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Neue Vorwürfe in Affäre um zurückgetretenen Bischof: Mixa und die keusche Hure

Schrill und dramatisch offenbart die Affäre Mixa das existenzielle Dilemma der katholischen Kirche: Sie kann ihre Priesterkaste nicht reformieren, ohne die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

Der Fall rund um den zurückgetretenen Augsburger Bischof hat eine Größenordnung und Peinlichkeit angenommen, die selbst hartgesottenen Kritikern der Kirche kaum noch rechte Freude bereiten dürfte. Zu tragisch ist das, was sich dieser Tage einer zunehmend angewiderten Öffentlichkeit bietet. Wenn nicht aller Anschein trügt, ist Walter Mixa ein schwer kranker Mann, dem endlich und energisch geholfen werden sollte, auf den Boden der Realität zurückzukehren. Anderenfalls könnte sich der Eindruck verstärken, dass höhere kirchliche Kreise bis hin zum Vatikan einen der Ihren im Stich lassen, um den eigenen Ruf zu schützen.Mag Mixa auch ein gefallener Bruder sein, aber für die deutschen Bischöfe und nicht weniger für Papst und Kurie ist er weiterhin ein Bruder.

Inzwischen ist fast schon egal, welche Details in den nächsten Tagen oder Wochen im Umkreis der Kathedralen von Eichstätt, Augsburg, München oder auch Rom noch zu Tage gefördert werden. Wie schlimm kann es denn noch kommen? Von Bedeutung ist das alles fast nur noch in Bezug auf die Opfer. Denen steht von katholischer Seite selbstverständlich Hilfe zu, wo das erforderlich ist, und in jedem Fall eine angemessene Entschädigung. Dass sich mit Geld begangenes Unrecht nicht ungeschehen machen lässt, ist eine Binsenweisheit, taugt als Argument aber keineswegs, um sich als Kirche vor der finanziellen Form weltlicher Gerechtigkeit zu drücken. Es sind im Übrigen sicher nicht die Täter und ihre Vertreter, die darüber entscheiden sollten, was den Opfern zusteht.

Der Klerus, Drewermann und Gorbatschow

Und was folgt für die Kirche selbst? Am 20. Juni ist einer ihrer profiliertesten deutschen Kritiker 70 geworden: Eugen Drewermann. Wie eine späte, zweifellos aber bittere Genugtuung muss der Fall Mixa samt allem, was ihm über Monate vorausging, auf den Theologen und früheren katholischen Priester des Bistums Paderborn wirken. Drewermann hatte schon vor gut 20 Jahren mit seinem Buch "Kleriker" ein detailliertes und schonungsloses Psychogramm des geistlichen Standes vorgelegt - und von seinen Oberen heftige Prügel dafür eingesteckt. In seinem mächtigen Werk beschränkte sich Drewermann nicht darauf, Einzelfälle aus Pfarreien, Klöstern und Seminaren zu beschreiben und psychologisch zu deuten. Mit scharfem analytischen Blick arbeitete Drewermann darüber hinaus die kirchlichen Strukturen heraus, die sittliche und psychische Missstände im Klerus begünstigen, wie sie jetzt tagtäglich berichtet werden. Logische Konsequenz, so könnte man denken, sei darum die gründliche Reform dieses Systems, um künftigem Unheil vorzubeugen. Weg mit Zölibat und Unfehlbarkeitsanspruch, ruft mancher schon voller Eifer. Doch so einfach geht das nicht.

Eugen Drewermann hat sich seit vielen Jahren auch mit der Reformfrage befasst und ist schließlich zu einer ernüchternden Antwort gekommen: Die Folge eines Parteivorsitzenden Michail Gorbatschow, so Drewermann, sei ja nicht etwa die Reform des kommunistischen Systems gewesen, sondern dessen Zusammenbruch. Ganz ähnlich sei auch die katholische Kirche - wie jede Diktatur - letztlich nicht reformierbar. Wie bitte? Aber natürlich sei es möglich, werden jetzt zum Beispiel evangelische Christen einwenden, erheblich mehr Demokratie in kirchliche Strukturen einzufügen! Ja, das stimmt. Doch zugleich würde dann aus der katholischen Kirche nur eine weitere protestantische. Das sakramentale Verständnis des Amtes und der klerikalen Hierarchie ist so grundsätzlich und reicht so tief, dass eine "demokratische katholische Kirche" nur auf einem gänzlich neuen Fundament errichtet werden könnte. Das wäre dann zweifellos christlich, aber ebenso sicher nicht mehr "katholisch".

Die Heiligkeit hat ihren Preis

So lange es sie gibt, wird die katholische Kirche darum wohl bleiben, was der Heilige Ambrosius über sie schon im vierten Jahrhundert nach Christus gesagt hat: eine "casta meretrix", eine keusche Hure. Die von Weihrauchschwaden umwölkte Mystik und das Geheimnis des Entrückten, des "Keuschen", gehören zu dieser Kirche und machen weltweit für viele Millionen bis heute ihre Faszination aus. Doch solche "Heiligkeit" hat ihren Preis. Denn hinter der sakralen Nebelwand blüht nicht nur die Fantasie des Himmlischen und Göttlichen, sondern auch die der weltlichen Laster und Leidenschaften. Weil nicht Engel, sondern leibhaftige Menschen das heilige Feuer hüten. Eine unbefleckte katholische Kirche gibt es darum so wenig wie einen unschuldigen Menschen. Das können wir natürlich beklagen. Ändern aber können wir es nicht.