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Neuruppin: Die XY-Bande

Drogenhandel, Glücksspiel, Geldwäsche, Korruption: Wie sich eine Kriminelle Vereinigung unter den Augen der Honoratioren in einer Stadt ausbreitete.Ort der Handlung: nicht Palermo, sondern Neuruppin.

Von Frauke Hunfeld

Sicher, ein komisches Gefühl hatten sie schon. Andererseits: war ja nix bewiesen. Klar, man hörte so dies und das. Ist eben so, in einer kleinen Stadt. Da gibt es auch viel üble Nachrede. Aber: Dafür ist doch die Polizei zuständig, oder nicht? "Und wenn das gestimmt hätte, was man so gehört hat, dann wäre das doch längst aufgeflogen." Sagt Jens-Peter Golde, der frisch gewählte Bürgermeister von Neuruppin, und blickt aus dem Fenster seines Hotels hinaus auf den See.

Als im Morgengrauen eines schönen Augusttages im vergangenen Jahr über 200 Polizisten in die kleine beschauliche Stadt Neuruppin rasten, war das Überraschendste für die Ermittler, dass niemand überrascht war. Als sich die LKA-Leute in Dutzende Wohnungen rammten, durch Betten wühlten, Schränke auskippten, Holzverkleidungen abrissen, als sie mit Krawumm und Getöse Aktenordner in Kisten schmissen, CDs und Festplatten über die holprigen Wege in ihre Autos zerrten, als sie selbst vor dem Rathaus nicht Halt machten, da ging kein Sturm der Entrüstung durch die kleine Stadt. Nicht einmal ein laues Lüftchen des Erstaunens. Selbst als bekannt wurde, dass gegen mehr als hundert Personen ermittelt wurde, dass etliche sofort verhaftet wurden, darunter ein CDU-Politiker, Rathausmitarbeiter, ja sogar ein Polizist, sagten die Leute bloß "na ja" und "wurde auch mal Zeit". Am Abend darauf eröffneten sie ihr Weinfest, und die Beigeordnete tanzte auf der Bühne mit einem Bürgermeister aus Japan.

Drogenhandel in großem Stil

Seit Anfang Mai läuft vor dem Landgericht Neuruppin das größte Verfahren gegen die organisierte Kriminalität, das jemals im Land Brandenburg stattfand. Es sind Söhne der beschaulichen Fontanestadt um den mutmaßlichen Rädelsführer Olaf K., die da als XY-Bande vor Gericht stehen, aber die Vorwürfe taugen für einen Mafia-Thriller: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel in großem Stil, illegales Glücksspiel, Förderung der Prostitution, Geldwäsche, Nötigung, Körperverletzung, illegaler Waffenbesitz und so weiter. Geschnappten Dealern wurde Schweigegeld gezahlt, Gewinne aus den "Geschäften" brachte man in die Schweiz. Einzelne Zeugen werden mit kugelsicherer Weste auftreten, die Sicherheitsbedingungen wurden verschärft, der Hof des Landgerichtes mit olivgrünen Planen verhängt wie im Krieg. "Jetzt wollen wir aber nicht, dass unsere ganze Stadt kriminalisiert wird", sagt Bürgermeister Golde und seufzt. "So etwas kann doch überall passieren", findet auch sein Vorgänger Otto Theel.

Und Reinhard Sommerfeld, der den Hauptangeklagten in die CDU geholt hat, will gar nichts mehr sagen. Er hat nämlich "die Nase langsam voll". Doch wie der Würstchenverkäufer Olaf K. in wenigen Jahren zum Paten von Neuruppin aufsteigen konnte, zum Immobiliengroßkäufer, zum Stadtsanierer, zum Fußballklubpräsidenten, Parteiensponsor, zum Hoffnungsträger eines touristischen Großprojekts, am Ende gar zum Abgeordneten, das hat vielleicht mehr mit den Neuruppiner Verhältnissen zu tun, als so mancher wahrhaben will. Die Plätze zu gross, die Straßen zu breit, die Nasen zu hoch - so beschreibt schon Fontane seine Geburtsstadt im Ruppiner Land, 60 Kilometer nordöstlich von Berlin. Zu Ostzeiten rottete die preußischste Stadt Deutschlands vor sich hin wie viele Baudenkmäler der ehemaligen DDR, gemacht wurde nur das Nötigste. Nach der Wende aber stieg der idyllisch am Ruppiner See gelegene Militärstandort zu so etwas wie einer Provinzhauptstadt auf. Und nach einer kurzen Übergangszeit übernahmen die alten Kader die Regie. Otto Theel (PDS), früher 1. Wirtschaftssekretär der SED-Kreisleitung, wurde 1993 Bürgermeister und blieb es elf Jahre lang, bis er aus Altersgründen ausschied.

