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Urteil in Südafrika: Pistorius hofft auf Hausarrest nach zehn Monaten Haft

Es ist ein umstrittenes Urteil in Südafrika: Sportstar Oscar Pistorius ist wegen der Todesschüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er ist schon im Gefängnis.

Der südafrikanische Paralympics-Star Oscar Pistorius ist wegen fahrlässiger Tötung seiner Lebensgefährtin zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Sprinter akzeptiere das Urteil, sagte sein Onkel Arnold Pistorius vor Reportern. Der 27-Jährige wolle "diese Möglichkeit nutzen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben", sagte sein Onkel weiter. Die Familie sei bereit, den Sportler zu unterstützen.

Steenkamps Familie zeigte sich zufrieden mit dem Strafmaß. "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan", kommentierte der Anwalt der Familie Steenkamp, Dup De Bruyn, die Entscheidung des Gerichts. Es sei das "richtige Urteil". Steenkamps Vater Barry betonte: "Wir haben das Gefühl, dies nun hinter uns lassen zu können."

Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Haft beantragt. Ein Sprecher sagte, es sei noch offen, ob Berufung gegen das Urteil eingelegt würde. Sie hat damit bis zu zwei Wochen Zeit.

Pistorius nahm das Urteil regungslos entgegen

Pistorius, der sich im Verfahren immer sehr mitgenommen gezeigt hatte, nahm sein Urteil mit unbewegter Miene entgegen. Weder seine noch Steenkamps Familie zeigten eine Reaktion. Der Olympia-Starter wurde noch im Gerichtssaal in Haft genommen. Vermutlich tritt der 27-Jährige, dem als Kleinkind wegen einer Fehlbildung beide Unterschenkel amputiert wurden, seine Haft in der Krankenstation des nahegelegenen Zentralgefängnisses in Pretoria an.

Falls die Staatsanwaltschaft Berufung einlegt, würde dies die Vollstreckung der Gefängnisstrafe bis zur Entscheidung durch das Oberste Gericht Südafrikas aussetzen.

Ein Sprecher der Nationalen Strafverfolgungsbehörde äußerte sich kritisch über das Urteil. Er sagte, es werde geprüft, ob Pistorius nicht doch wegen Mordes verurteilt werden müsste. Die Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANCWL) kritisierte das Strafmaß. "Wir sind traurig über dieses Urteil. Wir waren nie einverstanden damit, dass Pistorius nur wegen fahrlässiger Tötung belangt wird. Und wir fordern die Staatsanwaltschaft auf, Berufung einzulegen", sagte ANCWL-Sprecherin Jacqui Mofokeng.

Auch auf Twitter wird der Fall und das Strafmaß gegen Pistorius rege diskutiert.

Dabei gehen die Meinungen stark auseinander: Während die einen die Strafe viel zu milde finden – geht sie den anderen fast etwas zu weit:

Richterin Masipa betonte bei der Verkündung des Strafmaßes, Pistorius habe grob fahrlässig gehandelt - auch wenn er hinter der Toilettentür nicht seine Freundin, sondern einen Einbrecher vermutet hatte. Sie hätte eine Höchststrafe von 15 Jahren verhängen können.

Die Anklage hatte eine mindestens zehnjährige Haftstrafe verlangt. Die Verteidigung hatte gefordert, dem Behindertensportler wegen aufrichtiger Reue das Gefängnis zu ersparen und ihm lediglich Hausarrest aufzuerlegen. Pistorius habe alles verloren - seine Lebensgefährtin, seine Freunde, sein Vermögen und seine Karriere.

Wie lange der 27-jährige Leichtathlet nun hinter Gittern bleiben muss, blieb unklar. Sein Verteidiger Barry Roux sagte, er rechne mit zehn Monaten Haft, den Rest der Strafe könne sein Mandant unter Hausarrest verbüßen. Rein rechtlich ist dies möglich. Die Staatsanwaltschaft erklärte dagegen, Pistorius müsse mindestens ein Drittel der Strafe, also 20 Monate, im Gefängnis absitzen.

Die Richterin erklärte, auch Behinderte könnten eine Gefängnisstrafe absolvieren. "Es wäre ein trauriger Tag, wenn der Eindruck entstünde, dass es ein Gesetz für die Armen und eines für die Reichen und Berühmten gibt", sagte Masipa.

Am 14. Februar 2013 hatte Pistorius vier Schüsse durch die verschlossene Badezimmertür seines Hauses abgegeben. Dabei wurde Steenkamp getroffen. Die 29-Jährige war fast auf der Stelle tot. Der Sportler hat jede Tötungsabsicht bestritten und erklärt, er sei überzeugt gewesen, auf einen Einbrecher zu schießen. Das Gericht glaubte Pistorius, dass er seine Partnerin mit einem Einbrecher verwechselt habe. Richterin Masipa hatte im September erklärt, ein Tatvorsatz sei nicht zweifelsfrei bewiesen. Eine Verurteilung wegen Mordes lehnte sie damals ab.

Drei Jahre Haft auf Bewährung für anderes Vergehen

Mitte September war Pistorius dann wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen worden.

Er wurde nun zudem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er bereits früher in einem Restaurant mit einer Schusswaffe hantiert und sie unter dem Tisch abgefeuert hatte.

Pistorius war einer der bekanntesten Sportler bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Damals trat der "Blade Runner", wie er wegen seiner beiden Unterschenkelprothesen aus Karbonfaser genannt wurde, im Halbfinale des 400-Meter-Laufes gegen seine nicht behinderte Konkurrenz an.

mia/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters