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Niederlande: Amoklauf schockt die Nation

Viele Niederländer sind erschüttert. Dass ein Amokläufer ein Blutbad anrichtet, hatten sie bislang mit Amerika oder Deutschland verbunden. Doch nun kommt auch in Holland eine Diskussion über Schützenvereine und Waffenscheine in Gang.

Königin Beatrix ist "sprachlos angesichts des Leids". Sieben Tote, 17 Verletzte. Ein Amoklauf an einem sonnigen Tag mitten im ländlich-friedlichen Holland. "Man geht davon aus, dass so etwas nicht passiert", sagt Premierminister Mark Rutte. Immer wieder kommt in Politiker-Stellungnahmen zum Blutbad in Alphen aan den Rijn das Wort "unbegreiflich" vor. Doch als sich einen Tag danach die Schockstarre des Oranje-Königreichs zu lösen beginnt, mehren sich die kritischen Stimmen und Fragen.

Holland sei nicht wirklich vorbereitet gewesen, sagt der Sicherheitsexperte Glenn Schoen im Fernsehen. Durchgeknallte Amokschützen habe man schließlich bisher nur durch Berichte aus anderen Ländern gekannt, aus den USA oder Brasilien und immer wieder vom großen Nachbarn Deutschland. Jetzt aber reihten sich die Niederlande "in ein internationales Muster" ein.

Ein deutscher Ort ist nun wieder im Gespräch, der vor zwei Jahren noch in einer anderen Welt zu liegen schien - obwohl er von Alphen aan den Rijn nur sechs Autostunden entfernt liegt: Winnenden. Genau wie dort fragen sich jetzt Menschen in den Niederlanden, ob die Gefahr blindwütiger Massaker nicht zumindest eingedämmt werden kann und welche Lehren Polizei und Politik, ja die gesamte Gesellschaft ziehen müssen.

Angst vor Nachahmern

Die Angst vor Nachahmern ist groß. In der Nacht zum Sonntag, wenige Stunden nach dem Massaker im Alphener Shopping Center "Ridderhof", wird in Rotterdam ein 17-Jähriger festgenommen. Auf Twitter hatte er angedroht, das Blutbad von Alphen werde "in Kürze eine Wiederholung finden". Andere Twitterer alarmierten die Polizei.

Beunruhigend auch diese Nachricht: Der 24-jährige Tristan van der Vlis, der "große, blonde, blauäugige" Todesschütze vom "Ridderhof", dessen Namen die Behörden schon kurz nach dem Blutbad veröffentlichten, war für die Polizei kein völlig Unbekannter. Als 16-Jähriger war er wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz aktenkundig geworden, räumte die ermittelnde Staatsanwältin Kitty Nooy ein.

Allerdings sei es damals wohl um eine Art Dumme-Jungs-Aktion gegangen: Van der Vlis habe sich - soweit man das zurückverfolgen konnte - wahrscheinlich in einer Gruppe von Jugendlichen mit einer illegalen Luftdruckpistole ins Bein geschossen. Ohne es direkt zu sagen will die Chefermittlerin damit vermutlich nahelegen: Allein dieser Vorfall konnte für die Polizei doch kein Grund sein, Van der Vlis Jahre später die Mitgliedschaft im Schützenverein und seine insgesamt fünf Waffenscheine zu verwehren.

Täter wird als suizidgefährdet beschrieben

Zumindest verwirrend ist jedoch, dass die Ermittler Van der Vlis inzwischen als wahrscheinlich suizidgefährdet beschreiben. Das soll aus stark spirituell gefärbten Texten hervorgehen, die sich auf seiner Computerfestplatte fanden. In einem Abschiedsbrief an seine Mutter hatte er laut Nooy auf "digitale Informationen" verwiesen. Echte Beweggründe für seine Bluttat und den anschließenden Selbstmord ließen sich aber daraus aber nicht herauslesen.

So bleibt noch vieles im Unklaren. Für eindeutige Antworten brauche man mehr Zeit, heißt es bei der Polizei. Genaue Angaben legen indessen bereits die Ermittler der TV-Quoten vor: 1.784.000 Menschen und damit 11,7 Prozent der niederländischen Bevölkerung über sechs Jahren hätten die Live-Sendungen zum Amoklauf verfolgt. Überschrift: "Drama von Alphen fesselt Zuschauer an den Bildschirm".

Noch mehr waren es freilich vor zwei Jahren, als der wahnsinnige Versuch eines Attentats auf Königin Beatrix die Nation hinter den Nordseedeichen in Atem hielt. Damals, dem Königinnentag am 30. April 2009, erlebten Zuschauer mit, wie der 38-jährige Holländer Karst Tates mit seinem Auto auf den Festbus der Monarchin zuraste und dabei sieben Menschen mit sich in den Tod riss. Dass ein Attentäter sein Auto als Waffe einsetzt, hieß es schon damals in Kommentaren, mache deutlich, dass ein Restrisiko von Wahnsinnstaten kaum auszuschließen sei. Selbst wenn man alle Schützenvereine verbieten würde.

Thomas Burmeister/DPA / DPA