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NSU-Prozess: Die Bombe aus dem Geschenkkorb

Eine 19-Jährige fand einen Geschenkkorb, darin eine Bombe - und wäre bei der Explosion fast gestorben. Jahrelang tappte die Polizei nach dem NSU-Anschlag im Dunkeln. Nun räumt ein Beamter Pannen ein.

Der Münchner NSU-Prozess untersucht den ersten der beiden Sprengstoffanschläge, die dem "Nationalsozialistischen Untergrund" zugeschrieben werden. Die Detonation hatte am Morgen des 19. Januar 2001 ein kleines Lebensmittelgeschäft in Köln erschüttert und hätte um ein Haar eine junge Frau getötet.

"Wir konnten uns nicht erklären, wo das Motiv für diese Tat ist", sagte der damalige Ermittlungschef der Kripo Köln und räumte Pannen ein. Als eine Möglichkeit hätten die Ermittler erwogen, "dass eine iranische Organisation in Betracht kommt". Das Opfer ist iranischer Abstammung.

Auch einen rechtsextremistischen Hintergrund habe die Kripo für möglich gehalten, aber nicht erhärten können. Der Verfassungsschutz habe auf Anfragen keine Informationen geliefert, sagte der Zeuge. Ein Phantombild wurde allein in Köln verteilt, nicht aber anderswo in Deutschland. "Das hätten wir nicht geschafft", so der Ermittlungschef.

Tochter erlitt massive Verbrennungen

Das Geschäft gehörte einer deutsch-iranischen Familie. Die damals 19-jährige Tochter hatte eine Christstollen-Blechdose geöffnet, die ein vermeintlicher Kunde kurz vor Weihnachten in einem Geschenkkorb vergessen zu haben schien. Sie blickte nur kurz hinein und sah eine blaue Stahlflasche. Einen Augenblick später explodierte die Bombe.

Mit massiven Verbrennungen kam die junge Frau in eine Spezialklinik. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre das wohl zweite Todesopfer in der Serie der NSU-Morde geworden. Ein knappes halbes Jahr vorher war der Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg erschossen worden - der mutmaßlich erste von zehn NSU-Toten. Die Behörden ahnten da aber noch nicht, dass die Täter in Köln und Nürnberg wohl dieselben waren. Man habe "in alle Richtungen ermittelt", sagte der damalige Einsatzgruppenchef der Kölner Kripo dem Gericht.

Täter hatte Erfahrung im Bombenbasteln

Schon nach wenigen Stunden, so der Hauptkommissar, habe ein Labor herausgefunden, dass der Sprengstoff in der Stahlflasche Schwarzpulver war. Experten hätten nachvollzogen, wie die Bombe konstruiert war. Der Täter habe wohl Erfahrung im Bombenbasteln gehabt.

Doch am Ende dauerte es fast elf Jahre, bis "Nationalsozialistische Untergrund" als Urheber für die Tat erkannt wurde. Im Brandschutt der Wohnung, die Beate Zschäpe nach dem Auffliegen ihrer mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zerstört hatte, fanden sich Spuren - etwa Bilder von Zeitungsartikeln über den Anschlag.

Am Mittwoch setzt das Oberlandesgericht München die Befragung zu dem Anschlag fort - mit der wichtigsten Zeugin, der damals 19-jährigen Tochter.

Christoph Lemmer, DPA / DPA