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NS-Verbrecher: Haftbefehl gegen KZ-Aufseher

Er soll an den Morden von mindestens 29.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen sein: John Demjanjuk, 88 Jahre alt, wird möglicherweise demnächst von den USA ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft München hat Haftbefehl erlassen.

Deutschland steht womöglich vor dem letzten großen Nazi-Kriegsverbrecherprozess: Am Mittwoch hat das Amtsgericht München gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher Iwan Demjanjuk Haftbefehl erlassen. Der in den USA lebende 88-Jährige sei dringend verdächtig, von März bis Ende September 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im heutigen Polen Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Juden geleistet zu haben.

Das Landeskriminalamt hat den Dienstausweis Demjanjuks, der im Besitz von US-Behörden ist, in einem Gutachten für echt befunden. Ob die USA Demjanjuk ausliefern oder abschieben, ist noch nicht geklärt. 1952 kam Demjanjuk in die USA und erhielt 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft, die ihm inzwischen aber wieder aberkannt wurde.

Um das zu erwartende Gerichtsverfahren so gut wie möglich vorzubereiten, würden weitere Ermittlungen geführt, erklärte die Staatsanwaltschaft. Sobald Demjanjuk in Deutschland sei, solle er vernommen werden.

"Iwan der Schreckliche"

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt Demjanjuk auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Er war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Flüchtlingslager bei München untergetaucht und 1952 in die USA ausgewandert. Als seine Mitwirkung am Holocaust Ende der 1970er Jahre bekannt wurde, lieferten ihn die USA 1986 an Israel aus. Dort wurde er wegen seiner angeblichen Tätigkeit als grausamer Wachmann "Iwan der Schreckliche" im Vernichtungslager Treblinka angeklagt und zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof Israels sprach Demjanjuk aber 1993 frei, da seine Identität nicht sicher geklärt werden konnte.

AP/DPA / AP / DPA