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Erster Prozesstag gegen Peter Madsen: Kim Walls letzte SMS: "Ich lebe übrigens noch - aber wir tauchen jetzt"

Prozessauftakt gegen Peter Madsen: Trotz erdrückender Indizien gibt sich der angeklagte U-Boot-Bauer alles andere als demütig. Vielleicht auch, weil die Anklage weiter nicht weiß, wie die Journalistin Kim Wall ums Leben gekommen ist.

Von Bernd Hauser, Kopenhagen

Peter Madsen Kim Wall Prozess

Der Angeklagte Peter Madsen (l.) und der Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen am ersten Verhandlungstag

DPA

In der Nacht ist in Kopenhagen Schnee gefallen, auf dem Platz vor dem Stadtgericht liegt er wie ein frisches Laken. Doch bereits um 4.30 Uhr, fünf Stunden vor der Verhandlung, stapfen Stiefel über den frischen Schnee. Die ersten Bürger stellen sich in einer Schlange auf, um einen der wenigen Plätze im Saal zu ergattern, die für die Öffentlichkeit vorgesehen sind.

Noch nie gab es so ein großes Interesse an einem Strafprozess in Dänemark. Weil der größte Saal in dem 200 Jahre alten Gericht zu klein ist, hat die Justizbehörde ihre Kantine geräumt. Dort klappen 125 Journalisten aus über einem Dutzend Ländern ihre Laptops auf. Auf drei Großbildschirmen verfolgen sie den Prozess im Gerichtssaal 60.

Madsen hat das dänische Grundvertrauen erschüttert

Stuck an den Wänden, eierschalenfarbene Wände, ein Kronleuchter: Der Saal mit seinen 66 Zuhörerplätzen könnte auch eine Kirche sein. Die Sonne flutet durch große Fenster auf die Anklagebank. Die Dänen glauben an das Helle, an die Vernunft im Menschen. Es herrscht ein grundlegendes Vertrauen in die Rechtschaffenheit des Anderen. Auf der Anklagebank sitzt ein Mann, der dieses Grundvertrauen erschüttert hat. Er wirkt unscheinbar: Brille, schwarzes T-Shirt, Jogginghose, Sneakers. Am Internationalen Frauentag beginnt der Prozess gegen Peter Madsen.

Madsen hat zugegeben, die Leiche der Journalistin Kim Wall zerteilt und "auf See bestattet zu haben". Er behauptet aber auch zum Prozessauftakt weiter, dass die 30-Jährige bei einem Unfall ums Leben gekommen sei.

Das Gericht in Kopenhagen muss klären: Was geschah mit Kim Wall an Bord von Peter Madsens U-Boot "UC3 Nautilus"?


Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen, 42, ist hochgewachsen und hat ein Gesicht wie ein Asket. Unter Kollegen gilt er als detailversessen und harter Hund. Er will Madsen lebenslänglich hinter Gitter oder in Sicherheitsverwahrung bringen, auch aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens: "Demnach wirkt Peter Madsen unglaubwürdig, pervers und sexuell schwer abweichend", sagt Buch-Jepsen. "Er weist narzisstische Züge auf, neben einem großen Mangel an Empathie und Schuldgefühlen."

Buch-Jepsen will Madsen nachweisen, dass er in der Nacht vom 10. auf den 11. August 2017 die schwedische Journalistin Kim Wall auf seinem U-Boot nach vorhergehender Planung getötet, vorher noch geschlagen und mit Schnitten und Stichen gefoltert hat. Sexuelle Motive sollen eine Rolle gespielt haben.

Kim Walls letzte SMS: "Ich lebe übrigens noch"

Der Staatsanwalt zeigt einen Screenshot der SMS, die Kim Wall an ihren dänischen Freund vom U-Boot aus schrieb: "Ich lebe übrigens noch … Aber wir tauchen jetzt … ich liebe dich!!! … er hat sogar Kaffee und Kekse mitgebracht …" Diese SMS, geschrieben am 10. August um 20.16 Uhr sind das letzte Lebenszeichen von Kim Wall.

Nach der Festnahme von Peter Madsen am nächsten Tag stellten Gerichtsmediziner "frische Hautrisse am Unterarm" fest, so der Staatsanwalt. Am linken Nasenflügel hatte Madsen eingetrocknetes Blut - von Kim Wall. Zehn Tage später, am 21. August wurde Kim Walls Torso gefunden. Buch-Jepsen präsentiert dem Gericht eine Skizze mit den Verletzungen. Insgesamt wies der Torso drei Dutzend Schnitte und Stiche auf. Darunter 14 an und in den Geschlechtsorganen.

Unter den Berichterstattern stöhnt eine österreichische Fernsehjournalistin leise auf: "Mein Gott, die Familie muss sich das alles anhören!" Die Eltern von Kim Wall sind aus Trelleborg auf der schwedischen Seite des Øresunds nach Kopenhagen gekommen, um den Prozess zu verfolgen. Ihre Gesichter sind äußerlich unbewegt, der Vater notiert manchmal etwas in einem Block. Hinter ihnen sitzt Jens Møller, der Chef der Mordkommission, der mit seinem Team 215 Zeugen befragte und 5000 Seiten Ermittlungsakten füllte. Bei neuen Erkenntnissen fuhr er selbst nach Trelleborg, um die Eltern zu unterrichten.

"Ich hörte Kim rufen, die Luke war wie festgesaugt"

"Es gab nie eine sexuelle Aktivität oder Anziehung zwischen mir und Kim Wall", betont Peter Madsen in der Befragung durch den Staatsanwalt. Seine Unfallversion geht so: Er sei mit dem U-Boot aufgetaucht, habe die Motoren angestellt, um die Batterien zu laden. Er sei auf den Turm geklettert, habe die Luke geschlossen. Aufgrund eines technischen Fehlers sei es aufgrund der laufenden Motoren im Inneren des U-Bootes zu einem Unterdruck gekommen: "Ich konnte die Luke nicht mehr öffnen. Von unten hörte ich Kim rufen. Es war ein Alptraum: Die Luke war wie festgesaugt."

Nach fünf bis 15 Minuten seien die Motoren ausgegangen, wohl wegen Sauerstoffmangels.

"Die Luke ließ sich wieder öffnen: Ich habe Kim leblos im Boot gefunden und bin zurück auf den Turm."

"Warum hast du nicht versucht, Kim Wall hochzuhieven?", fragt der Staatsanwalt.

"Es wäre gut, wenn hier ein Feuerwehrmann zugegen wäre und das für mich erklären könnte: Aber da waren giftige Gase. Wäre ich länger bei ihr geblieben, hättet ihr ein U-Boot mit zwei Toten gefunden."

Prozessauftakt: Der mysteriöse Todesfall Kim Wall in Bildern
Die letzte Fahrt der "UC3 Nautilus"

In Dänemark kennt fast jeder Peter Madsen, den Raketentüftler und U-Boot-Bauer. Am 10. August 2017 lädt er die Journalistin zu einer Fahrt auf seinem Unterseeboot "UC3 Nautilus ein".

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Nach seiner Festnahme hatte Madsen zunächst erklärt, er habe Kim Wall wohlbehalten an Land abgesetzt. Als der Torso gefunden wurde, änderte Madsen seine Erklärung: Es habe auf See einen Unfall gegeben. Die Luke sei Kim Wall auf den Kopf gefallen, dann sei sie den Turm hinunter gestürzt. Anschließend habe er "Kim auf See bestattet".

"Warum nun diese neue Version mit der Gasvergiftung?“, fragt der Staatsanwalt.

"Kim Wall starb einen schlimmen Tod, ich wollte den Angehörigen die Wahrheit ersparen und sie schonen", erklärt Madsen.

"Ach, du meinst, ein Sturz wäre leichter zu ertragen für die Angehörigen?"

"Ja, weil so ein Tod viel schneller ist."

Erdrückende Beweise gegen Madsen

Peter Madsen wirkt in der Befragung nicht demütig, trotz der erdrückenden Indizien: Beispielsweise fanden Polizeitaucher auf dem Meeresgrund eine Säge. Am Nachmittag vor der Ausfahrt mit Kim Wall hing so eine Säge noch in Madsens Werkstatt - wie aus den Aufnahmen eines TV-Teams zu sehen ist, das Madsen an jenem Nachmittag interviewte: Madsen hat die Säge offenbar vor der Ausfahrt mit Kim Wall an Bord gebracht.

Der Angeklagte unterbricht den Staatsanwalt, argumentiert mit ihm, mehrmals berichtet er von sich selbst in der dritten Person. Er habe versucht, Kim Walls Leiche den Turm hochzuziehen, aber das sei ihm nicht gelungen. Zum Abschluss des Verhandlungstages fragt Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen: "Hat es dich erregt, die Leiche zu zerteilen?" "Nein, natürlich nicht", antwortet Peter Madsen, und setzt nach: "Jakob, das ist abstoßend! Ich mache mir Sorgen um dich, dass du überhaupt auf die Idee kommst, so etwas zu fragen."

Kim Walls Todesursache ungeklärt

Madsens Verteidigerin Betina Hald Engmark weist auf einen Schwachpunkt in der Anklageschrift hin: Die Todesursache von Kim Wall steht nicht fest. Mutmaßlich habe Madsen ihr die Kehle durchgeschnitten oder sie erwürgt, heißt es in der Anklageschrift. "Aber die Beweise für einen Mord stehen aus und die Staatsanwaltschaft muss sie vorlegen, schließlich entscheidet hier ein Gericht und nicht die Volksmeinung."

Als Richterin Anette Burkø die Sitzung schließt, ist auf den Großbildschirmen ein Standbild zu sehen: ein Foto von Kim Wall.

Der zweite von zwölf Verhandlungstagen ist für den 21. März angesetzt. Insgesamt will die Anklage 29 Zeugen hören. Die Verteidigung hat acht Zeugen aufgeboten. Die Verkündung des Urteils wird am 25. April erwartet.