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Öger-Interview: "Ich wollte im Fall Marco vermitteln"

Kurz vor seiner Freilassung empfing Marco Weiss prominenten Besuch im türkischen Gefängnis: Der Reiseunternehmer Vural Öger tauchte überraschend auf. Aber welche Rolle spielte der Deutsch-Türke im Justizdrama? Im stern.de-Interview verrät Öger, weshalb er Marco besucht hatte.

Herr Öger, Sie sind einen Tag vor Marcos Freilassung in die Türkei geflogen. Nun gibt es den Verdacht, dass Sie Marco W. freigekauft haben

Das ist absurd und nicht wahr. Meine Rolle in diesem Fall wird total überbewertet und falsch interpretiert. Dass Marco ausgerechnet am Tag nach meinem Besuch freigelassen wurde, ist purer Zufall.

Haben Sie, wie berichtet wird, ihr Privat-Flugzeug für die Ausreise zur Verfügung gestellt?

Ich habe kein Privat-Flugzeug. Ich habe mich um eine Rückflugmöglichkeit für Marco bemüht, weil ich darum gebeten wurde. Allerdings nicht mit einem Privatflugzeug sondern mit einem von unseren normalen Fliegern. Aber RTL hat dann ein Flugzeug gechartert. Ich habe damit nichts zu tun.

Warum sind Sie in die Türkei geflogen und haben Marco besucht?

Mich betrifft dieser Fall selber. Denn ich bin Deutscher und Türke zugleich. Zudem bin ich selber Vater eines 19-jährigen Jungen. Ich wollte mir selber ein Bild vor Ort machen. Dann hat mich vor einer Woche Marcos Vater angerufen und gefragt, ob ich helfen könnte. Ich habe zugesagt und mich am Tag vor der Verhandlung zunächst mit dem Vater und dem türkischen Anwalt getroffen. Diese gaben mir dann ihre Einwilligung, dass ich zu Marco ins Gefängnis könne. Ich habe dann den Jungen besucht und weitere Gespräche geführt.

Mit wem haben Sie gesprochen? Auch mit dem Richter?

Nein, mit dem Richter und dem Staatsanwalt habe ich nicht geredet. Ich kenne aber viele Leute in Antalya. Ich habe mich deshalb mit Bekannten und Rechtsanwälten, die aber nichts mit dem Fall zu tun haben, unterhalten. Meine Absicht war es, zu verdeutlichen, welche Aufmerksamkeit der Fall Marco in Deutschland genießt und wie die Stimmung in Deutschland ist. Ich wollte beschwichtigen und vermitteln.

Ist Ihrer Meinung nach in dem Prozess alles richtig abgelaufen?

Ich betone immer wieder, dass die türkische Justiz exakt den Rechtsvorschriften nach gehandelt hat. Viele Rechtsgelehrte in Deutschland haben dies ja auch bestätigt. Der Schutz von Minderjährigen wurde beachtet, aber auch die Rechte der Verteidigung. Und übrigens entsprechen die türkischen Verfahrensregelen deutschen Standards.

Aber Sie haben sich schon mal kritisch zur Länge des Verfahrens geäußert.

Dazu stehe ich auch. Denn man kann einen 17-Jährigen nicht acht Monate lang in Untersuchungshaft lassen. Das war einfach zu lange. Mir wurde aber immer wieder gesagt, dass dies in erster Linie nicht an dem Richter lag, sondern daran, dass die Aussagen des Mädchens nicht vorlagen. Man kann den Jungen jedoch nicht dafür bestrafen, dass die englische Seite das Verfahren immer wieder hinauszögert.

Also ist doch nicht alles perfekt gelaufen?

Der Richter ist ein sehr genauer und akkurater Mensch. Das Problem war jedoch, dass das Gericht unbedingt seine Unabhängigkeit beweisen wollte, vor allem weil der politische Druck aus Deutschland sehr groß wurde. Das hat dazu geführt, dass sich das Gericht besonders viel Zeit nahm.

Wie war die Begegnung mit Marco im Gefängnis?

