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Oliver Shanti vor Gericht: Der Guru und die Kinder

Ulrich Schulz alias Oliver Shanti war einst gefeierter Musikstar der Esoterik-Szene. Doch jahrelang suchte ihn die Polizei wegen 314-fachen sexuellen Missbrauchs an Kindern. Vor Gericht streitet er nun alles ab.

Von Christian Parth

Ulrich Schulz wollte mal ein ganz Großer werden. Einer, der anderen Menschen die Welt erklärt. Einer, auf den man hört, weil sein Mund nur weise Worte entlässt. Deshalb wurde Ulrich Schulz, aufgewachsen in Hamburg, zu Oliver Shanti, Oliver Frieden also, 150 Kilo schwer, vollbärtig, ein feister Typ, Guru seiner eigenen Sekte und ein Mann, der Ermittlungen zufolge am liebsten Kinder mit in sein Schlafzimmer nimmt.

Allein an vier Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen neun und 14 Jahren soll sich der 60-jährige Shanti vergangen haben, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. In den Jahren 1985 und 1998 sei es laut Anklage zu 314 sexuellen Übergriffen gekommen. Vor dem Münchner Landgericht hat Shanti nun zu Prozessbeginn alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe abgestritten. "Ich habe nie Kinder missbraucht, ich habe Kinder sehr lieb", sagte der 60-Jährige.

Der Angeklagte verfolgt die Verhandlungen hinter einem Glaskasten, trägt Mundschutz, Handschuhe und andere Schutzkleidung. Shanti leidet an einem Antibiotika-resistenten Keim, der lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen kann - der einst gefeierte Sekten-Führer ist isoliert.

Sechs Jahre lang wurde Ulrich Schulz alias Oliver Shanti alias Oliver Serano alias Oliver Serano-Alve per Haftbefehl gesucht. Am 27. Juni 2008 war seine Flucht zu Ende. An diesem Tag wollte er in Lissabon seinen Pass verlängern lassen, die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft erkannten den Mann. Als der die Vertretung verlassen wollte, wartete die Polizei auf ihn.

Immer wieder kleine Kinder

Shanti Schulz hat einiges getan, um auf die Liste der meist gesuchten Personen Deutschlands zu kommen. Angefangen hat er seine Karriere als spiritueller Führer in einer Hippiekommune in Indien und begeisterte mit seinen Ausführungen über den Weg zur seelischen Ausgeglichenheit. In den 1980er Jahren zog er nach Viechtach im Bayrischen Wald, wo er seine ersten Jünger um sich scharte. Schon damals soll er zu seinem Vergnügen immer wieder Kinder mitgebracht haben.

Er gründete das Plattenlabel Sattva Music, produzierte orientalische Meditationsklänge und wurde mit CDs wie "Tai Chi" und "Well Balanced" zum Kultstar der Selbsterfahrungsjunkies. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl kaufte er 1986 die "Quinta San José", eine Farm nahe der nordportugiesischen Kleinstadt Vila Nova de Cerveira. Seine Anhänger folgten ihm zahlreich auf die Finca unweit der Atlantikküste.

Um seinen pädophilen Trieb zu befriedigen, habe er eine simple Masche gewählt. "Er konzentrierte sich vor allem auf alleinerziehende Mütter", so der Münchner Journalist Klaus Wiendl, der den Fall seit Jahren begleitet und auch mit Opfern sprach. "Er bot ihnen an, sich um deren Kinder zu kümmern und verging sich dann an ihnen." Auf die Frage einer seiner Anhänger, warum er denn immer kleine Jungs um sich habe, soll Shanti einmal gesagt haben: "Ich transformiere ihre Liebe auf eine höhere Ebene."

