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Piraten in Somalia: "Früher waren wir ehrliche Fischer"

Erst wehrten sie sich nur gegen fremde Fangflotten in ihren Gewässern, dann wurde aus dem Widerstand ein Millionengeschäft. In Somalia gelten die Piraten als Volkshelden. Die ganze Küste profitiert von ihrem plötzlichen Reichtum.

Von Tilman Müller, Manon Querouil, Joachim Rienhardt

Ein paar herrenlose Kamele sind in der kargen Steinwüste zu sehen. Ab und zu bewaffnete Gestalten am Rande der holperigen Piste. Nach stundenlanger Fahrt durch das Niemandsland taucht in der Ferne blassgrün der Indische Ozean auf. Und etwas später, in der flirrenden Mittagshitze, sind die Umrisse großer Frachtschiffe auf dem Meer erkennbar. Am Strand, nicht weit vom somalischen Küstenort Hobyo, wartet ein Kleinlaster. Auf der Ladefläche dunkelhäutige Männer mit Maschinengewehren und umgeschnallten Patronengürteln. Ihr Anführer hat ein altes Sweatshirt wie einen Turban um seinen Kopf gewickelt, an seiner Schulter hängt eine verrostete Panzerfaust des Typs RPG-7. Er heißt Abdullah Hassan und ist 39 Jahre alt. "Früher waren wir ehrliche Fischer, aber seit Fremde unsere Meere leer fischen, müssen wir nach anderen Wegen suchen, um zu überleben", sagt der Mann. Er ist Chef einer Bande, die sich "Küstenwache" nennt und aus 350 ehemaligen Fischern und Milizsoldaten besteht.

Hassan blickt stolz hinaus aufs Meer. Von hier aus ist deutlich der ukrainische Frachter "Faina" zu sehen, den er gemeinsam mit einer anderen Piratenbande auf hoher See gekapert und an diesen verlassenen Küstenort am Horn von Afrika dirigiert hat. "Das Geheimnis eines erfolgreichen Überfalls", sagt er, "ist die Geschwindigkeit." Bei ihm gehe immer alles ohne Blutvergießen ab. Das sei Ehrensache für alle Piraten Somalias. Nur wenige Seemeilen von der "Faina" entfernt liegt der Supertanker "Sirius Star". 330 Meter lang, beladen mit Rohöl im Wert von 100 Millionen Dollar, die wertvollste Beute, die Seeräuber seit Menschengedenken gemacht haben. Sie fordern 15 Millionen Dollar Lösegeld für das erst im März vom Stapel gelaufene Riesenschiff. Die Entführung der "Sirius Star" ist weltweit zum Symbol einer bislang ungeahnten Gefahr durch See-Terroristen geworden. Sie bedrohen die wichtigste, durch den Suezkanal führende Handelsroute zwischen Asien und dem Westen, blockieren lebensnotwendige Hilfslieferungen an Hungernde in Afrika und drohen sogar damit, den Tanker zu sprengen und eine Ökokatastrophe ungekannten Ausmaßes anzurichten.

Der Wohlstand ist ausgebrochen

Auf der mit jährlich mehr als 16.000 Schiffen befahrenen Wasserstraße im Golf von Aden wurden dieses Jahr schon 95 Überfälle registriert, dreimal so viele wie 2007. Dabei brachten die Piraten 39 Schiffe in ihre Gewalt und erpressten insgesamt etwa 150 Millionen Dollar Lösegeld. Derzeit halten sie außer der "Sirius Star" noch mindestens 15 weitere Schiffe mit insgesamt 340 Mann Besatzung als Faustpfand. Die internationale Staatengemeinschaft ist alarmiert. Der UN-Sicherheitsrat in New York ordnete Sanktionen an. Es tagen Krisenstäbe in Berlin und Brüssel. Dort wird gerade ein EU-Aktionsplan für die "Operation Atalanta" erarbeitet. Die maritime Militäraktion soll vom 8. Dezember an die Sicherheit der Seefahrt gewährleisten. Die Fregatte "Karlsruhe" der Bundesmarine wartet bereits im Roten Meer auf den Befehl zum Einsatz am Horn von Afrika.

