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Kriminalität: "Man wusste, wenn er Dienst hat, passiert was"

Krankenpfleger Niels H. hat mindestens 90 Patienten umgebracht - davon ist die Polizei überzeugt. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Versagen seiner Kollegen und Vorgesetzten, sondern auch vom Versagen der Justiz.

Krankenpfleger Niels H. (l.)  im Jahr 2015 auf  der Anklagebank im Landgericht Oldenburg

Niels H. (l.) im Jahr 2015 auf  der Anklagebank im Landgericht Oldenburg - ist der frühere Krankenpfleger der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte?

Diese Geschichte erschien im November 2014 im . Anlässlich der neuen Erkenntnisse der Ermittler veröffentlichen wir sie in einer aktualisierten Version erneut.

Als Niels H. Ende 2002 seine neue Stelle antrat, waren die Kollegen froh über die Verstärkung. Die Fluktuation im Klinikum Delmenhorst, einer nüchternen Stadt zwischen und Bremen, war groß, die Vita des Neuen vielversprechend. Der Wilhelmshavener war 25 Jahre alt. Er hatte fünf Jahre Berufserfahrung. Nach dem qualifizierten Realschulabschluss hatte Niels H. Krankenpfleger gelernt, er gehörte zu den Besten seines Jahrgangs. Außerdem war er ausgebildeter Rettungsassistent. Zuletzt hatte er im benachbarten Oldenburg gearbeitet, war auf der herzchirurgischen Intensivstation und in der Anästhesie Pfleger gewesen. Niels H. sei ein "verantwortungsbewusster und interessierter Mitarbeiter", der "umsichtig, gewissenhaft und selbstständig" arbeite. So hatte es ihm das Klinikum Oldenburg ins Zeugnis geschrieben.

Tatsächlich zeigte sich H. nicht bloß "engagiert" und "hilfsbereit" . Er verblüffte Schwestern, Pfleger und Ärzte mit seinem "großen medizinischen Fachwissen". Niels H., ein mittelgroßer, kräftiger Mann mit schwarzem Haar, war "einer, der zupacken konnte". Wenn der Alarm schrillte, weil das Herz eines Patienten aussetzte oder die Atmung versagte, rannte er über den langen Flur der . Während Kollegen lieber warteten, bis ein Arzt die Patienten intubierte, schob Niels H. ihnen wie selbstverständlich den Schlauch in die Luftröhre. Patienten zu reanimieren, schien seine große Leidenschaft zu sein. Als er es wieder einmal geschafft hatte, bastelten die Kollegen ihm aus einer Kanüle eine "Tapferkeitsmedaille". Niels H. war "stolz wie Oskar".


"Bei 50 habe ich aufgehört zu zählen"

Es waren solche Details, an die sich die ehemaligen Kollegen im Prozess vor dem Landgericht Oldenburg im Jahr 2014 erinnerten. Der Krankenpfleger, inzwischen 40, saß damals wegen Mordes an sechs Patienten auf der Anklagebank. Es war der dritte Prozess gegen Niels H. Im Februar 2015 wurde er wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, seither sitzt er in Haft. Der Pfleger hatte seine Patienten mit Gilurytmal zu Tode gespritzt. Schon damals stand der Verdacht im Raum, dass Niels H. noch viel mehr Patienten umgebracht haben könnte. "Bei 50 habe ich aufgehört zu zählen", soll Niels H. vor Mithäftlingen geprahlt und sich selbst den "größten Serienmörder der Nachkriegsgeschichte" genannt haben. 

Tatsächlich hat Niels H. offenbar mindestens  84 weitere Patienten umgebracht, wie die Sonderkommission "Kardio" am Montag auf einer Pressekonferenz mitteilte. "Das grauenhafte Wirken von Niels H. sprengt jegliche Vorstellungskraft", sagte Johann Kühme, Präsident der Polizeidirektion Oldenburg. Wie viele Patienten der Pfleger wirklich getötet hat, wird vermutlich nie geklärt werden. Viele Leichen konnten nicht mehr exhumiert werden. Sie waren im Rahmen einer Feuerbestattung verbrannt worden. Niels H. droht nun ein neuer Prozess. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Versagen seiner Vorgesetzten und Kollegen, sondern auch vom Versagen der

Bislang galt der Fall des "Todespflegers von Sonthofen" als die größte Serie von Patiententötungen in der Bundesrepublik. 2006 verurteilte das Landgericht Kempten den damals 28-jährigen Pfleger Stephan L. zu lebenslanger Haft, weil er 29 Patienten mittels Giftspritze ermordet hatte. Er handelte nach Überzeugung des Gerichts aus "Mitleid". Bei Niels H. vermutete die Staatsanwaltschaft Oldenburg hingegen, dass ihn "Langeweile" trieb. Der Angeklagte schwieg damals. Das Gericht musste aus Zeugenaussagen rekonstruieren, was geschehen war. 

