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Interview

Gerichtsgutachter im Gespräch: Wie Verbrecher ticken

Norbert Nedopil ist Deutschlands bekanntester Gerichtspsychiater, zahlreiche Verbrecher haben ihm Einblick in ihre Seele gewährt. Nun hat er ein Buch geschrieben über seine spektakulärsten Fälle.

Interview: Kerstin Herrnkind

Norbert Nedopil ist Deutschlands wohl bekanntester Gerichtsgutachter

Norbert Nedopil hat Menschen begutachtet, die grausame Verbrechen begangen haben

Herr Prof. Dr. Nedopil, Ihr Buch heißt: "Jeder Mensch hat seinen Abgrund". Soll das heißen, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann?

Jeder Mensch kann zumindest in die Situation geraten, in der er einen anderen tötet. Deshalb muss er kein Mörder sein.

"Das Eis ist dünn. Man bricht schneller ein, als man denkt", schreiben Sie. Unter welchen Voraussetzungen bricht das Eis?

Manche Menschen töten, weil sie glauben, sich verteidigen zu müssen. Oder es gibt Menschen, die töten, weil sie denken, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie fühlen sich bedroht, glauben, sich nur mit Gewalt helfen zu können. Oder sie töten, um jemanden zu schützen, wie zum Beispiel eine Mutter, die erlebt, wie ihr Kind misshandelt oder missbraucht wird. Auch im Krieg töten Menschen. Aber man muss jedes Mal die Hemmschwelle überwinden um zu töten. Und ich kenne auch Menschen, die gesagt haben: Ich habe das nicht geschafft. Ich habe in die Luft geschossen. Da hat das Eis gehalten, um im Bild zu bleiben.

Norbert Nedopil: Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in die Seele von Verbrechern. Goldmann 19,90 Euro.

Norbert Nedopil: Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in die Seele von Verbrechern. Goldmann 19,90 Euro.

Und was ist mit den echten Mördern? Wer ist schuld daran, dass sie töten?

Der Mörder selbst.

Nicht die Umwelt oder seine schlechte Kindheit?

Nein. Viele Menschen haben eine schlimme Kindheit und werden trotzdem nicht zu Mördern. Es gibt Ausnahmen von Mördern, bei denen ich sagen würde, dass sie nichts für ihre Tat können.

Welche sind das? 

Wenn jemand krank ist und im Wahn lebt, sich gegen jemanden verteidigen zu müssen, der ihn gar nicht angreift. Das wäre ein Mörder, der nicht für seine Tat verantwortlich ist.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Risikofaktoren dafür, die ein Kind später unter Umständen kriminell werden lassen: Ein Elternteil ist schon kriminell, die Eltern trinken, die Mutter ist sehr jung und alleinerziehend. Gibt es eine Möglichkeit, diesen Teufelskreis zu unterbrechen?

Ja, wenn solche Jugendliche einen Erzieher oder Lehrmeister finden, der sich ihrer annimmt, kann der Teufelskreis durchbrochen werden. Aber wir müssen hier sorgsam unterscheiden: Das Gros der Kriminellen begeht gewalttätige Auseinandersetzungen und Eigentumsdelikte. In Deutschland geschehen jährlich rund 600 Tötungsdelikte, 30.000 Körperverletzungen und  18.000 Einbrüche. Die meisten Menschen, bei denen die genannten Risikofaktoren vorliegen, werden nicht zu Mördern, möglicherweise aber zu Kriminellen.

Noch eine Frage aus Ihrem Buch. Gibt es ein Täter-Gen?

Nein, das gibt es nicht. Aber es gibt genetische Bedingungen, die begünstigen können, dass jemand zum Täter wird.

Und die wären?

Sensation-Seeker, also Menschen die ungewöhnlich abenteuerdurstig sind, verdanken das meist einer genetischen Veranlagung. Wenn diese Menschen darüber hinaus keine Angst haben, selbst geschädigt zu werden und dann auch noch rücksichtslos mit den Gefühlen anderer umgehen, weil ihnen das Einfühlungsvermögen fehlt, kann das zu einer gefährlichen Kombination werden. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der solche Eigenschaften hat, auch kriminell wird. Aber diese Eigenschaften erleichtern den Weg in die Kriminalität.

Eine letzte Frage aus Ihrem Buch: Sind Eltern für die kriminelle Karriere ihrer Kinder verantwortlich oder ist es die Umwelt?

Die Eltern spielen eine ganz entscheidende Rolle. Nicht nur, weil sie ihre Gene an ihre Kinder weitergeben, sondern weil sie die primären Bezugspersonen sind. Kinder, die  früh verwahrlosen, in Heime kommen, wechselnde Bezugspersonen haben, sind schwerer in der Lage, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Ihnen fehlt die Bindungsfähigkeit. Und die Loyalität. Deshalb haben sie unter Umständen keine Hemmungen, anderen weh zu tun ...

... wie der Attentäter, der Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker niedergestochen hat?

Zum Beispiel. Deshalb ist die Bindungserfahrung, die Kinder in den ersten Lebensjahren machen, ein ganz wesentlicher Risikofaktor oder eben auch ein Schutzfaktor, wenn die Bindung stabil ist.