Zur Welthauptstadt der Piraterie hat sich das 300 Kilometer nördlich von Hobyo gelegene ehemalige Fischerdorf Eyl entwickelt. In dem 7000-Einwohner-Ort, in dem mächtige Palmen neben halb verfallenen Hütten stehen und überall Schafe umhertrotten, ist neuerdings der Wohlstand ausgebrochen. Früher verirrte sich kaum ein Auto hierher. Nun parken chromblitzende Landcruiser vor kleinen Palästen mit Swimmingpools. In den Gärten brummen Dieselgeneratoren, es wird viel gefeiert. An der gesamten, nördlich von Mogadischu gelegenen "Piratenküste" Somalias nehmen sich Männer, die aussehen wie Manager, neuerdings Zweit- und Drittfrauen. Bei den rauschenden Hochzeitsfesten folgen dem Brautpaar schon mal Konvois mit 150 Autos; nächtelang wird anschließend gespeist und getrunken, es spielen Combos auf, die eigens aus Dubai eingeflogen werden.

In Eyl, vor dessen Küste die meisten der derzeit 16 gekaperten Schiffe liegen, wiederholt sich immer häufiger das gleiche Ritual: Sobald sich wieder ein entführtes Schiff den Gestaden nähert, stürmt nahezu die gesamte männliche Bevölkerung Richtung Strand. Jeder will sich seinen Teil an dem Geschäft sichern: Die jungen Kerle, die an Bord die Geiseln bewachen. Die Restaurantbesitzer, die das Catering übernehmen. Und natürlich die Männer in den weißen Hemden und den dunklen Anzügen, die mit modernsten Satellitenhandys und Laptops ausgerüstet sind und mit den Schiffseignern um die Höhe des Lösegelds pokern.

"Wir wollen ja niemanden töten"

"Uns geht es nur um das Geld", sagt Sugule Ali, derzeit der bekannteste Sprecher der somalischen Piraten. "Wir sind keine Seeräuber, sondern Küstenwächter. Piraten sind für uns diejenigen, die illegal unser Meer leer fischen, ihren Müll hier verklappen und Waffen durch unsere Gewässer transportieren." Öffentliche Auftritte scheut der eloquente Freibeuter. Er zeigt sich nicht, kommuniziert lieber über Satellitentelefone. Sugule Ali spricht für eine Gruppe, die sich "Küstenwache der Zentralregion" nennt. Ein knappes Dutzend solcher Banden mit insgesamt etwa 1500 Mann soll es in Somalia geben. Ihre Namen lauten "Somalia Marines", "National Volunteer Coast Guard" oder "Puntland Group". Alis Gruppe war auch beteiligt an der Entführung des ukrainischen Frachters "Faina", der nach Kenia unterwegs war. Mit 33 Panzern vom Typ T 72, 150 Raketenwerfern, sechs Boden-Luft-Raketen sowie Tausenden von Artilleriegranaten - offenbar Nachschub für den Bürgerkrieg im Sudan. "Faina"-Kapitän Wladimir Kolobkow starb kurz nach dem Überfall, wie es heißt an Herzversagen. Die Leiche verwahren die Somalier in einem Kühlfach. Seine Angehörigen sollen ihn später einmal mit Würde bestatten können. Die Waffen von dem Frachter zu entladen komme nicht infrage. "Wir wollen ja niemanden töten", beteuert der Sprecher, "unser Land leidet schon genug unter der Zerstörung und den vielen Waffen. Wir wollen unsere Küste schützen und weiteres Leid verhindern."

Begonnen haben die See-Gangster als kleine Selbsthilfegruppen. Vor knapp 20 Jahren, als in Somalia die staatliche Ordnung zusammenbrach, tauchten Fangflotten aus aller Herren Länder auf und bedienten sich ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz in den somalischen Hoheitsgewässern. "Nachts sah es draußen auf dem Meer aus, als schwämme da die Skyline von Manhattan", sagt ein einheimischer Fischereiexperte. Hell erleuchtet und mit riesigen Schleppnetzen ausgerüstet hätten die Kutter die Fischgründe geplündert und mit schwerem Gerät auf die Korallenbänke eingehämmert, um Krustentiere aufzuscheuchen. Wie Donner hallte der Krach übers Wasser. "Mit fetter Beute" seien Schiffe aus Norwegen und "sogar aus dem fernen Japan" davongefahren, die Fischer aus Eyl oder Hobyo hingegen seien immer öfter mit leeren Netzen zurückgekommen.

