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Oslo- und Utøya-Attentäter schreibt offenen Brief: Breivik fühlt sich gedemütigt

Bislang gilt der mutmaßliche Attentäter von Oslo und Utøya als unzurechnungsfähig. Doch Anders Behring Breivik will das Gutachten nicht akzeptieren. Für ihn wäre die Unterbringung in einer Psychiatrie schlimmer als der Tod, schreibt er in einem offenen Brief.

Von Swantje Dake

Die Öffentlichkeit hat Anders Behring Breivik nie gescheut. Im Gegenteil. Breivik wollte seine Taten stets erklären. Wenige Tage vor Prozessbeginn schrieb der Attentäter von Oslo und Utøya jetzt einen offenen Brief. Darin wehrt er sich gegen das Gutachten der Psychiater Torgei Husby und Synne Sørheim. Sie hatten den wegen 77-fachen Mordes Angeklagten für nicht zurechnungsfähig erklärt und ihm paranoide Schizophrenie bescheinigt.

Das Gutachten ist unter Experten umstritten, ein weiteres wird für kommenden Dienstag erwartet. Aber auch dieses Urteil wird für das Gericht nicht bindend sein. Doch am meisten scheint das Gutachten Breivik selbst Probleme zu bereiten. Aus der Untersuchungshaft hat er einen 38-seitigen Brief geschrieben, gegen den Rat seines Anwalts Geir Lippestad. "Wir haben Breivik empfohlen, sich nicht schriftlich gegenüber den Medien zu äußern", so Lippestad zur norwegischen Tageszeitung "Verdens Gang" (VG).

Breivik greift in dem Brief die Gutachter an, begründet, warum er nicht krank ist und somit für die Terrorakte verurteilt werden sollte. Der 33-jährige Angeklagte fleht geradezu um einen Prozess, an dessen Ende er rechtskräftig verurteilt wird. Denn sollte das Gericht dem ersten Gutachten folgen, würde Breivik wahrscheinlich nicht ins Gefängnis kommen, sondern zur Behandlung in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden.

Gutachten ist "ultimative Demütigung"

Breiviks Worte sind besonders für die Opfer und Hinterbliebenen schwer zu fassen. "Ich will ehrlich einräumen, dass das Gutachten das Schlimmste ist, was mir passieren konnte, da es die ultimative Demütigung ist", schreibt Breivik. Mehr als 200 Fehler will der Angeklagte in dem Papier gefunden haben. Laut Breivik haben die Psychiater ganze Abschnitte erfunden, um ihn als krank darstellen zu können. Sie wären voreingenommen gewesen und hätten sich von den Geschehnissen beeinflussen lassen, weil sie sich nicht vorstellen könnten, dass jemand solche Grausamkeiten ausführen könne. "Husby hat mehrfach deutlich gemacht, dass er meine Taten bestialisch findet", zitiert "VG" aus Breiviks Brief. An anderen Stellen regt sich Breivik über sprachliche Ungenauigkeiten auf und behauptet, dass die Gutachter keine Ahnung von politisch motivierter Gewalt hätten. "Einen politischen Aktivisten in die Psychiatrie zu schicken ist sadistischer als ihn zu töten", schreibt Breivik weiter. "Ich wusste natürlich, was richtig und verrückt war, aber ich habe instinktiv gehandelt."

Eher ein falschverstandener Narzisst

Bislang hat nur die norwegische Zeitung "Verdens Gang" aus dem Brief zitiert und begründet, warum sie sich dafür entschieden hat. "Die Zurechnungsfähigkeit ist für den Prozess eine fundamentale und bislang noch nicht geklärte Frage. Daher ist der Brief interessant und wichtig für die Debatte, die bereits seit langem geführt wird", schreibt Redakteur Torry Pedersen. In Norwegen wird seit den Attentaten diskutiert, wie viel Öffentlichkeit man Breivik gewehren will.

"VG" hat Breiviks Brief drei Psychiatern gezeigt, um den Inhalt zu bewerten. Sie kommen zu unterschiedlichen Urteilen: Während Jo Erik Brøyn darauf hinweißt, dass auch schizophrene Personen in der Lage seien, prägnant zu schreiben, kommt Arne Thorvik zu dem Schluss, dass Breivik ideologisch argumentiert und nicht wie ein psychisch Kranker. Auch der dritte Psychiater urteilt, dass der Brief nicht von einer schizophrenen Person hätte geschrieben werden können. "Ich kann kein Anzeichen für eine Psychose erkennen, sondern sehe einen falsch verstandenen Narzissten", sagt Henning Værøy.

Der Prozess gegen Breivik beginnt am 16. April. Der Angeklagte hatte am 22. Juli im Regierungsviertel von Oslo mit einer Autobombe acht Menschen getötet. Anschließend erschoss er in einem Sommerlager der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer, hauptsächlich Teenager. Die Anklagepunkte, "Terrorakte" verübt und vorsätzlich getötet zu haben, könnten auf eine Verurteilung zu 21 Jahren Gefängnis hinauslaufen - die Höchststrafe in Norwegen.