NS-Kriegsverbrecher Gericht verurteilt 90-Jährigen zu lebenslanger Haft


Urteil in einem der letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse: Das Landgericht München hat den 90-jährigen Josef Scheungraber zu lebenslanger Haft verurteilt. Es ging um eine Vergeltungsaktion in Italien, bei der 14 Männer starben.

In einem der letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse hat das Landgericht München einen 90-jährigen früheren Wehrmachtsoffizier zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die Strafkammer sprach Josef Scheungraber aus Ottobrunn in Bayern des zehnfachen Mordes und versuchten Mordes an italienischen Zivilisten schuldig.

Das Schwurgericht war nach knapp elfmonatiger Beweisaufnahme überzeugt, dass der damalige Kompaniechef eines Gebirgspionierbataillons 1944 in der Toskana den Befehl zu einem Vergeltungsschlag für den Tod zweier Soldaten gegeben hat. Insgesamt 14 italienische Zivilisten starben damals.

Das Urteil entsprach dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert und argumentiert, es gebe kein Schriftstück, das einen Befehl des Kompanieführers dokumentiere. Allein das Eingebundensein in eine Armee oder in eine Befehlskette könne nicht zu einem Schuldspruch führen. Scheungrabers Anwälte kündigten Rechtsmittel gegen die Entscheidung an. "Wir gehen auf jeden Fall in Revision", sagte Anwalt Klaus Göbel.

An der Urteilsverkündung nahmen auch Hinterbliebene der Opfer teil. Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Beifall aufgenommen.

Scheungraber bestreitet jede Beteiligung an dem Massaker

Bei dem Vergeltungsschlag waren vier Angehörige der Zivilbevölkerung erschossen und zehn weitere Männer in einem Bauernhaus in Falzano di Cortona in die Luft gesprengt worden. Ein 15-Jähriger überlebte als Einziger.

Scheungraber hatte im Vorfeld der Verhandlung jede Beteiligung an dem Massaker bestritten, er habe davon nicht einmal gewusst. In seinem Schlusswort beklagte er sich, er habe viele Jahre seines Lebens "diesem Vaterland geopfert" und stehe nun mit fast 91 Jahren als Angeklagter vor Gericht.

Für eine überraschende Wendung in dem fast ein Jahr dauernden Prozess hatte ein Zeuge gesorgt, der sich erst vor wenigen Wochen bei der Staatsanwaltschaft gemeldet hatte: Der frühere Mitarbeiter in der Möbelschreinerei des Angeklagten hatte ausgesagt, Scheungraber habe einst mit seiner Beteiligung an dem Massaker angegeben.

In Italien war Scheungraber 2006 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Als deutscher Staatsbürger wurde er zur Strafvollstreckung aber nicht ausgeliefert.

DPA/AP AP DPA

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