HOME

Angehörige der Orlando-Opfer: "Er wird nicht der Letzte sein, den ich heute betrauern muss"

49 Menschen sterben bei einem Blutbad in einem Nachtclub in Orlando. Menschen mit Familie und Freunden, die bange Stunden des Wartens und des Hoffens erleben mussten. Der stern war vor Ort.

Orlando ist auch Tage nach dem Attentat noch geschockt

Orlando ist auch Tage nach dem Attentat noch geschockt

Das Krisenzentrum für die Angehörigen ist im Hampton Inn nur ein paar Blocks von einem der großen Krankenhäuser von Orlando untergebracht. Mit grünen Bussen, auf denen die rote Leuchtanzeige "Spezial" blinkt, werden Familienangehörige hierher gebracht.

Es ist ein schwüler Abend in Orlando. Über dem gelben Hotelgebäude zucken immer wieder Blitze. Aber regnen will es einfach nicht. Ein Polizist bewacht die Glastür am Eingang. Drinnen kümmern sich Traumaexperten um Angehörige. Eine davon ist Katherine Rosales. Sie ist auf der Suche nach ihrem Cousin Jose Martinez. Der 24-Jährige ist am Sonntagmorgen nicht zu seiner Arbeit in einem mexikanischen Restaurant erschienen. "Es ist furchtbar", sagt sie. "Die Leute sitzen entweder weinend drinnen oder laufen schockiert und hilflos umher." Die Krankenhäuser, Orlandos in denen die Verletzten behandelt werden, sind heillos überfordert. Es liegen kaum Informationen über Opfer, Verletzte und Überlebende vor. Viele Angehörige wurden abgewiesen, wenn sie in den Hospitälern nach Familienmitgliedern suchten. "Am Ende landen alle wieder nur hier im Hotel", wie Katherine Rosales erzählt.

Aufruf zur Einheit versus Angstmache: So unterschiedlich reagieren Clinton und Trump auf das Orlando-Massaker

Xiamara Rodriguez sucht ihre Freunde in Orlando

Auch Xiamara Rodriguez gehört zu den verzweifelten Suchern. Sie war Stammgast im Pulse. Auch am Samstag wollte sie mit ihrer Freundin hin gehen. "Aber irgendwie sind wir dann auf dem Sofa sitzen geblieben und haben lieber miteinander gekuschelt", sagt die 23-Jährige. Ihre dunklen Locken hängen ihr verschwitzt ins Gesicht. In der einen Hand hält sie eine Wasserflasche, in der anderen ein kleines Handtuch, mit dem sie immer wieder Tränen wegwischt. Sie trägt eine zerrissene Jeans und ein blaues Tank-Top. "Schauen Sie", sagt sie und zeigt auf die Badelatschen, die sie an den Füßen trägt. "Als um fünf der Anruf von Freunden über die Schießerei im Pulse kam", habe ich vergessen, meine richtigen Schuhe anzuziehen."

Aus Sorge um ihre Liebsten sei sie einfach losgerannt. Jetzt, mehr als 15 Stunden später, steht sie erschöpft an der Polizeiabsperrung vor dem "Pulse". "Wir haben den ganzen Tag die Krankenhäuser in Orlando abgeklappert", sagt sie und nickt in Richtung ihrer drei Freundinnen. Bislang sind nur wenige Opfer identifiziert. Viele Leichen liegen noch im Nachtclub und werden erst von der Polizei nach und nach abtransportiert. "Wir konnten nicht warten, bis die Polizei irgendwas veröffentlicht, das sind unsere Liebsten da drin gewesen, deswegen sind wir selbst losgezogen."

Atemlos meint die junge Frau dann noch: "Wir wollten alle finden, die wir kennen, die mit uns verabredet waren und im Club gefeiert haben". Gerade haben sie schnell vier kleine Kerzen im Dollar-Shop um die Ecke gekauft, die halten sie jetzt mit zittrigen Händen. Als sie sie anzünden, sprechen sie auf spanisch ein kleines Gebet.

Schlechte Nachrichten per Handy

Von fünf Freunden hat sie inzwischen über Facebook gehört, dass sie dem Massaker entkommen sind. "Sie sind alle völlig fertig, aber unverletzt." Von sechs fehlt noch jede Nachricht. Während Xiomara Rodriguez davon erzählt, wie eng und vertraut die schwul-lesbische Szene in Orlando sei, klingelt ihr Telefon. Zögerlich schaut sie auf die Anzeige. Sagt kurz: "Oh mein Gott", dann nimmt sie den Anruf an. Als sie ein paar Sekunden später wieder auflegt, rollen ihre die Tränen die Wangen herunter. Ihre Kerze hat sie einfach fallen lassen. "Das war der Vater von Stanley, Stanley ist tot." Schluchzend nehmen sich die vier Frauen in den Arm. Minutenlang umklammern sie sich und versuchen sich so Halt zu geben. Es dauert lange, bis Xiamara Rodriguez wieder reden kann.

Stanley Manolo Almodovar ist eines der ersten Opfer, das identifiziert wurde. "Er wurde vorm VIP-Raum am Eingang erschossen, das haben die Ermittler seinem Vater gesagt", so Xiomara Rodriguez. Er sei ein toller Tänzer gewesen und immer ins "Pulse" gegangen, wenn Latin Night war. Dort habe sie ihn auch kennengelernt. Minutenlang erzählt sie davon, was für ein fröhlicher Mensch Stanley gewesen sei. Und dann, nach einer kurzen Pause, meint sie: "Ich fürchte, er wird nicht der Letzte sein, den ich heute betrauern muss."