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Nordine A., der Amokläufer aus Lüttich: Verbraucht vom eigenen Leben

Wer war der Mann, der in Lüttich vier Menschen tötete und mehr als 100 schwer verletzte? Ein bekannter Dealer und Waffennarr. Und einer, der sich durch seine Kleinkriminalität selbst verbrauchte.

Von Niels Kruse

An diesem schmuddeligen Dienstagmittag hatte Nordine A. eigentlich einen Termin bei der Polizei: Wegen eines mutmaßlichen Sittlichkeitsverbrechens sollte er auf dem Revier verhört werden. Doch stattdessen maschierte er bewaffnet mit Handgranaten, einer Kalaschnikow sowie einer Pistole zum Weihnachtsmarkt unweit der Oper und begann seinen mörderischen Feldzug - er löschte das Leben von vier Menschen aus, verletzte mehr als 100 schwer und jagte sich dann auf dem Lütticher Place Staint-Lambert eine Kugel in die Stirn.

"Vielleicht hatte er Angst, erneut ins Gefängnis gebracht zu werden", sagte am Tag nach dem Blutbad die etwas hilflose belgische Innenministerin Joëlle Milquet. Man kann ihr die Ratlosigkeit nicht übelnehmen angesichts des unfassbaren Blutbads, das der 33-Jährige innerhalb kürzester Zeit angerichtet hat. Mit ihr befindet sich das ganze Land im Schockzustand. Was den Belgier antrieb, liegt weiterhin im Dunkeln, einen Abschiedsbrief hatte er nicht hinterlassen. Der Ministerin als auch den Ermittlern bleiben bislang nur Spekulationen.

A. wurde offenbar rückfällig

Sicher ist, dass A. der Polizei schon seit Jahren bekannt ist: 20 Mal war er wegen Waffen- und Drogenbesitzes, Hehlerei sowie Sittlichkeitsverbrechen verurteilt worden. Zuletzt 2008 - zu fünf Jahren Haft. Doch nach knapp drei Jahren kam er wieder raus aus dem Gefängnis - unter Auflagen und einer achtmonatigen Bewährung. Diese Frist hatte er anscheinend problemlos hinter sich gebracht, doch im November dieses Jahres wurde er rückfällig: Am 13. des Monats ging laut der Lütticher Staatsanwältin Danièle Reynders eine Anzeige gegen ihn ein - wieder wegen eines "Sittlichkeitsdelikts". Die belgische Zeitung "Le Soir" schreibt in diesem Zusammenhang von "Berührungen".

Nordine A., so die zuständige Ermittlerin, sei mit Hilfe eines Nummernschilds identifiziert worden, das am Tatort gefundenen worden war. Um die neuerlichen Anschuldigungen zu prüfen, sollte er am 13. Dezember um 13 Uhr bei der Polizei vorsprechen. Zu dem Zeitpunkt aber hatte seine Kriminellenlaufbahn bereits eine neue Dimension erreicht. Der Mann, der bislang nie etwas mit Mord und Totschlag zu tun hatte, soll seine <linki adr="http://www.stern.de/panorama/nach-bluttat-von-luettich-polizei-findet-frauenleiche-im-haus-des-amoklaeufers-1762438.html">Putzfrau vor dem Amoklauf ermordet haben, die Polizei fand ihre Leiche in einem Schuppen nahe der Wohnung des 33-Jährigen.

Entschlossen, möglichst viele Personen zu töten?

In diesem Verschlag hatte A. auch Cannabis in rauen Mengen angebaut. Stattliche 2800 Pflanzen wurden 2008 von der Polizei gefunden, neben 9500 Waffenteilen sowie mehreren Kalaschnikows, weiteren Gewehren, einem Raketenwerfer und haufenweise Munition. Bei seiner Bluttat auf dem Weihnachtsmarkt warf er drei Handgrananten auf eine Bushaltestelle, durch die zwei Schüler und ein Kleinkind ums Leben kamen. Belgische Medien zitieren nicht weiter genannte Bekannte von Nordine A. denen zufolge der Mann schon seit vielen Jahren ein Waffennarr gewesen ist. Angesprochen auf den Fund seiner überbordenden Sammlung an Mordwerkzeugen sagte Innenministerin Milquet nur, in Belgien seien zu viele Waffen im Umlauf.

Was genau im Kopf von A. an diesem Dienstagmittag vorging und weshalb er "entschlossen wirkte, so viele Personen wie möglich töten wollte", wie ein Augenzeuge berichtete, bleibt nur zu erahnen. Der Sender RTL zitiert Kollegen aus der Schweißerei in der A. arbeitete, mit den Worten: "Er war sehr zurückhaltend, sogar noch mehr als sonst. Er sagte, es gehe ihm nicht gut, wollte aber nicht erzählen weshalb. Nur, dass er sich im Dezember nochmals vor Gericht verantworten müsse." Vielleicht hat er tatsächlich aus Angst vor einer weiteren Haftstrafe "erweiterten Selbstmord" begangen, wie diese Art von Anschlägen in der gängigen Theorie auch genannt wird. Dafür spricht, dass A. am Vorabend der Tat Geld auf das Konto seiner Lebensgefährtin mit den Worten überwiesen hat: "Ich liebe Dich, viel Glück."

A. Anwalt ist schockiert

Nordine A.'s Ex-Anwalt Abdlehadi Amrani, sagte, sein Mandant sei durch die vielen Prozesse "verbraucht" gewesen und habe sich von der Polizei "belästigt" gefühlt. Sein aktueller Verteidiger bestätigt das: "Er konnte die Justiz nicht leiden. Er glaubte, er sei für einige Vorwürfe zu Unrecht bestraft worden", sagte Jean-Francois Dister der belgischen Tageszeitung "La Libre Belgique". Doch dass A., der Dealer und Waffenfreund, der schon in jungen Jahren Waise wurde, soweit gehen würde, schockt den Juristen Amrani offenbar: "Ich hätte nie geglaubt, dass er zu so etwas fähig wäre."

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