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NS-Kriegsverbrecher blieb unbehelligt Laszlo Csatary wohnt unter echtem Namen in Budapest


Er hat sich nicht versteckt und wurde trotzdem erst jetzt gefunden: Der NS-Kriegsverbrecher Laszlo Csatary lebte jahrelang unbehelligt in Budapest. Nun wird der Vorwurf laut, die ungarischen Behörden wollten gar nicht gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher ermitteln.

Sein Nachname steht am Klingelschild. Vor dem Haus parkt sein Auto. Völlig unbehelligt hat der mutmaßliche ungarische #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/laszlo-csatary-paris-fordert-prozess-gegen-mutmasslichen-nazi-verbrecher-1858709.html;NS-Kriegsverbrecher Laszlo Csatary# die vergangenen 17 Jahre in Budapest gelebt - und das unter seinem echten Namen. Die ungarischen Behörden verfügen zwar seit fast einem Jahr über Informationen des #Link;http://www.stern.de/panorama/wiesenthal-zentrums-91487026t.html;Simon-Wiesenthal-Zentrums# über seine Vergangenheit. Doch was den Ermittlern bisher nicht gelungen ist, schafften Reporter der britischen Boulevard-Zeitung "The Sun": Sie spürten den 97-jährigen Csatary auf - und klingelten an seiner Tür.

Das moderne Wohnhaus, in dem Csatary seinen Lebensabend ungestört verbringen wollte, liegt in einem noblen Viertel in der ungarischen Hauptstadt. Dort gelang den "Sun"-Reportern ein Schnappschuss an der leicht geöffneten Tür, den die Zeitung am Sonntag auf ihrer Internetseite veröffentlichte. "Ich habe nichts gemacht, verschwinden Sie!", schleudert Csatary den Journalisten entgegen. Seither reagiert der einstige Polizeichef des jüdischen Ghettos der slowakischen Stadt Kosice nicht mehr auf das Klingeln an seiner Zwei-Zimmer-Eigentumswohnung.

"Ich bin dem alten Mann von Zeit zu Zeit begegnet", sagt der frühere Hausverwalter. Er lebe schon lange im fünften Stock des Hauses, sei aber nie zu den Eigentümerversammlungen erschienen. Dass seit April ein Mann seines Namens ganz oben auf der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher aus der Nazi-Zeit steht, fiel deshalb vermutlich keinem seiner Nachbarn auf. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum weiß über Csatary viel mehr: Er wird für die Deportation von 15.700 Juden in das Konzentrationslager Auschwitz mitverantwortlich gemacht und soll in Kosice Juden misshandelt haben.

Mangelnder Wille gegen Kriegsverbrecher zu ermitteln

"Dieser Mann ist bei guter Gesundheit und fährt selbst Auto", sagt der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff. Er zeigt sich vor allem "frustriert" über den mangelnden Willen der ungarischen Behörden, gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher zu ermitteln. "Im Alter von Csatary kann sich der Gesundheitszustand von einem Tag auf den anderen verschlechtern. Es muss schnell gehandelt werden", mahnt Zuroff. Das Alter und die Zeit, die seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen sei, dürften Kriegsverbrecher nicht vor einer Strafverfolgung schützen.

Die ungarische Regierung von Ministerpräsident #Link;http://www.stern.de/politik/ausland/viktor-orban-90498146t.html;Viktor Orban# steht seit Monaten in der Kritik, antisemitische Übergriffe nicht ausdrücklich zu verurteilen. Nun wurde in ihrem Land auch noch ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher aufgespürt. Vize-Staatsanwalt Jenö Varga beschränkt sich zunächst auf eine kurze Stellungnahme: Die bisher vor allem über die Medien eingegangenen Informationen würden derzeit ausgewertet. Für Laszlo Csatary, der bis 1995 unter falschem Namen als Kunsthändler in Kanada untergetaucht war, bedeutet das: Er kann weiter in seiner Wohnung in Budapest leben - nur nicht mehr unbehelligt.

Florence La Bruyere, AFP AFP

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