HOME

Österreich: 18-Jährige acht Jahre in Verlies festgehalten

Die nach acht Jahren in Gefangenschaft wiederaufgetauchte 18-jährige Natascha Kampusch aus Wien wurde von ihrem Entführer in einer Montagegrube gefangen gehalten. Die Polizei will nicht ausschließen, dass sie das Opfer von sexueller Gewalt geworden ist.

Das nach achtjähriger Gefangenschaft am Mittwoch bei Wien befreite Mädchen ist von ihrem Entführer wahrscheinlich jahrelang in einer Montagegrube festgehalten worden. Wie die Polizei nach ersten Befragungen der jungen Frau und Untersuchung des Verstecks bekannt gab, hatte der Kidnapper die inzwischen 18-jährige Natascha Kampusch in dem drei mal vier Meter großen Loch in einer "Verlies-artigen Garage" verborgen gehalten.

Kein Kontakt zur Außenwelt

Nach Polizei-Angaben hatte der Täter das bei der Entführung zehn Jahre alte Kind offenbar jahrelang völlig von der Außenwelt isoliert. Sie habe etwas lesen und sehr wenig fernsehen dürfen. Wahrscheinlich sei die Frau bis zuletzt physischer Gewalt und wahrscheinlich auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen, sagte ein Polizeisprecher am Mittwochabend.

Kampusch, die Mittwochmittag ihrem Entführer entkommen war und sich bei Nachbarn in der Ortschaft Strasshof in Sicherheit bringen konnte, verbrachte ihre erste Nacht in Freiheit nach Angaben der Polizei «an einem sicheren Ort» in der Obhut von Psychologen. Auch ihre Eltern, die ihre Tochter am Mittwoch identifizierten, werden psychologisch betreut.

Das Mädchen, das vor acht Jahren auf dem Weg zur Schule bei Wien entführt wurde, ist am Mittwoch völlig überraschend wieder aufgetaucht. Der Fall der heute 18-jährigen Natascha Kampusch aus Wien-Donaustadt galt als einer der spektakulärsten der österreichischen Kriminalgeschichte. Nach Angaben der Kriminalpolizei hatte sich die junge Frau mittags bei der Polizei in Strasshof (Niederösterreich) gemeldet. "Ich bin Natascha Kampusch", sagte sie zu den Beamten. Vor den Polizisten sagte sie aus, sie habe sich befreien können und sei ihrem Entführer entkommen.

Nach der Aussage des Opfers leitete die Polizei eine Großfahndung nach dem mutmaßlichen Täter ein. Der 44- jährige Nachrichtentechniker konnte zunächst entkommen, stürzte sich jedoch am Abend nach Polizeiangaben bei Wien-Leopoldstadt vor einen Zug.

Großfahndung nach Entführer

Der 44-jährigen Wolfgang P. aus Strasshof hatte Kampusch acht Jahre lang gefangen gehalten. "Jeder Beamte in Wien, der unterwegs ist, ist (mit dem Fall) befasst", sagte ein Polizeisprecher am Abend. Offenbar war die Polizei dem Täter schon seit einigen Tagen auf den Fersen.

Wie der Sprecher mitteilte, haben Verwandte die junge Frau als Natascha Kampusch inzwischen identifiziert. "Hunderprozentig genau können wir das aber noch nicht sagen." Das Ergebnis einer DNA- Untersuchung wurde ebenfalls noch am Mittwochabend erwartet. "Der Fall Natascha Kampusch, die vor acht Jahren verschwunden ist, könnte glücklich zu Ende gegangen sein", sagte der Leiter des Bundeskriminalamtes, Herwig Haidinger.

Die Zehnjährige war am 2. März 1998 auf dem Weg zur Volksschule in Wien-Donaustadt verschwunden. Trotz intensiver Suche in ganz Österreich und in Ungarn fand die Polizei keine Spur von dem Kind. Nach Augenzeugenberichten war sie von Unbekannten in einem weißen Kleinbus entführt worden.

Nach Medienberichten überprüfte die Polizei danach erfolglos mehr als 700 Kleinbusse in ganz Österreich. Taucher durchsuchten Teiche, Kriminalisten gingen tausenden Hinweisen nach. Von Hubschraubern aus wurde mit Wärmebildkameras nach dem vermutlich meist gesuchten Kind Österreichs gesucht. Öffentlichkeit und Polizei standen damals noch unter dem Eindruck des knapp zwei Jahre zuvor aufgeflogenen Dutroux- Skandals in Belgien. Es wurde befürchtet, dass die Zehnjährige von einem Kinderschänder entführt und ermordet worden sein könnte.

DPA / DPA