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"Reichsbürger" und Co.: Der Mann, der sich "König von Deutschland" nennen lässt

Peter Fitzek, gelernter Koch, ehemaliger Videothekenbesitzer und Karatelehrer, sieht sich als "Oberster Souverän des Königreichs Deutschland". Für die Staatsanwaltschaft ist er ein Betrüger, der sich an seinen Anhängern bereichert. Ein Porträt.

Der "König von Deutschland" Peter Fitzek bei einem seiner zahlreichen Gerichtstermine

Peter Fitzek bei einem seiner zahlreichen Gerichtstermine: Der "König von Deutschland" inszeniert sich nur zu gerne

Unter Tränen weist der selbst ernannte "König von Deutschland" Peter Fitzek im voll besetzten Gerichtssaal in Halle alle Anklagen von sich. Schwere Untreue in 28 Fällen und Verstoß gegen das Kreditwesengesetz wirft ihm Oberstaatsanwältin Heike Geyer am Donnerstag zum Prozessauftakt vor. Es geht um 1,7 Millionen Euro, die Fitzek von Menschen angenommen und ihnen eine krisensichere Anlage in Sachwerten versprochen haben soll. Davon habe er sich satte 1,3 Millionen Euro in die eigene Tasche gesteckt. 

Die Sicherheitsbehörden rechnen Fitzek den Reichsbürgern zu. Er weist das vehement von sich. "Ich bin ein treuer Diener von Gott, ich gebe nur mein Bestes, bis heute. Ich bin eine Handlanger vom Schöpfer. Wenn er ruft, muss ich handeln", sagt der 51-Jährige aus Wittenberg. Das Geld sei ihm "aufgenötigt" worden. "Ich kann meine Unschuld umfänglich beweisen". Fitzek bricht immer wieder in Tränen aus. Er engagiere sich allein für das Gemeinwohl, er bereichere sich nicht auf Kosten anderer, er lebe "nur etwas besser" als ein Hartz-IV-Empfänger. Doch für die Staatsanwaltschaft steht fest: Die 1,3 Millionen Euro sind verschwunden. 


Das klingt alles erst einmal nach einem seltsamen Spinner – und auch auf den zweiten und sogar dritten Blick ist er das auch - und dennoch birgt sein Fall mehr. Denn Fitzek ist kein einsamer Irrer. Der gelernte Koch scharrt eine treue Gefolgschaft um sich, die ihm den ganzen Spaß finanziert.

Peter Fitzek gründete 2012 sein eigenes Königreich

Fitzek wurde 1965 in Halle geboren. Nach einer Ausbildung zum Koch arbeitete er unter anderem als Karatelehrer, Videothekar und Besitzer eines Tattoo-Studios. Der Vater zweier Kinder lebt in Sachsen-Anhalt und versuchte 2008 Oberbürgermeister seines Wohnortes, ein Jahr später Bundestagsabgeordneter zu werden. Beide Male erhielt er 0,7 Prozent der Stimmen. Nicht genug für die Selbstansprüche eines Peter Fitzek. Demokratie ist ohnehin nicht so sein Ding.

Im Jahr 2012 rief der 50-Jährige daher mit sieben seiner Untertanen das "Königreich Deutschland" aus. Als "Staatsgebiet" fungiert ein altes Krankenhausgelände im sachsen-anhaltinischen Wittenberg – oder wie Fitzek zu sagen pflegt: "auf dem ehemaligen Gebiet der Bundesrepublik Deutschland". Da die neun Hektar Land eines Königreiches wohl nicht angemessen sind, strebt Fitzek seit jeher nach Expansion. Um seinem Pseudostaat beizutreten, könnten interessierte Untertanen ihren Grundbesitz "stiften", sagte Fitzek einst "Spiegel TV". Sie behielten ja Nießbrauchrechte – also Nutzungs– oder Wohnrecht. Auch von rund "1,5 bis 1,7 Millionen Euro Kompensationseinlagen", mit denen "das Königreich arbeite", berichtete er den Journalisten stolz. Auch wenn Fitzek selbst lieber früher auf eigene Fantasie-Währungen wie den "Engel" oder die "Neue Deutsche Mark" setzt – Euro seiner Gefolgschaft akzeptiert er nur zu gern.

 Zu den Hochzeiten hatte er hunderte Anhänger. Die Bundesanstalt für Finanzdiensleistungsaufsicht (BaFin) bezifferte 2014: Mindestens 558 Anleger haben nicht weniger als 1,2 Millionen Euro bei Fitzeks "Kooperationskasse" eingezahlt. Der selbsternannte Monarch hatte ihnen versprochen, dass sie selbst entscheiden würden, was mit dem Geld passiere und es jederzeit zurückhaben könnten. Die MDR-Sendung "Exakt" aber fand einen ehemaligen Großspender des Königreichs, den Fitzek um mehrere hunderttausend Euro betrogen haben soll. Die "Kooperationskasse" wich nach kurzer Zeit einer "Reichsbank", auch eine Versicherung rief er ins Leben. Weil er für seine Geschäfte nie Genehmigungen einholte, geschweige denn Steuern zahlte, häufte er Millionen-Schulden beim Staat an. Eingetrieben wurden diese schließlich mit Zwangsbeschlagnahmungen. Fitzeks Geschäfte wurden weitestgehend abgewickelt.