Siegelringe, fette Limousinen, XY im Kennzeichen

Sein frisch gewählter Nachfolger Jens-Peter Golde war vor der Wende in der SED, trat nach der Wende der SPD bei, war mal kurz Wirtschaftsdezernent, bevor er wegen angeblicher Zweckentfremdung von Geldern gehen musste. Jetzt ist er in der Unternehmerinitiative "Pro Ruppin", die böse Zungen in der Stadt die "Wir helfen uns"-Partei nennen. Der ehemals starke Mann der CDU, Reinhard Sommerfeld, war zu DDR-Zeiten Kampfgruppenleiter des örtlichen Großbetriebes. In der Euphorie der Nachwendezeit machten viele von ihnen Geschäfte und Unternehmen auf, manche große, manche kleine. Otto Theel übernahm das alte SED-Erholungsheim, das nun der Treuhand gehörte. Auf ein neues Geschäftsfeld musste der gescheiterte Sohn nicht lange warten. Andreas Theel bekam den Zuschlag für das Catering der städtischen Neuruppiner Fahrgastschifffahrt. Sein kleiner Bruder Christian durfte mit seiner Firma "Pro event" Veranstaltungen in der städtischen Pfarrkirche durchführen. Reinhard Sommerfeld machte eine Firma auf, die Büros, Schulen und Kitas ausstattete. Golde eröffnete die Gastwirtschaft seiner Eltern, direkt am See gelegen, neu. Und Olaf K., damals 21, versuchte sich mit einer Würstchenbude am Markt, zusammen mit seinem Freund Jürgen D., dem Sohn des örtlichen Juweliers und Chefs der "Arbeitsgemeinschaft Innenstadt". Reich werden konnte man damit nicht.

Olaf und seine Freunde erweiterten ihre Geschäfte. Erst stellten sie Spielautomaten auf, dann betrieben sie Spielotheken, eröffneten ein Fitnessstudio. Die in der Innenstadt gelegene Kneipe "Blue Banana" wurde ihr Treffpunkt. Sie schlossen sich immer enger zusammen, kauften sich die gleichen Autos, schotteten sich ab, um sich herum immer ein paar "Freunde" der Marke Dickärmel, die wohl aussehen sollten wie Bodyguards, aber eher als Laufburschen fungierten. Am Anfang haben sie noch gegrinst, die Leute von Neuruppin.Was spielen die denn hier? Gleiche Siegelringe, fette Limousinen, immer mit dem XY im Kennzeichen, und sie nennen sich "Familie". Was soll das werden? Klein- Palermo? Oder doch eher Räuber Hotzenplotz? Sie stolzierten mit dunklen Sonnenbrillen durch die Stadt, ließen die Ellbogen aus den Fenstern ihrer schnellen Autos hängen und schworen sich ewige Freundschaft. Kleine-Jungs-Romantik, dachten die Leute, ein bisschen spät dran vielleicht, die Burschen, aber bitte, so mancher hatte was nachzuholen nach der Wende.

