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Ortstermin in der JVA Landsberg: Zu Knast bei Hoeneß

In ein paar Wochen muss Uli Hoeneß seine Haftstrafe in der JVA Landsberg antreten. Beim Rundgang durch das Gefängnis zeigt sich, dass dies ein unangenehmes Auswärtsspiel für ihn werden könnte.

Von Felix Hutt, Landsberg am Lech

Das Treiben in der Justizvollzugsanstalt Landsberg erinnert an diesem Vormittag an einen Zoo, der einen sehr seltenen Tiger erwartet und voller Vorfreude schon einmal stolz das Gehege präsentiert, in dem das Raubtier bald hausen wird. Fast 160 Journalisten, darunter auch Teams aus dem Ausland, sind der Einladung gefolgt. Die ganze Welt muss schließlich wissen, welchen Wohnkomfort Uli Hoeneß in Kürze genießen wird.

Monika Groß, Krauselocken, strenger Blick, Leiterin des Gefängnisses, begrüßt die Presse am Südtor, dann geht es aufgeteilt in drei Gruppen los. Fragen zu Ulrich H. sind verboten. Sagt Frau Groß. Sagen die Beamten in Grün. Persönlichkeitsrechte und so.

Das ist schon ein bisschen paradox: Niemand wäre gekommen, wenn Hoeneß nicht in ein paar Wochen hier einziehen würde. Den Rundgang hätte es selbstverständlich auch nicht gegeben. Aber über ihn reden darf man nicht. Und wer achtet die Persönlichkeitsrechte der anderen Gefangenen, deren Zellen präsentiert werden wie Musterkäfige?

Über den Hof geht es zuerst in den Speisesaal. Boden und Wände auf dem Weg dahin zieren rostbraune Kacheln. Das Gefängnis, in dem schon Adolf Hitler und der Klatten-Erpresser Helg Sgarbi ihre Strafen verbüßten, gewinnt keinen Architekturpreis, aber das war auch nicht zu erwarten.

"Es ist nicht gestattet, mehrfach an der Kostausgabe teilzunehmen"

In einem Artikel über Uli Hoeneß konnte man lesen, dass er wegen des Stresses der letzten Monate zugenommen habe, er manchmal nachts aufstehe und sich Bratkartoffeln brutzele. Die überflüssigen Pfunde sollte er nach ein paar Wochen in Landsberg los sein. Denn mit dem Mitternachts-Brutzeln ist es hier vorbei, spätestens um 19.30 Uhr werden die Gefangenen in ihren Zellen verstaut. Und das Menü? Heute Mittag gibt es zum Beispiel Gemüsesuppe und Nudeln, abends Roggenbrot und Tee. Damit man bei dem Angebot nicht in Versuchung kommt, zu gierig zu werden, warnt ein Aushang: "Es ist nicht gestattet mehrfach an der Kostausgabe teilzunehmen!!! Nichtbeachtung wird disziplinarisch geahndet!"

In den Speisesaal fällt wenig Licht, er mutet so trist an wie das, was hier serviert wird. Das Essen bereiten Mitgefangene zu, in der Küche scheint eine super Stimmung zu herrschen. "He Kollega, du Ruhe, nix bla bla!" steht auf Zetteln, die überall hängen. Hoeneß kann sich aussuchen, ob er beim Suppe löffeln lieber auf ein Wandgemälde der Altstadt von Landsberg oder ein Landschaftspanorama schauen möchte.

Einzelzellen sind ein Privileg

Anschließend wird die Besuchergruppe in das eigentliche Gefängnis geführt. Es hat vier Stockwerke, auf denen die etwa 560 männlichen Gefangenen hinter roten Eisentüren weggesperrt sind. Zwischen den Stockwerken sind grüne Netze gespannt. Sie sollen verhindern, dass sich lebensmüde Insassen über die Brüstungen in den Tod stürzen. Damit uns Journalisten kein böser Bube vor die Kamera läuft, müssen die Gefangenen während unseres Besuches in ihren Zellen bleiben. Manchmal hört man ein kurzes Klopfen oder Brüllen, ansonsten bleibt während der Pressevorführung alles ruhig.

