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Heckenschütze im Visier Dieses Sicherheitsteam jagt den Sniper von Phoenix


Seit August geht in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona die Angst um. Ein Heckenschütze schießt willkürlich auf Fahrzeuge. Böse Erinnerungen an den Beltway Sniper werden wach. Eine private Schutztruppe will den bösen Spuk beenden.

Deutlich mehr als zehn Jahre liegen die sogenannten "Beltway Sniper Attacks", eine Serie tödlicher Anschläge auf Passanten in den USA, zurück. Mindestens zehn Menschen kamen damals durch die Hand John Allen Muhammads und dessen Sohn Lee Boyd Malvo ums Leben, drei weitere wurden schwer verletzt. Drei Wochen lang hatte das Mord-Duo unter anderem Bürger der Hauptstadt Washington, D.C. sowie Reisende auf der nahe gelegenen Autobahn Interstate 95 in Angst und Schrecken versetzt, ehe es Ende Oktober 2002 endlich gefasst wurde.

Muhammad wurde 2005 für die tödlichen Schüsse - meist hinterhältig und gut getarnt aus dem Kofferraum seines Vans abgegeben - zum Tode verurteilt. Sohn Malvo kam mit einer lebenslangen Haftstrafe ohne Bewährung davon. Er war zur Tatzeit noch minderjährig.

Jetzt, fast dreizehn Jahre später, hält erneut ein Heckenschütze - vielleicht sind es auch mehrere - das Land in Atem. Genauer gesagt die Stadt Phoenix im Bundesstaat Arizona. Mindestens zehn Mal ist dort seit Ende August auf Autos, Trucks und Busse geschossen worden, wie unter anderem die "Washington Post" berichtet. Wie durch ein Wunder wurde dabei bislang niemand getötet. Einziges Opfer ist bisher ein 13-jähriges Mädchen, das durch umherfliegende Glasscherben am Ohr verletzt wurde, nachdem eine Kugel die Windschutzscheibe des Geländewagens durchschlagen hatte, in dem es saß. 

Behörden in höchster Alarmbereitschaft

Die Behörden der sechstgrößten Metropole des Landes sind nichtsdestotrotz längst in höchster Alarmbereitschaft - zumal noch immer jede Spur auf den oder die Schützen fehlt. Wohl auch deshalb ging Frank Milstead, Chef des "Arizona Department of Public Safety" (DPS), einer Abteilung für öffentliche Sicherheit, diese Woche in die Offensive. Auf einer Pressekonferenz bezeichnete er die Vorfälle angesichts ihrer Häufung dem Bericht zufolge als "Inlandsterrorismus". Zudem lobte er eine Belohnung von 20.000 US-Dollar für Hinweise aus, die zur Ergreifung des oder der Unbekannten führen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, sollten die Vorfälle anhalten, "bis wir eine Tragödie haben", warnte Milstead. Die Bevölkerung rief er zu erhöhter Vorsicht auf. Die Ermittlungen laufen seitdem auf Hochtouren: Neben Swat-Teams, dem FBI, landesweiten und lokalen Polizeieinheiten seien inzwischen weitere Behörden mit dem Fall betraut, hieß es. 

Auch Tony Rowley - Spitzname: "Bolt" ("Blitz") - will den bislang ausschließlich im Schutze der Dunkelheit ausgeführten Schuss-Attacken nicht mehr tatenlos zusehen. Mit seiner bereits 2010 gegründeten Organisation "Bolt Force", einer Art Bürgerwehr, machen der 48-jährige Ex-Marine und seine Mitarbeiter seit kurzem selbst Jagd auf den Heckenschützen, wie die Nachrichtenseite "The Daily Beast" berichtet. 

Private Einsatztruppe im Polizei-Look

Schwarze Kampfanzüge, halbautomatische Waffen, Schutzwesten, imposante Muskeln: Rein äußerlich macht die aus ehemaligen oder noch aktiven Kopfgeldjägern, Bodyguards, Wachmännern und Militärs bestehende Schutztruppe jedenfalls ordentlich Eindruck, wie ein auf Rowleys Youtube-Kanal veröffentlichtes Promovideo verdeutlichen soll. Darin präsentiert sich das private Unternehmen als eine Art Eingreiftruppe, die auf eigene Faust in gefährlichen Vierteln der Stadt patrouilliere, Kriminelle bis zum Eintreffen der Polizei festhalte, und ebenso der Bevölkerung bei alltäglichen Problemen zur Seite stehe. Die Idee für die Schutzeinheit sei ihm eines Nachts gekommen, sagt Rowley - nicht nur Ex-Elitesoldat, sondern auch ehemaliger Wrestler - zu Beginn des Videos. Er habe einfach den Bedarf gesehen, die lokalen und staatlichen Behörden bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

 Im Heckenschützen von Phoenix hat der bullige Mann nun seine neue Hauptaufgabe gefunden - und geriet so zwischenzeitlich sogar ins Visier der Ermittler. Er und seine Mitarbeiter hatten eigene Untersuchungen entlang der Strecke angestellt, an der es zu den Schuss-Attacken gekommen war. "Ein Missverständnis", so Rowley in dem Bericht, das nur passiert sei, "weil wir zum ersten Mal mit dem DPS aufeinander trafen". Andere Behörden der Stadt würden seine Einheit längst kennen - und schätzen. Da man versuche, so transparent wie möglich zu sein und die Behörden über alle Schritte informiere, wüssten diese, wer da agiere, wird Rowley zitiert. "Sie schauen uns an und sagen: Das ist die Bolt Force."

Bevölkerung unterstützt Rowley und Co.

DPS-Mitarbeiter Tim Case ist das Eingreifen der Bolt-Truppe im Falle des Snipers dem Bericht zufolge allerdings ein Dorn im Auge. Der Gedanke hinter deren Einsätzen sei zwar gut, im aktuellen Fall habe man Rowley und Co. jedoch angewiesen, "uns die Ermittlungen zu überlassen". Ein anderer, namentlich nicht genannter, Behördenmitarbeiter sieht angesichts des martialischen Auftritts der Schutzgruppe samt Schutzausrüstung und Waffen zudem die Gefahr der Verwechslung mit echten Polizisten. Er befürchte, dass Grenzen der Zuständigkeit verwischt werden könnten. Sanktionen hätte die Bolt-Force nicht zu erwarten, aber auch keine Unterstützung.

Auf die ist Rowley und sein Team nach eigenen Lesart ohnehin nicht angewiesen. Sein Unternehmen, das über einen Facebook- und Twitter-Kanal sowie eine eigene Homepage verfügt, habe längst eine Vielzahl an E-Mails mit Hinweisen erhalten. Er sei deshalb hoffnungsvoll, dass die "Bolt Force diesen Typen fasst". Dem Zufall überlässt der 48-Jährige dabei nichts. So habe er die Strecke nach Patronenhülsen abgesucht und mögliche Zugangspunkte zur Autobahn überprüft, von denen der Schütze gute Sicht auf die Fahrzeuge habe, erklärt er in dem Bericht.

Festnahme ist Rowleys Hauptziel

Hauptziel Bolts, der einst auch als Bodyguard für Stars arbeitete, ehe ihm der ständige Alkohol- und Drogenkonsum seiner Klienten "zu langweilig wurde", ist eine Festnahme des Täters. "Irgendjemand hat es geschafft, die Menschen in Angst zu versetzen und, dank sei Gott, ist bisher noch niemand getötet worden", so Rowley. Dies solle so bleiben - mit seiner Hilfe.

Sollten er und seine Mitarbeiter den Täter tatsächlich fassen, wolle er diesen sofort ausliefern. "Wenn wir ihn finden, werden wir ihn für die Polizei festhalten. Unser erster Anruf wird dann sein, die DPS zu kontaktieren, so dass diese schneller da sein werden als wir ihm Handschellen anlegen können".

Noch aber ist es nicht soweit. Die Angst vor dem Sniper wird Phoenix wohl noch eine Weile in Atem halten.

mod

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