Woher das Geld kam, fragte niemand

Dann erzählten die Kinder am Abendbrottisch, dass der K. und seine Leute vor den Schulen Drogen anboten. Zur gleichen Zeit verkaufte die Stadt ungerührt eine Immobilie an Olaf K., in der ein Bordell residierte. Man hörte, dass mitten in der denkmalgeschützten Innenstadt immer mehr Häuser an Olaf und seine Freunde gingen. Viele fanden das gut. Die Häuser erstrahlten in neuem Glanz. Es ging voran in Neuruppin. Aber dass man mit den Gewinnen aus Würstchenbude und Fitnessklub nicht ganze Straßenzüge aufkaufen und sanieren konnte, das vermochten sich selbst die zusammenzureimen, die mit ihren eigenen kleinen Geschäften in Neuruppins Innenstadt gerade so überlebten. Es ist nicht so, dass niemand etwas gesagt hätte. Als sie Olaf K. in die CDU gebeten haben und am gleichen Tag auf die Wahlliste zum Stadtparlament gehievt, weil er doch jetzt jemand war, da haben ihn die neuen Parteifreunde einfach mal ganz direkt gefragt, wie das denn nun ist.

Ob er mit Drogen handelt oder nicht, und was sonst noch so an Gerüchten erzählt wird. "Nix dran", sagte Olaf K., und damit war die Sache vom Tisch. Schließlich war Olaf der Sohn von Winfried, einem seriösen Gastronomen, und Gerlinde, der Leiterin eines privaten Kindergartens. So kam Olaf K. im Oktober 2003 ins Stadtparlament und von dort direkt in den Haupt- und Finanzausschuss, die Herzkammer einer jeden Stadt. Woher Olaf K. und seine Freunde das ganze Geld für die großen Projekte hatten, fragte niemand. Ein denkmalgeschütztes Haus ließ er in einer Nachtund- Nebel-Aktion einfach abreißen, weil er dort ein Hotel errichten wollte. Man sah ihn am Tage in Cafés mit dem Chef des Grundstücksamtes herumhängen, Roger G. von der SPD, und dass sie dabei nicht nur über Fußball geredet haben, ahnten viele. Im Weinhaus sah man ihn abends mit den Söhnen des Bürgermeisters Theel, die auch in die CDU eingetreten waren.

Kokain auf lau

Olaf K. wurde Präsident des Fußballklubs SV Union Neuruppin und spielte selbst. Mittelstürmer. Er spendete für die SPD und für die CDU, er sponserte den Klub, unterstützte Aktionen einer örtlichen Zeitung. Und er plante gewaltige Investitionen: Einen Yachthafen für zehn Millionen wollte er als Nächstes bauen, um endlich die Wassertouristen anzulocken. Er nannte seine Firma "SeeInvest" und machte den Fraktionschef der CDU zu seinem Geschäftsführer. Zum Yachthafen allerdings kam es nicht mehr. Als Olaf K. an jenem Augusttag in Neuruppin verhaftet wurde, riss er etliche mit. Seinen "Freund" Roger G. zum Beispiel, den Grundstücksamt- Mann, der zugab, Olaf K. bei städtischen Immobilienkäufen begünstigt,ihm Tipps gegeben zu haben, welche Häuser von Privatleuten wo zu haben sind. Olaf bezahlte dafür teure Autoreparaturen, lieh ihm Geld und schenkte ihm auch schon mal ein teures Handy.

Die Verwaltungsangestellte Ingrid S. bekam ebenfalls hin und wieder einen Zuschuss - und drückte dafür beide Augen zu, wenn es um Konzessionen für Bierausschank oder Öffnungszeiten und Betriebsgenehmigungen der Spielotheken ging. Der Polizist Uwe N. musste den Dienst quittieren, weil er Olaf K. vor Razzien in seinen Läden gewarnt hatte - dafür gab`s Kokain auf lau. Die CDU-Fraktion zerbrach, weil die Gebrüder Andreas und Christian Theel samt ihrem Förderer Sommerfeld aus der Partei austraten und eine eigene gründeten und auf diese elegante Weise auch eine parteiinterne Aufarbeitung der Affäre umschifften. Allerdings musste Andreas Theel inzwischen zugeben, dass er den XY-Chef zum stillen Teilhaber des städtischen Fahrgast- Caterings gemacht hatte, weil der ihm finanziell aus der Klemme geholfen hatte. Im Zuge der Ermittlungen kam noch so dieses und jenes heraus. Allzu arglos hat man kleine Aufmerksamkeiten entgegengenommen, allzu entschlossen alle Hinweise auf dunkle Geschäfte ignoriert, allzu selbstverständlich auf gewisse "Freundschaftsdienste" gesetzt.