Im Erdgeschoß hat man für uns einige Zellen geöffnet. Hier wohnen die guten Bösen, die während ihrer Haftzeit arbeiten dürfen. Neben den Türen stehen ihre Berufsbezeichnungen. Es sind Einzelzellen, ein Privileg. Neuankömmlinge wie Hoeneß können sich auf die Warteliste für Einzelzellen setzen lassen, müssen anfangs aber meist in Mehrbettzimmer. Dies kann helfen, weil man nicht völlig allein ist, aber wer schläft schon gern in einem Raum mit einem Totschläger? In Landsberg sitzen Straftäter jeglicher Couleur ein, vom Mörder bis zum Steuerbetrüger.

Ungefähr eine Woche nach Haftantritt wird mit jedem Häftling besprochen, wie er sich nützlich machen kann. Arbeit braucht der Mann, im Knast erst recht, sie bietet wichtige Abwechslung und gibt dem sinnlosen Alltag doch ein wenig Bedeutung. Man kann als Koch oder Bäcker arbeiten, auf dem Gelände stehen eine Schlosserei und eine KfZ-Werkstatt, die sogar Tüv-Zertifizierungen ausstellt. Die Jobs werden nach Eignung vergeben, Hoeneß käme aufgrund seiner Erfahrung im Wurstgewerbe für eine Stelle in der Metzgerei in Betracht, sagt einer der Beamten, aber psst, das sei noch geheim.

Keine Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige

Jede Zelle hat eine Toilette, ein Waschbecken, einen Schreibtisch, einen Schrank und ein Bett, wobei Pritsche das bessere Wort dafür ist. Etwa zwei Meter lang, 70 Zentimeter breit, und so stabil, dass schon ein halber Hoeneß zu reichen scheint, um sie zusammenkrachen zu lassen. Groß herumwälzen wird Hoeneß sich in seinen schlaflosen Landsberger Nächten auch nicht können, denn einmal gewälzt, landet er schon auf dem Boden. Der ist kalt, wie alles hier, bei den Heizkosten wird gespart. Gut für Hoeneß, dass er erstmal in den warmen Monaten einsitzt. So viele Glückskekse kann kein Mensch futtern, um einen Winter hier drinnen ohne Depression zu überstehen.

Einen Fernseher kann man kaufen oder mieten, empfangbar sind nur die gängigen Sender, kein Pay-TV, wo die Bundesliga-Spiele des FC Bayern München laufen. In Schaukästen wird auf das Freizeitangebot hingewiesen. Man kann Schach- und Didgeridoo-Kurse belegen, sich als Hallenfußballer und Tischtennis-Ass profilieren, oder mit Pater Patrick überlegen, wie man über den Pfad des Herrn doch noch ins Paradies findet.

Jeden Sonntag um 9.15 Uhr hält der Pater in der Anstaltskirche eine katholische Messe, die Sitzreihen eins bis acht sind sogar beheizt. Es wird auf Dinge wie Deo und Obst hingewiesen, die man zu bestimmten Zeiten einkaufen kann, zudem kann man in der Bibliothek lesen und sich auch Bücher ausleihen. Besonders beliebt in Landsberg: Geo Epoche. Auch die Anonymen Alkoholiker und die Narcotics Anonymous bieten ihre Hilfe an, für Spielsüchtige gibt es noch keine Selbsthilfegruppe.

Rauchen und Ratschen an den Tischtennisplatten

Im Hof stehen fünf Tischtennisplatten und ein paar Stangen, an denen man Klimmzüge machen kann. Er ist der soziale Treff- und Brennpunkt, hier trifft sich einmal am Tag die Gefängnisgesellschaft zum Rauchen und Ratschen. Wie die, die sie bewachen, unterliegen auch die Gefangenen einer Hierarchie. Im Hof wird sich entscheiden, wie lustig oder ungemütlich die Zeit für Hoeneß in Landsberg wirklich wird.

Unfassbar traurig muss der Anblick der Amseln machen, die auf den Ästen der Bäume im Hof sitzen und wegfliegen können, über den Stacheldraht der Mauern, wann immer sie wollen.

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