Widerstand leisteten anfangs einfache Fischer. Mit Kalaschnikows aus den Arsenalen der einstigen Sowjetunion fuhren sie hinaus, beschlagnahmten Kutter der Eindringlinge und kassierten zu ihrer eigenen Überraschung meist relativ problemlos bis zu 500.000 Dollar Lösegeld. Eine ebenso lukrative wie ausbaufähige Geschäftsidee war geboren, die bald hungrige Milizionäre und zwielichtige Figuren aus dem ganzen Land anzog. Manche verkauften Fischfanglizenzen gegen stattliche Summen, andere erpressten Bares mit vorgehaltener Waffe. Heute noch sprechen die Piraten nicht von Lösegeld, sondern von "Gebühren". Doch inzwischen ist die Piraterie die einträglichste Wirtschaftsbranche in dem von Bürgerkrieg und Clankämpfen hoffnungslos heruntergewirtschafteten Land.

Business der Piraten läuft auf Hochtouren

In Harardere, 100 Kilometer südlich von Hobyo, holt ein älterer Chefpirat in einem Hinterzimmer Geldbündel aus einer zusammengenagelten Holzkiste, die vollgestopft ist mit schätzungsweise einer Million Dollar. "Wer draußen mit beim Entern war, bekommt 30.000", sagt einer aus der Gruppe, "wer am Ufer aufpasst, kriegt 20.000." Einer, der wegen Missachtung eines Befehls 5000 abgezogen bekommt, flucht: "Das ist illegal." Der Alte gibt zurück: "Selbst die 15.000, die du kriegst, sind illegal, ist doch alles geklaut." Die üppig Entlohnten werden von Prostituierten umgarnt. "Für eine Nacht habe ich schon mal 1000 Dollar von einem Piraten bekommen", sagt eine von ihnen, "die Chefs rücken 3000 raus." Auch die Khat-Händler machen ein gutes Geschäft. In großen Büscheln bieten sie die pflanzliche Aufputschdroge feil. Die Piraten stopfen sich die Blätter in die Backen und genießen sie dann wie Kautabak. Die spendable Kundschaft ist auch bei anderen Kaufleuten bestens angesehen. Wer Schiffe kapert, gilt am Horn von Afrika als Volksheld wie einst Robin Hood in England. "Wir geben ihnen Proviant, Medizin, Kleider und Benzin", sagt ein Händler, "und sie bezahlen alles, sobald sie das Lösegeld bekommen."

Das Business der Piraten läuft auf Hochtouren. Sie haben genügend Cash und investieren ständig in neue Boote, Navigations- oder Radargeräte. Gegen ihre Taktik der temporeichen Überfälle sind die Riesenfrachter, die sich mit einer Geschwindigkeit von gerade mal 15 Knoten durch die Weltmeere bewegen, meist chancenlos. Die Turboboote der Kidnapper sind mindestens doppelt so schnell. Sie nähern sich meist in tiefer Nacht. Manchmal von hinten, im Radarschatten der Schornsteine, wo sie der kreisende Ortungsstrahl der Frachter nicht erfasst. Kommen sie von vorn, dann meist mit zwei Booten, zwischen denen ein langes Seil gespannt ist. Wenn der Bug der schwerfälligen Kolosse das Tau erfasst, zieht es die Angreifer automatisch längsseits. Blitzschnell werfen sie ihre Enterhaken aus, hangeln sich an Seilen oder Strickleitern an Deck, die Gewehre über der Schulter. Sind sie erst einmal an Bord, kann sich die Besatzung nur noch ergeben.

Die Forderungen sind knallhart

"Die Banditen werden von Marineexperten dirigiert und erhalten genaueste Informationen", sagt Muin Muchtar, ein ehemaliger Kapitän der ägyptischen Handelsmarine, der mehrfach Opfer solcher Überfälle war und inzwischen als Berater großer Reedereien in Abu Dhabi arbeitet. Die heutige Piraterie funktioniert wie ein mafiöses Netzwerk. Die eigentlichen Chefs sitzen oft in London, Daressalam oder Dubai und verfügen über genaue Kenntnisse der Routen und Hafentermine potenzieller Beuteschiffe; sie kümmern sich auch um die Logistik und den Nachschub von neuestem Hightech-Gerät. Es ist wohl kein Zufall, dass den Piraten nun mit der saudischen "Sirius Star" auf hoher See - 800 Kilometer vor der Küste Kenias - ein Tanker der Königsklasse in die Hände fiel.

