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Paul Schäfer: Das Ende einer Flucht

Nach jahrelanger Flucht ist der Gründer der Siedlung "Colonia Dignidad" in Chile, Paul Schäfer, in Argentinien verhaftet worden. Der Sektenführer mit dem wirren Weltbild hatte die Kolonie wie ein Wehrdorf geführt.

Seinen Untergebenen predigte Paul Schäfer in der berüchtigten früheren Siedlung "Colonia Dignidad" in Südchile gerne Zucht und Ordnung. Die Justiz aber warf ihm die Vergewaltigung von Kindern vor und schrieb ihn schon 1996 zur Fahndung aus. Erst jetzt, neun Jahre später, konnte er in Argentinien aufgespürt und festgenommen werden. Der Deutsche mit dem wirren rechten Weltbild hatte die inzwischen in "Villa Baviera" umgetaufte Siedlung wie ein Wehrdorf geführt. Auch in Argentinien hielt er sich in einer eingezäunten und bewachten Siedlung auf, einem so genannten Barrio Privado, wo sich die Reichen mit ihrem Luxus vor den Armen verschanzt halten.

"Meist gesuchter Mann des Landes"

Chilenische Medien bezeichneten den 83-Jährigen als den "meist gesuchten Mann des Landes". Santiagos Botschafter in Buenos Aires äußerte die Hoffnung, dass Argentinien den Mann schon in Kürze nach Chile abschieben werde. Dann könnte auf das langwierige Auslieferungsverfahren verzichtet werden. In Chile wird es dann nicht nur um den Kindesmissbrauch und Steuerhinterziehung gehen, sondern vor allem auch um die Rolle Schäfers während der Militärdiktatur Augusto Pinochets (1973-1990).

Gegen Schäfer besteht auch in Deutschland ein Haftbefehl. Seit September 1997 werde nach dem 1921 geborenen Schäfer wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes in acht Fällen international gefahndet, sagte der Sprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Fred Apostel, am Freitag.

Schäfer soll sich nach den Worten Apostels in den Jahren 1985 und 1986 in der chilenischen Siedlung an einem damals 12-Jährigen vergangen haben. Da er in Deutschland zuletzt in Hennef bei Bonn gelebt habe, sei die Staatsanwaltschaft Bonn für diese im Ausland begangene Straftat eines Deutschen zuständig. Sie werde voraussichtlich die Auslieferung beantragen; dazu habe sie 30 Tage Zeit. Angesichts des Alters und des Gesundheitszustandes von Schäfer galt es unter Justizbeobachtern aber als wenig wahrscheinlich, dass ihm in Deutschland der Prozess gemacht werden kann.

Die damals hermetisch von der Umwelt abgeschottete Anlage etwa 350 Kilometer südlich von Santiago war eines der berüchtigten Folterzentren der Militärs. Zahlreiche Opfer wurden dort festgehalten, gefoltert und umgebracht. Rechte Militärs konnten in ihrem selbst erklärten Kampf gegen wirkliche und vermeintliche "Kommunisten" offenbar immer auf die Unterstützung Schäfers rechnen.

Widerspruch seiner Untergebenen duldete Schäfer nach Zeugenaussagen nicht. Opposition gegen den Sektenchef kam einem "Selbstmord" gleich, sagte ein früheres Mitglied, das aus der Sekte geflohen war und dann an einem unbekannten Ort in Deutschland lebt. "Schäfer erscheint wie ein Gott, der die Sektenmitglieder gen Himmel führt", erinnerte sich der Mann an sein Leben in der Kolonie.

300 Deutsche in der Kolonie

Zunächst gingen die Behörden davon aus, dass sich Schäfer auf dem riesigen Gelände der Kolonie versteckt hielt. Etwa 300 Deutsche lebten damals auf dem rund 140 Quadratkilometer großen und streng abgeriegelten Areal. Viele der Mitglieder seien fanatische Anhänger Schäfers und bewaffnet. Bei Durchsuchungsaktionen der Justiz und Polizei wurden zwar Bunker unter dem Gelände gefunden, aber Schäfer ging den Fahndern immer wieder durchs Netz. Nach dem Abtauchen Schäfers verließen viele Mitglieder der Gemeinschaft die Anlage.

Inzwischen ist die Siedlung in "Villa Baviera" umgetauft worden und wirbt sogar um Touristen. In der Hauptstadt Santiago und anderen Städten unterhalten sie Verkaufsläden, die für das ungeübte Auge auf den ersten Blick wie ein Öko-Laden wirken. Die Festnahme Schäfers dürfte unter den heutigen Bewohnern der Anlage deshalb eher Erleichterung auslösen.

Jan-Uwe Ronneburger/DPA / DPA