"Der Münchner Psychiater Nedopil hat die seltene Gabe, einen Schlüssel zu finden zu Menschen, die nicht entschlüsselt werden wollen", hat die Süddeutsche Zeitung Sie mal gelobt. Wie knacken Sie die Täter, die sie fürs Gericht begutachten sollen?

Mit Offenheit und Fairness. Ich signalisiere ihnen Respekt und Verständnis. Ich stelle offene Fragen, habe also keine vorgefasste Meinung. Ich interessiere mich wirklich für die Probanden und ihre Geschichte. Das merken sie und öffnen sich leichter.

Sie begutachten Menschen, die grausame Verbrechen begangen haben. Fällt Ihnen der Respekt da nicht manchmal schwer?

Als Psychiater hat man oft mit Leuten zu tun, mit denen die meisten Menschen nichts zu tun haben wollen. Wenn Täter mit mir reden, weise ich ihnen keine Schuld zu. Das ist Sache des Gerichts. Ich versuche nur, zu verstehen und zu erklären, wie es zur Tat kommen konnte. Das ist eine Art des professionellen Respekts, die zum Beruf gehört. 

Im Jahr 2003 haben zwei Männer das Geschwisterpaar Tom und Sonja entführt und ermordet. Die Männer gaben sich als Zivilfahnder aus und nahmen die Kinder gefangen. Den 11-jährigen Tom erwürgten sie, um die 9-jährige Sonja ungestört sexuell missbrauchen zu können. Woher kommt diese Kälte?

Es gibt zweifelsohne Menschen, die extrem gefühlskalt sind. Ihnen fehlt die Fähigkeit mit anderen mitzufühlen.

Sie haben die Männer begutachtet. Rauben Ihnen solche Fälle nicht manchmal den Schlaf?

Nein. Ob ich jetzt sage 'leider nicht’ oder ,Gott-sei-Dank nicht’ weiß ich gar nicht. Es gibt aber schon Fälle, die mir den Schlaf rauben.

Welche?

Ich verfälsche die Geschichte jetzt ein bisschen. Ein 13-jähriges, pakistanisches Mädchen wird von einem Mann betäubt und vergewaltigt. Als sie erwacht, tut ihr der Unterleib weh, aber sie weiß nicht, was ihr passiert ist, weil sie nicht aufgeklärt ist. Ihre Regel bleibt aus. Sie traut sich nicht, jemanden etwas zu sagen. Schließlich vertraut sie sich einer Lehrerin an. Die beiden gehen zum Frauenarzt. Das Mädchen ist schwanger. Als die Familie davon erfährt, bringt die Mutter ihre Tochter um, weil sie die Familienehre beschädigt hat. Solche Fälle rauben mir den Schlaf.

Und was ist mit dem Fall Gustl Mollath, der den Ruf ihres Berufsstandes ziemlich ramponiert hat? Mollath saß über sieben Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie. Wie kann es angehen, dass Leute als Straftäter unschuldig in der Psychiatrie landen?

In meinem Buch habe ich den Fall Mollath mit sechs Zeilen abgehandelt. In diesem Fall haben sich alle Seiten bewusst missverstanden. Herr Mollath wollte vor Gericht bei seinem ersten Prozess über etwas Anderes sprechen als das, was die Anklage ihm vorwarf. Er stand wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung vor Gericht, wollte aber über die Machenschaften der Bank reden, bei der seine Ex-Frau beschäftigt war.

Und die Rolle der Psychiatrie?

Herr Mollath hat sich geweigert, mit Psychiatern zu reden. Deshalb war es auch nicht möglich zu sagen, ob und wie krank Herr Mollath war. Das war ein Fehler der Psychiatrie, die vorgegeben hat, zu wissen, was mit Herrn Mollath los war.

Ein Kapitel in Ihrem Buch ist provokant überschrieben: "Medien als Verbrechensverstärker". Sollen wir Medien uns mit der Berichterstattung über Verbrechen zurückhalten, damit nicht mehr Verbrechen geschehen?

Nein, aber ich wünsche mir mehr Sachlichkeit in der Berichterstattung. Mich stört der Medienhype, der zum Teil nach Amokläufen um die Täter gemacht wird. Es gibt Jugendliche, die stehen an der Klippe, trauen sich aber nicht zu springen. Der Hype führt unter Umständen dazu, dass diese Jugendlichen denken: Das kann ich auch. Das ist gefährlich. Und Medien sollten sich dessen bewusst sein.

Aber Sie schreiben doch selbst: "Wir können die Kriminalität in unserer Gesellschaft nicht ignorieren."

Ja, das ist eine Zwickmühle, in der die Medien stecken. Die Kriminalität, vor allem die Gewaltkriminalität, hat deutlich abgenommen. So deutlich, dass man es kaum glauben mag. Das ist auch der besseren Polizeiarbeit geschuldet. Aber eine Politikerin sagte mir mal: Wenn ich darüber rede, was wir in der Kriminalitätsprävention alles geschafft habe, gewinne ich keinen Blumentopf. Und auch für die Medien ist das kein Thema. In Wirklichkeit können wir dankbar sein, dass wir in einer solch friedfertigen Zeit leben. 


Norbert Nedopil: Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in die Seele von Verbrechern. Goldmann 19,90 Euro.