Die Forderungen der globalisierten Freibeuter sind knallhart. "Die Saudis haben zehn Tage Zeit, sonst greifen wir zu Maßnahmen, die katastrophal sein können", lässt ein Piratensprecher per Telefon über die Nachrichtenagentur AFP ausrichten und droht so indirekt eine Sprengung des Tankers an. Mit vagen Versprechungen oder gar Falschgeld lassen sich die selbst ernannten Küstenwächter nicht abspeisen. "Wir haben Geldzählmaschinen", lassen sie über den Fernsehkanal al-Jazeera verlauten. Üblicherweise nehmen sie die Dollarscheine in wasserdichten Koffern entgegen, die in Booten herbeigeschafft oder in Leinensäcke verpackt von Hubschraubern direkt über den gekaperten Schiffen abgeworfen werden.

Anarchie und Elend in Somalia

Die Gangster wissen auch, dass sie direkt nach Erhalt des Lösegeldes mit besonderer Vorsicht operieren müssen. Kapitän Colin Darch, der am 1. Februar mit der "Svitzer Korsakov" entführt wurde, hat das am eigenen Leib erfahren. Nach 47 Tagen zäher Verhandlungen und nachdem 678.000 Dollar Lösegeld in bar an Bord gelandet waren, dachte Darch, er sei endlich frei. "Doch an der Stelle, wo wir ankerten, war es den Kidnappern zu gefährlich, von Bord zu gehen", sagt der 70-Jährige. "Wir mussten die Banditen an der Küste noch ein gutes Stück weiter in Richtung Norden mitnehmen, wo sie sich mit ihrer Beute an Land trauten."

Anarchie und Elend herrschen in Somalia schon seit 1991. Damals stürzte Diktator Siad Barre, ein langjähriger Vasall Moskaus. Seither richten immer neue Bürgerkriege zwischen rivalisierenden Warlords und Stammesgesellschaften das von Dürre und Hungersnöten geplagte Land mehr und mehr zugrunde. Es gibt keinerlei staatliche Ordnung, keine funktionierende Polizei oder Justiz. Somaliland im Norden erklärte sich ebenso für unabhängig wie das im Nordosten gelegene Puntland - die Hochburg der Piraten. Somalia ist ein "failed state". Ein gescheiterter, kaputter Staat, in dem nahezu jeder Mann eine Waffe trägt und in dessen Gewässern das Geschäft der Piraten floriert wie in Afghanistan der Opiumhandel. Nur kurze Zeit schien es, als könne den Piraten das Handwerk gelegt werden.

Mehr als eine Million sind auf der Flucht

Islamische Hardliner, deren Al-Schabab-Milizen enge Verbindungen zu den Terroristen der al-Qaida pflegen, brachten das Land 2006 für ein halbes Jahr weitgehend unter Kontrolle. Doch als Ende 2006 Truppen aus dem Nachbarland Äthiopien mit Unterstützung der Amerikaner einmarschierten, war die Macht der Islamisten wieder gebrochen. Ausländische Journalisten können sich derzeit überall im Land nur mit bewaffneter Eskorte bewegen. Die französische Fotografin Véronique de Viguerie, die mit der Reporterin Manon Quérouil für den stern Ende Oktober in Puntland unterwegs war, hatte 20 Bewaffnete als Begleitschutz. Allein seit dem vergangenen Jahr sind bei Schießereien 10.000 Menschen gestorben, mehr als eine Million sind auf der Flucht. Seit Januar stieg die Zahl der Somalis, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, um 77 Prozent auf 3,2 Millionen - mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Der Westen interessierte sich zunächst wenig für die Probleme des ostafrikanischen Elendsstaats. Nun, da der Welthandel ernsthaft gestört ist, melden sich die Mahner: Frieden auf hoher See könne es nur geben, wenn in Somalia eine staatliche Ordnung zumindest in Ansätzen hergestellt würde. Bislang aber sind alle Versuche gescheitert. Im Jahr 1992 landeten US-Truppen im Rahmen der Mission "Restore Hope" an der Küste nahe Mogadischu. Wenig später mussten die Amerikaner an den Fernsehschirmen miterleben, wie die Leichen zweier Soldaten von triumphierenden Somalis durch die Straßen der Hauptstadt geschleift wurden. Die GIs zogen ab. Auch die Bundeswehr brach damals ihren Somalia-Einsatz ab. Die deutschen Soldaten befürchteten ein ähnliches Schicksal.