Niels H. galt als "Rettungsrambo"

Kaum hatte Niels H. die Probezeit im Klinikum Delmenhorst bestanden, verebbte die Begeisterung seiner Kollegen. Sie tuschelten über den "Rettungsrambo". Für Notfälle immer zu haben, fehlte ihm für die tägliche Routine die Lust. Er wusch die Patienten nicht, half ihnen nicht beim Zähneputzen. Solche "Pillepalle-Arbeiten", wie er sie nannte, waren unter seinem Niveau. Nachts stellte er Patienten mit Medikamenten ruhig, um ungestört schlafen zu können. Kollegen beobachteten, wie er Kranke "grob anfasste" und "agile Patienten festband". Bei einem Streit mit einer Schwester "explodierte" Niels H. und wurde gar "handgreiflich", bis ein Arzt dazwischenging. H. war inzwischen verheiratet und Vater einer Tochter.


Trotzdem half er nach Feierabend, sooft es ging, als Sanitäter im Rettungswagen aus. Im Netz betrachtete er Fotos von schweren Unfällen. Die Notfälle auf der Intensivstation häuften sich – vor allem wenn Niels H. Dienst hatte. Und immer öfter überlebten Patienten seine Reanimationsversuche nicht. Einmal fand ein Pfleger vier leere Ampullen des Herzmittels Gilurytmal im Zimmer eines Krebskranken. Er meldete den Fund der Pflegedienstleiterin. Sie war überrascht. Doch nichts geschah. "Das sind ja so Sachen, die man beweisen muss. Und man kann ja nicht so eine Anschuldigung in den Raum stellen" , sagte der Pfleger vor Gericht. 

Immer mehr Patienten sterben auf Intensivstation

Immer wenn der Richter damals wissen wollte, ob die Kollegen Niels H. zur Rede gestellt oder sich beschwert hätten, war die Antwort ein Achselzucken oder ein Kopfschütteln. Alle hatten ein "ungutes Gefühl", glaubten aber, "nichts Greifbares" in der Hand zu haben. "Man wusste, wenn er Dienst hat, passiert was", sagte eine Ärztin. Noch fast zehn Jahre nach den Vorfällen habe sie "ein Gefühl des Gestresstseins", wenn sie an die Schichten mit Niels H. zurückdenke. Ob sie den Pfleger denn nicht zur Rede gestellt habe, wollte der Richter wissen. "Ich war damals noch eine unerfahrene Assistenzärztin", antwortete die Medizinerin mit leiser Stimme. "Heute, mit zehn Berufsjahren, würde ich das schon besprechen."

Dabei hätte auch der Verbrauch Gilurytmal ein Alarmsignal sein können: Im Jahr 2002, bevor Niels H. in Delmenhorst anfing, wurden 50 bis 60 Ampullen verbraucht. 2004 waren es 380, obwohl das Medikament veraltet ist und unberechenbare Nebenwirkungen haben kann, wie lebensbedrohliches Kammerflimmern. In der Apotheke des Klinikums Oldenburg, wo auch die Delmenhorster bestellen, war eine neue Software installiert worden. Das Programm sah keine Freigabe durch Ärzte vor. So konnte Niels H. unkontrolliert bestellen. Er habe sich schon damals über mangelnde Kontrolle beschwert, sagte ein Arzt vor Gericht. Erst seit Niels H. aufgeflogen sei, würden Ärzte die Bestellungen wieder gegenzeichnen.


Auf die Frage, warum die Klinik nicht misstrauisch geworden sei, antwortete der Mediziner: "Man glaubt einfach nicht, dass jemand so etwas tut." Doch auch die Sterbezahlen hätten ein Alarmsignal sein können: Die Zahl der Kranken, die auf der Intensivstation starben, stieg zwischen 2003 und 2005 fast um das Doppelte. Zuvor waren es 76 bis 98 Patienten pro Jahr. 2004 starben 170. In mehr als der Hälfte dieser Fälle hatte Niels H. Dienst. In der ersten Jahreshälfte 2005 starben 96 Menschen – bis Niels H. durch einen Zufall aufflog.

Justiz verhängt kein lebenslanges Berufsverbot

Am 22. Juni 2005 schrillte gegen 14 Uhr der Alarm. Eine Krankenschwester rannte ins Zimmer 6, wo der Justizvollzugsbeamte Dieter Maaß aus Bremen im künstlichen Koma lag. Der 63-Jährige war zweimal an der Lunge operiert worden. Niels H. kam aus dem Zimmer. Der Perfusor mit dem kreislaufstärkenden Mittel war auf null gestellt. Das Herz versagte: lebensgefährliches Kammerflimmern. Maaß wurde sofort reanimiert. Er überlebte zunächst. Doch am nächsten Tag starb er an einer Lungenentzündung. Dass der Perfusor auf null stand, kam den Kollegen sonderbar vor. Sie durchsuchten das Zimmer und fanden im Abfalleimer vier leere Ampullen Gilurytmal.

