.

AP/DPA / AP / DPA