"Militärische Präsenz hat nachhaltig abschreckende Wirkung"

Seit der Entführung der "Sirius Star" meiden viele Reedereien die Gewässer vor der 3000 Kilometer langen somalischen Küste. Zu unwägbar sind die Gefahren. Zu hoch die Versicherungskosten, die sich allein in diesem Jahr verzehnfacht haben. Statt durch den Suezkanal zu fahren, weichen die Schiffe auf die Route um das Kap der Guten Hoffnung aus, obwohl sich die Mehrkosten für die um zwei Wochen längere Fahrt auf bis zu 500.000 Euro belaufen. Deutsche Experten wie der Jurist Michael Stehr vom "Marineforum" in Bonn prognostizieren eine düstere Zukunft: "Die Piraten haben längst nicht das letzte Brikett in den Ofen geworfen." Im selbst ernannten Ministaat Galmudug haben sich die kriminellen Seefahrer in den ergangenen Wochen eine weitere Basis aufgebaut. Lastwagen, beladen mit brandneuen Schnellbooten, holpern dort Richtung Meer. Der Präsident von Galmudug, Mohammad Warsamé, sitzt in seiner Hauptstadt Galcayo hinter einem riesigen Schreibtisch und zuckt mit den Achseln. Ja, sagt er, die Piraten seien derzeit unantastbar.

Von seinen 40 Polizisten, die gerade mal 100 Dollar im Monat verdienen, scheint er selbst nicht viel zu erwarten. Die Nato-Seeleute, die seit einem Jahr im Golf von Aden patrouillieren, bezeichnet er als einen "Haufen amateurhafter Touristen". Ihre Nachgiebigkeit gegenüber den Erpressungen der Piraten stärke nur die Entführungsindustrie. Die Lösung sei ganz einfach, glaubt der frustrierte Präsident: Man müsse nur die bereits seit zwei Monaten festgehaltene "Faina" und ihre kostbare Ladung in die Luft sprengen. Den Tod der Mannschaft an Bord kalkuliert er dabei ein. "Ein unvermeidlicher Kollateralschaden", meint der Präsident, "das gehört zu jedem Krieg." Die "Amateure", von denen der Wüstenfürst spricht, kreuzen derzeit auf UN-Mission mit vier Schiffen im Golf von Aden, um Schiffe mit Hilfslieferungen für Afrika zu schützen. In wenigen Tagen stößt noch ein eilig zusammengestelltes EU-Kontingent mit acht Kriegsschiffen dazu, darunter die "Karlsruhe" der Bundesmarine. Erst vergangene Woche kamen die Deutschen zwei angegriffenen Frachtern zu Hilfe. "Die Seeräuber haben sofort die Flucht ergriffen", berichtet Ralf Kuchler, der erste Offizier, "militärische Präsenz hat nachhaltig abschreckende Wirkung."

Mehr Selbstschutz auf Schiffen

Dienstag vergangener Woche gelang es der indischen Marine, ein Mutterschiff der Piraten nahe der jemenitischen Küste zu versenken. Doch das Operationsgebiet der Piraten ist inzwischen so groß wie das Mittelmeer, die Kriegsschiffe verlieren sich darin. Hochrangige Militärs raten Reedern deshalb zu mehr Selbstschutz. Auf manchen Schiffen sind Hochdruckstrahler installiert, die enternde Piraten ins Meer zurückspülen sollen. Oder Lärmkanonen, die Angreifern in einem Radius von 400 Metern unerträgliche Kopfschmerzen bereiten. Stacheldraht für die Reling ist inzwischen gängige Praxis. Der neueste Trick der Kapitäne: Sie lassen die Bordwände mit Schmierfett bestreichen. Damit die Piraten beim Entern den Halt verlieren.

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Von:

Tilman Müller und Joachim Rienhardt