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Fünf Jahre Haft für Paralympics-Star: Den Pistorius-Prozess gewinnt: Südafrika!

Paralympics-Star Oscar Pistorius muss für fünf Jahre in Haft, Reeva Steenkamps Familie ist längst bestraft. Gewonnen hat mit dem Urteil nur einer: das Land am Kap.

Ein Kommentar von Marc Goergen

Am Ende, nach über einem halben Jahr Verhandlung, nach Dutzenden von Zeugen, Gutachtern und Beweisen, schienen tatsächlich alle zufrieden zu sein. Oscar Pistorius wurde wegen fahrlässiger Tötung an seiner Freundin Reeva Steenkamp zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Doch davon, so streute es die Verteidigung noch im Gerichtssaal, werde er vielleicht nur zehn Monate absitzen müssen. Berufung lege man nicht ein. Auch für die Eltern des Opfers war die Strafe ausreichend. "Genug?" fragten Reporter Barry Steenkamp, den Vater des Opfers, gleich nach dem Urteil. Dessen Antwort: "Ja". Und die Meinung der Anklage? Sicher, man habe sich eine längere Strafe erwartet. Aber erstmal sei es wichtig, das Pistorius überhaupt zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden sei.

Kein Chaos-Land, in dem sich Schwarz und Weiß ständig befehden

Der eigentliche Gewinner des Dramas aber, das hatte sich schon angedeutet, ist Südafrika, das Land selbst. Die Justiz arbeitete den Fall sorgsam durch, Richterin, Verteidigung und Anklage agierten hart, aber professionell, selbst die Ermittlungspannen der Polizisten am Tatort spielten am Ende keine Rolle mehr.

Der Prozess wurde live im Internet übertragen und zeigte, dass dieses Land, entgegen mancher Klischees, kein Chaos-Land ist, in dem sich Schwarz und Weiß ständig befehden, beneiden, bekriegen. Sondern, dass es ein Rechtsstaat ist, mit allem was dazu gehört, bisweilen auch langweiligen Tagen vor Gericht. Sicher, auch das kam zur Sprache: Südafrikas Gefängnisse sind kein Hort der Friedfertigkeit. Sie sind durchsetzt von Gangs und überbelegt; Macht, Einfluss und Gewalt sind, wie überall hinter Gittern, die Maßstäbe des Alltags.

Eines aber stellte Richterin Masipa klar: Es ist ohne Zweifel möglich, dort einen behinderten, berühmten Menschen ohne Gefahr für dessen Gesundheit unterzubringen. "Es wäre ein trauriger Tag für das Land, wenn der Eindruck entstünde, es gäbe ein Gesetz für die Armen und Benachteiligten und eines für die Reichen und Berühmten", sagte Masipa in der Strafmaßbegründung.

Der Prozess katalysierte wichtige Diskussionen. Über Gewalt an Frauen etwa oder über die übertriebene Waffenkultur. Denn Tatsache ist: Nirgendwo auf der Welt werden so viele Frauen in Relation zur Einwohnerzahl vergewaltigt wie in Südafrika. Und fast nirgendwo zirkulieren so viele Waffen im Privatbesitz. Dass nun Frauen auf die Straßen gehen, dass Kommentare und Bücher die Themen aufgreifen, das alles sind Zeichen einer lebendigen Zivilgesellschaft, die, anderen Ländern des Kontinents noch immer voraus ist - trotz aller Fortschritte dort.

Die Karriere des Oscar Pistorius ist mit dem Urteil wohl vorbei. Das Internationale Paralympische Komitee hat Pistorius für fünf Jahre gesperrt, ohnehin hätte er kaum mehr auf Sponsorengelder hoffen können. Seinem Land aber sollte der Prozess Anerkennung und Respekt einbringen.

Marc Goergen