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Piraten-Prozess in Hamburg: Somalier gesteht und belastet Mitangeklagte schwer

Seit 15 Monaten zieht sich der bundesweit erste Piraten-Prozess in Hamburg hin. Jetzt hat einer der zehn Angeklagten umfassend gestanden - und seinen Mitangeklagten vorgeworfen, sie hätten das Gericht belogen. Er selbst habe die Lügen nicht mehr ertragen können.

Im bundesweit ersten Piraten-Prozess hat ein Somalier nach 15 Monaten überraschend ein umfassendes Geständnis abgelegt und seine Mitangeklagten der Lüge bezichtigt. Vor dem Landgericht in Hamburg seien "sehr viele Märchen" erzählt worden, sagte der Angeklagte am Mittwoch, dem 78. Verhandlungstag. "Es wurde so viel gelogen hier, man hat das Gericht in die Irre geführt." Alle zehn Angeklagte hätten bei dem Überfall auf den Hamburger Frachter "Taipan" freiwillig mitgemacht, betonte der Mann - sie seien nicht, wie von manchen vor Gericht behauptet, dazu gezwungen worden.

Die zehn angeklagten Somalier sollen das Schiff am Ostermontag 2010 vor der Küste Somalias beschossen und gekapert haben. Die 15-köpfige Besatzung verschanzte sich in einem Sicherheitsraum und wurde Stunden später von einem niederländischen Marinekommando befreit. Neun der zehn Angeklagten haben bisher vor Gericht ihre Beteiligung an dem Überfall eingeräumt; einige erklärten jedoch, sie seien unter Zwang oder Täuschung dazu gebracht worden.

Der Angeklagte - er wurde vermutlich 1983 geboren, das genaue Alter ist jedoch strittig - stellte den Überfall nun aber als gut organisierte Tat dar. Alle hätten Verträge unterzeichnet, in denen etwa festgelegt gewesen sei, wie das erhoffte Lösegeld aufgeteilt wird und wie die Geiseln zu behandeln sind. "Jeder hat unterschrieben", betonte der Mann. "Es war alles ganz klar vorbereitet."

Piraten sollen Beuteanteile per Vertrag geregelt haben

Allen seien bestimmte Aufgaben zugeteilt worden, sagte der Somalier und wies auf die Mitangeklagten: Dieser sei Steuermann gewesen, jener sei mit einer Panzerfaust bewaffnet gewesen, ein anderer habe ein Maschinengewehr gehabt. Der älteste Angeklagte habe den Angriff begonnen, "er war an vorderster Front". Seine eigene Aufgabe sei es gewesen, zu dolmetschen. "Jeder wusste, was er zu tun hatte." Er nannte auch den Namen ihres angeblichen Anführers in Somalia und berichtete von weiteren Hintermännern.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer für den Mann acht Jahre Haft gefordert - weniger als bei manchen Mitangeklagten, weil er den Niederländern Informationen über die Piraterie in Somalia gegeben hatte. Dass er erst nach 15 Monaten Prozessdauer so umfassend aussage, liege daran, dass er die ganzen Lügen nicht mehr ertragen könne, erklärte der Angeklagte. "Die Wahrheit muss auf den Tisch. (...) Vor Gericht hat man uns korrekt und fair behandelt, und ich möchte Ihnen wirklich die Wahrheit sagen." An diesem Donnerstag soll der Angeklagte voraussichtlich zu seinem Geständnis befragt werden.

Julia Ranniko, DPA / DPA