Die Klinik nahm eine Blutprobe von Dieter Maaß und alarmierte die Kripo. Im Spind von Niels H. stellte die Polizei weitere Ampullen des Mittels sicher. Niels H. gestand, dass er Dieter Maaß das Medikament gespritzt hatte, nannte aber kein Motiv. Er wurde verhaftet. Nach zweieinhalb Monaten kam er aus der U-Haft frei, er fuhr Rettungswagen und arbeitete in der ambulanten Pflege.

Im Dezember 2006 verurteilte das Landgericht Oldenburg den Krankenpfleger wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft und fünf Jahren Berufsverbot. Die Kammer hielt Niels H. nicht für einen Mörder und mutmaßte, dass er Dieter Maaß womöglich "erlösen" wollte. Witwe Heidrun Maaß glaubte das nicht. Die Immobilienmaklerin zog vor den Bundesgerichtshof. Sie wollte erreichen, dass der Pfleger nie wieder arbeiten durfte. Tatsächlich hob der BGH das Urteil gegen H. im Oktober 2007 auf, weil das Landgericht den Mordvorwurf nicht ausreichend geprüft habe.

Niels H. wurde "weggelobt"

Im zweiten Oldenburger Prozess beschäftigten sich die Richter genauer mit dem Werdegang des Krankenpflegers. Sie fanden heraus, dass Niels H. schon im Klinikum Oldenburg – wo er ab Juni 1999 beschäftigt war – auffallend oft zur Stelle war, wenn ein Patient wiederbelebt werden musste. Auch hier tuschelten die Kollegen, nannten H. "Unglücksrabe" und "Pechbringer" . Und den Chefärzten war der "unangebrachte Aktionismus" des Pflegers nicht geheuer. Sie hatten ein "ungutes Gefühl".


Bei der Pflegedienstleiterin stießen sie "auf taube Ohren". Die Vorgesetzte von Niels H. war nicht bereit, Nachforschungen anzustellen. Ein Chefarzt legte dem Pfleger im Sommer 2002 schließlich nahe zu kündigen. Niels H. willigte ein. Er wurde "weggelobt", wie die Richter am Landgericht Oldenburg später feststellten. Im Gegenzug stellte die Klinik ihn bei voller Bezahlung vier Monate frei und schrieb das gute Zeugnis. Im Juni 2008 verurteilte das Landgericht Niels H. wegen versuchten Mordes zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis und verhängte ein lebenslanges Berufsverbot.

Erst von diesem zweiten Prozess erfuhr Kathrin Lohmann aus Elsfleth aus der Zeitung. Sie war "wie elektrisiert". 2003 war ihre lungenkranke Mutter Brigitte auf der Intensivstation in Delmenhorst mit 61 Jahren gestorben. Schon damals hatte Kathrin Lohmann, als Altenpflegerin selbst vom Fach, "das komische Gefühl", dass es "nicht mit rechten Dingen" zugegangen sei. "Meine Mutter war auf dem Weg der Besserung, sollte auf eine normale Station verlegt werden. Plötzlich kam nachts der Anruf, dass es ihr schlecht gehe. Ich raste sofort ins Krankenhaus. Als ich ankam, sagte die Ärztin nur: 'Wir konnten leider nichts mehr für Ihre Mutter tun.'"

Kathrin Lohmann ging zur Polizei. Ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass neue Ermittlungen angestellt wurden. Auch Christian M. aus Delmenhorst, dessen 75-jähriger Großvater nach einer Magenoperation plötzlich auf der Intensivstation gestorben war, erstattete Anzeige. Auch er hatte Zeitung gelesen. Die Staatsanwaltschaft ließ daraufhin acht Patienten exhumieren, die gestorben waren, während Niels H. Dienst hatte. Bei fünf konnten Gerichtsmediziner die Wirkstoffe des Herzmittels nachweisen. Auch bei Kathrin Lohmanns Mutter und dem Großvater von Christian M., beide nicht herzkrank.

Nach sechs Jahren Ermittlungen klagte die Staatsanwaltschaft H. 2014 wegen Mordes an. Niels H. stand zum dritten Mal vor Gericht. Im Februar 2015 verurteilte das Landgericht Niels H. zu lebenslanger Haft. Abgeschlossen war der Fall damit noch lange nicht. Die Sonderkommission "Kardio" ermittelte weiter und fand nun 84 weitere Verdachtsfälle. Niels H. wird ein viertes Mal vor Gericht stehen. Inzwischen ist auch gegen seine Vorgesetzten Anklage erhoben worden. Für Deutschland könnte der neue Prozess gegen Niels H. die Aufdeckung einer der größten Mordserien der Nachkriegsgeschichte bedeuten.

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