Ich war eine Stunde bei ihm. Ich dachte, dass ich einen gebrochenen Jungen treffen würde. Aber das war nicht der Fall. Er war gut drauf. Auf mich machte er einen sehr sympathischen Eindruck, er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen.

In Deutschland gab es gerade zu Anfang heftige Kritik an den Haftumständen, von türkischen "Horrorgefängnissen" war sogar die Rede. Welchen Eindruck hatten Sie von den Haftumständen?

Marcos Gefängnis ist ein moderner Bau, viel moderner als Haftanstalten etwa hier in Hamburg. Es ist natürlich kein Luxus-Hotel. Aber die Leute, die die türkischen Gefängnisse kritisiert haben, haben nie einen Fuß in ein solches gesetzt. Es muss ja nicht gleich ein schlechtes Gefängnis sein, nur weil es ein türkisches ist. Es sind immer solche schlimmen Vorurteile, die in solchen Fällen zum Vorschein kommen.

Hat Ihr Einsatz für Marco auch etwas mit damit zu tun, dass sie negative Auswirkungen auf das Türkei-Tourismusgeschäft befürchten?

Nein. Ich glaube auch nicht, dass der Fall negative Auswirken haben wird. Die aktuellen Buchungszuwächse von 25 Prozent zeugen jedenfalls nicht davon. Aber zum Glück ist der Fall vor Weihnachten zu Ende gegangen. Denn natürlich hätte es die türkisch-deutschen Beziehungen sehr belastet, wenn Marco über Weihnachten im Gefängnis geblieben wäre.

Trotzdem sagen viele Deutsche, dass sie aufgrund des Falls Marco nie wieder in die Türkei reisen. Was sagen Sie dazu?

Genau so wie es negative Beispiele gab, gibt es viele positive. Dazu will ich Ihnen aus einem Brief zitieren, den ich nach der Entlassung Marcos bekommen habe: Da schreibt jemand: "Wir sind sehr froh, dass Marco freigelassen wurde. Eigentlich wollten wir dieses Jahr nicht in die Türkei fliegen. Doch gerade deswegen werden wir es jetzt tun." Ich glaube, dass ein Großteil der Deutschen den Fall sehr objektiv beurteilt hat. Auch, weil viele deutsche Türkei-Experten gesagt haben, dass der Fall in Deutschland ähnlich gelaufen wäre - sieht man mal von der zu langen Haftdauer ab.

Wie bewerten Sie die öffentlichen Kommentare deutscher Politiker zum Fall Marco in den vergangenen Monaten?

Das war kontraproduktiv. Gerade die Drohung eines Politikers, die Türkei würde nicht in die Europäische Union gehören, wenn Marco nicht sofort freigelassen würde. Diese Äußerungen waren eine sehr billige Art, sich zu profilieren und haben dem Jungen sehr geschadet. Die Richterschaft in der gesamten Türkei war sehr verärgert über diese Einmischung. Die Forderung an die türkische Regierung, auf den Fall einzuwirken, widerspricht zudem europäischen Rechtstaatsprinzipien. Es wurde versucht, über demokratische Prinzipien hinweg Einfluss zu nehmen. Aber auch in der Türkei gibt es eine Gewaltenteilung.

Was können Deutsche und Türken aus dem Fall Marco lernen?

Politiker sollten sich nicht in laufende Verfahren einmischen. Und zweitens sollte man sich auf beiden Seiten um eine objektive Berichterstattung bemühen. Denn solche Fälle wird es immer wieder geben, schließlich reisen jedes Jahr vier Millionen Deutsche in die Türkei. Der ein oder andere wird mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Man sollte auf beiden Seiten Sachlichkeit bewahren. Vorurteile helfen hier nicht. Diese sind auf beiden Seiten vorhanden, aber wir müssen sie abbauen. Und das war auch ein Hauptgrund meines Engagements für Marco. Ich hatte gemerkt, dass diese Sache eine gefährliche Entwicklung nimmt.

Interview: Malte Arnsperger