Golde will nach vorn sehen

Die Frau von Otto Theel nahm ein Aquarell, eine kleine Spende hier, ein bisschen Sponsoring da, so ließ sich`s leben. Die Wie-du-mir-so-ich-dir-Gesellschaft in Neuruppin funktionierte eine ziemliche Weile gar nicht mal so erfolglos. Das Verfahren gegen den Ex- Bürgermeister Otto Theel wurde gegen Zahlung einer Geldbuße an eine Antikorruptionsorganisation eingestellt. Gegen seinen Sohn Andreas wird weiter wegen Geldwäsche ermittelt. Äußern will er sich dazu nicht. Alle Parteien prüfen, wie sie mit eventuellen Spenden von Olaf K. umgehen wollen, die mutmaßlich aus Drogengeldern stammen. Eine Antikorruptionsbeauftragte hat die Stadt nun auch. Frau Schwedland aus dem Sozialamt soll zehn Prozent ihrer Arbeitszeit damit verbringen, den Filz in Neuruppin zu bekämpfen. Was sie genau darf, weiß sie allerdings noch nicht, und Auskunft gibt sie nur, wenn der Bürgermeister es erlaubt.

Bürgermeister Jens-Peter Golde erwartet zumindest aus der Verwaltung keine weiteren Enthüllungen über Bestechungen. "Es gab die Möglichkeit zur Selbstanzeige, die vertraulich behandelt wird." Für seine Politikerkollegen allerdings möchte er die Hand nicht ins Feuer legen: "Angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse vieler" will er nicht ausschließen, dass noch der eine oder andere einen "Privatkredit" bei Olaf K. laufen habe. Golde will nach vorn sehen. Die 750- Jahr-Feier steht bevor. Ein Vier-Sterne- Hotel entsteht. Das attraktive Land am Fehrbelliner Tor soll bebaut werden mit Villen für Betuchte. Der neue Steg. Der Yachthafen soll trotzdem kommen. Und man träumt davon, einen fast 20 Kilometer langen Kanal bis nach Rheinsberg durchzustechen, um eine Wasserstraße zu schaffen, die bis an die Ostsee führt. Andreas Theels Vertrag mit der Fahrgastschifffahrt wurde trotz des Geldwäscheverdachts und trotz neuer Schulden nicht gekündigt. Seine Firma sitzt in einem idyllisch gelegenen Haus direkt am Seeufer.

Es gibt bestimmt für alles eine Erklärung

Das Haus gehört den Stadtwerken. Im Stockwerk darüber sitzt eine Medienagentur, die zahlreiche Broschüren für die Stadt und die Stadtwerke macht und auch die Pressearbeit für den Bürgermeister in dieser schweren Zeit. Eine von zwei Teilhabern ist die Tochter des Chefs des städtischen Sport- und Kulturbetriebes. Ein Golde-Sohn macht dort seine Ausbildung. Auch "Pro event" des jüngeren Theel-Bruders Christian hat ihren Sitz in diesem Haus. Es gibt bestimmt für alles eine Erklärung. Natürlich gab es eine Ausschreibung für das Catering auf den beliebten Schiffen. Und sicher war der Bürgermeister- Sohn der beste Bewerber für den Ausbildungsplatz. Und warum sollte eine junge Frau mit ihrer Agentur Aufträge für Kulturbroschüren nicht bekommen, nur weil ihr Vater Leiter des städtischen Kulturund Sportbetriebes ist? Da ist oft auch viel üble Nachrede. Ist eben so in einer Kleinstadt. Wenn da Vetternwirtschaft im Spiel wäre, dann wäre das sicher längst aufgeflogen. Für so was ist doch ein Parlament zuständig. Aber ein komisches Gefühl hat man schon.

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