Sich selbst zum Phantom transformiert

Zur der Zeit, in der Shanti gesucht wurde, hatte er sich selbst zum Phantom transformiert. Es soll eine Vielzahl von Augenzeugen gegeben haben, die das Schwergewicht in der Nähe seiner Finca gesehen haben wollen. Nach Recherchen der "Berliner Zeitung" soll er 2007 auf einer Motoryacht gesichtet worden sein, einmal soll er mit "hübschen Jungs" in der spanischen Grenzstadt Tui Fußbälle und Kuscheltiere eingekauft haben. Ein anderes Mal habe man ihn in einem Nachtclub am Flughafen Vigo erkannt.

2002 gab es einen versuchten Zugriff durch eine portugiesische Spezialeinheit. Der Griff ging ins Leere und die deutschen Behörden vermuteten, dass der Guru über sein Informanten-Netz rechtzeitig gewarnt worden sei. "Wir hatten damals den Eindruck, dass jemand ihn zuvor in Kenntnis gesetzt hat", sagte Staatsanwalt Anton Winkler. Es gibt zumindest Hinweise, die das plausibel machen. Shanti war in Vila Nova de Cerveira lange als Mäzen der Gemeinde aufgetreten. Der Feuerwehr schenkte er ausrangierte Rettungswagen aus Deutschland und der Stadt einen Hirsch aus Bronze.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Oliver Shanti war ein miserabler Musiker, der andere für sich spielen ließ und sich keinerlei Schuld bewusst ist

Seine CDs gehen noch immer über den Ladentisch

Die Verehrung ist trotz der schwer wiegenden Vorwürfe teils ungebrochen. Seine CDs gehen noch immer über den Ladentisch. Einige Internet-Anbieter haben die Scheiben zwar aus dem Programm genommen, die meisten begnügen sich indes mit Hinweisen auf die mutmaßlichen Taten des Produzenten. Andere wiederum, wie auch der Mega-Seller Amazon, bieten die Musik auch jetzt noch feil. Zwar gab es einmal einen Aufruf ehemaliger Fans zum Boykott. Von vielen Anhängern wird Shanti jedoch weiterhin als Star der New-Age-Generation gefeiert.

Die Hingabe in einschlägigen Internetforen geht bis hin zur völligen Verblendung: "Wer SOLCHE Musik macht, kann nicht schlecht sein", glaubt einer der Autoren. "Erfolg macht Feinde. Ich finde es erschreckend, wie schnell man fallengelassen wird."

Miserabler Musiker, der andere für sich spielen ließ

Shanti ist nach Aussagen ehemaliger Weggefährten zwar ein miserabler Musiker, der stets andere für sich spielen ließ, aber dafür offenbar ein gewiefter Betrüger. Die Erlöse seiner CDs, versprach er einst, sollten anteilweise dem unterdrückten tibetischen Volk zugute kommen. Doch auch dieses hat dem Vernehmen nach nie eine müde Mark von Shanti erhalten.

Verdient hat Ulrich Schulz fürstlich in all den Jahren. Bis zu zwei Millionen Euro monatlich soll sein Plattenlabel in den besten Zeiten umgesetzt haben. Doch Shanti hat auch gerne ausgegeben. Viel Geld dürfte in seine portugiesische Finca geflossen sein und in seine rund 600 Papageien, in die er vernarrt war und die auch als Attraktion für neugierige Kinder in großzügigen Volieren flatterten.

Guru beteuert seine Unschuld

Dass Kinder dem Guru anschließend ins Schlafzimmer gefolgt sein sollen, habe ihr weiteres Leben geprägt. Manche seien ins Drogenmilieu abgerutscht, berichtet Journalist Klaus Wiendl. Andere, die den Mut hätten, auszupacken, habe Shanti verfolgen und verprügeln lassen. Darunter auch einen ehemaligen Weggefährten, der ihm sein ganzes Erbe vermachte und später mit seiner Frau bei Nacht und Nebel nach Deutschland flüchtete.

In Gesprächen mit seinem ehemaligen Anwalt habe der Guru immer wieder beteuert, sich nie an Kindern vergangen zu haben. Gerne würde er alles aufklären. Dazu hat er nun Gelegenheit, wenn er sich vor dem Landgericht München I verantworten muss.