Fitzek wollte Rathaus-Mitarbeiterin "festnehmen"

Doch nicht nur wegen steuerlicher Probleme geriet Fitzek mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits 2010, als er bereits mit seinem Verein "NeuDeutschland" aktiv war und kostenpflichtige Seminare für seine Anhängerschaft gab, wollte er eine Kontopfändung nicht akzeptieren. Kurzerhand versuchte er, eine Mitarbeiterin des Rathaus Wittenberg "festzunehmen" und verletzte sie dabei am Arm. Bei der anschließenden Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung im örtlichen Amtsgericht kam es dann zu tumultartigen Szenen: Die treue Gefolgschaft Fitzeks wollte ihrerseits, den Richter "festnehmen". Dieser mache sich strafbar und besitze keine Legitimation. Frei nach Fitzek: "Es gibt keinen deutschen Rechtsstaat, außer dem Königreich ."

Bei einem Prozess wegen des illegalen Betreibens einer Krankenkasse (mit Einnahmen von über 300.000 Euro) sorgte Fitzek ebenfalls für einen Eklat. Zu Prozessbeginn sprach er dem Richter ab, überhaupt über ihn als Souverän richten zu können und verließ den Saal noch vor der Anklageverlesung. Erst als man ihn im Flur festnehmen wollte – samt Handschellen –, wurde er kleinlaut und wollte doch wieder an der Verhandlung teilnehmen. Die Fotos wollte er seinen Untertanen wohl nicht zumuten. Später wurde er zu einer Geldstrafe von 4.200 Euro verurteilt. 

Auch sein ständiges Fahren ohne Führerschein ist in den zahlreichen TV-Beiträgen über ihn dokumentiert. Einmal fuhr er sogar selbst mit seiner Oberklasse-Limousine – samt selbst entworfener "Kennzeichen" – zur örtlichen Polizeiwache, um "eventuell eine Strafanzeige stellen zu lassen". Schließlich wolle er in einem Prozess Klarheit erlangen, ob sein Staat von der Bundesrepublik als solcher anerkannt werde.

Reichsbürger-Argumente zur "Legitimation"

Fitzek geht es um die totale Selbstinszenierung. Er will vor seinen Anhängern Stärke demonstrieren, selbst und besonders im Auge der Niederlage. Wenn er Schlappen vor Gericht einfährt, protz er damit, die Strafe nicht bezahlen zu wollen. Beschlagnahmt der Staat seine Sachgüter, droht er, nur " noch krasser" zurückzukommen. Immer mit der Botschaft, ihn könne man nicht unterkriegen – und das "Königreich Deutschland" schon gar nicht.

Gerne auch lässt sich der vermeintliche Monarch dabei filmen, wie er Fantasie-Siegel auf Papiere setzt, um davon zu schwadronieren, wie diese eines Tages in Museen ausliegen werden. Die Flagge seines Königreiches ist eine umgedrehte Deutschland-Flagge, die man aus Kreisen der Reichsbürger kennt. Diese Bewegung sieht Deutschland weiterhin besetzt und wähnt es in den Reichsgrenzen von 1937. Fitzek übernimmt diese Argumentation teilweise, konzentriert sich allerdings mehr auf sein eigenes vermeintliches Recht, einen eigenen Staat zu gründen, als darauf der Bundesrepublik diesen Status abzusprechen.

Fitzek meint, Krebs heilen zu können

Das ganze Ausmaß seines verqueren Selbstbildes zeigen seine Aussagen, er könne Krankheiten heilen. "Im Endstadion an Krebs erkrankte Menschen" seien zu ihm gekommen und er habe sie erfolgreich therapiert. Dabei vertritt er den in der esoterischen Wunderheilerszene verbreiteten Ansatz, nicht die Krankheit selbst, sondern die Ursache dafür zu bekämpfen – ohne sein Konzept näher zu erläutern.

Ob so viel geballter Verwirrtheit mag man nun vielleicht schmunzeln. Fitzek aber meint das alles durchaus ernst. Oder um in den Worten seiner Majestät zu bleiben: "Ich mache hier ja keinen Spaß. Ich mache einen Staat."

Dieser Text erschien erstmals im April 2016 auf stern.de. Anlässlich des neuen, aktuellen Gerichtsverfahrens gegen Peter Fitzek stellen wir diesen in einer abgeänderten Form erneut online.