HOME

Plädoyer der Verteidigung im Fall Kachelmann: Beweise? Welche Beweise?

Jörg Kachelmann sei unschuldig, die Beweise seien wertlos, das mutmaßliche Opfer lüge - so stellen die Verteidiger die Lage im Prozess gegen den Wettermoderator dar. Und fordern: Freispruch.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Johann Schwenn will diesen Tag auskosten, die Vorfreude dringt ihm aus allen Poren. Zehn Minuten vor Verhandlungsbeginn stolziert der Hamburger Anwalt - Tasche über dem Arm, wie immer gehüllt in einen edlen dunklen Anzug, goldene Manschettenknöpfen am Hemd - zufrieden grinsend durch die Türen des Gerichtsgebäudes. Kameras erwarten ihn bereits, filmen seinen Einzug, halten fest, wie er an vielen Zuschauern vorbei den Saal 1 im Mannheimer Landgericht betritt. Freudig begrüßt er dort mit Handschlag seinen Mandanten Jörg Kachelmann und seine Anwaltskollegin Andrea Combé. Die hat schon ein weißes Pult auf den Tisch gestellt - alles ist an diesem Tag der Verteidigerplädoyers bereit für den Auftritt des Juristen mit dem großen Ego und dem scharfen Mundwerk.

Doch überraschenderweise überlässt Johann Schwenn, der bislang keine Chance ausgelassen hat, den Verfahrensbeteiligten oder den Journalisten seine Meinung kund zu tun, den Hauptteil des Plädoyers der Pflichtverteidigerin Andrea Combé. Ihr bleibt es an diesem 43. Verhandlungstag im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann vorbehalten, die gesamte Beweisaufnahme Revue passieren zu lassen und aus Sicht der Verteidigung zu interpretieren.

Verteidigerin plädiert ruhig und ohne Polemik

Combé, eine hagere Frau mit dunkelblonden, halblangen Haaren, ist das genaue Gegenteil des oft aggressiv auftretenden Lautsprechers Schwenn. Sie plädiert mit ruhiger Stimme, ohne Polemik und beleidigenden Attacken, dabei fehlt es ihr nicht an eindeutigen Worten. Kachelmanns angebliches Opfer Silvia May (Name geändert) sei, enttäuscht von seiner jahrelangen Untreue, geleitet vom Prinzip: "Du hast mich vernichtet, dann vernichte ich dich auch." Für die Verteidigung, so Combé, sei eindeutig: "Sie hat ihn bewusst und zu Unrecht der Vergewaltigung belastet."

Wie sie zu diesem Schluss kommt, erläutert sie dem Gericht rund drei Stunden lang. Zwar handele es sich bei diesem Fall um eine klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation. Der Bundesgerichtshof habe aber festgelegt: "Eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation liegt nicht vor, wenn es objektive Beweise gibt." Im Fall Kachelmann, so Combé, gebe es keine objektiven Beweise für die Schuld des Wettermoderators - daher müssten die Aussagen der Hauptbelastungszeugin besonders sorgfältig geprüft werden.

"Darstellung den Ermittlungsergebnissen angepasst"

Combé weist vor allem auf das angebliche Tatmesser hin. An ihm seien kaum DNA-Spuren gefunden worden, obwohl Kachelmann es minutenlang angefasst und May damit am Hals verletzt haben soll. "Es ist deshalb kein objektives Beweismittel, das ihre Version stützt", sagt Combé. Ähnliches gelte auch für ein Tampon, ihre Kleidung oder das Bettzeug.

Auch die Verletzungen, die an Mays Körper nach der angeblichen Tat gefunden wurden, würden Kachelmanns Schuld nicht beweisen. So habe May in ihren ersten Befragungen gesagt, sie wisse nicht, ob Kachelmann ihr den Rücken oder die Klinge des Messers an den Hals gehalten habe. Später habe sie dann angegeben, das "geriffelte" der Klinge gespürt zu haben. Combé: "Sie hat ihre Darstellung den jeweiligen Ermittlungs- und Gutachterergebnissen angepasst."

Ausführlich widmet sich die Anwältin dann den Aussagen der psychologischen und psychiatrischen Sachverständigen. Die Glaubwürdigkeitsgutachterin Luise Greuel, die sich mit der Aussage Mays beschäftigt hat, habe die "Unwahrheitshypothese" nicht verwerfen können. Die Psychologin habe die mangelhaften Berichte von May mit den Worten kommentiert: "Mangel bleibt Mangel, auch wenn es eine Erklärung für den Mangel gibt." Deshalb folgert Combé: "Aus Sicht der Verteidigung steht fest, dass auch die psychiatrischen und psychologischen Befunde keine objektiven Beweismittel sind, die die Fallkonstellation Aussage gegen Aussage zu Fall bringen könnten."

Mays Angaben zu der angeblichen Vergewaltigung seien weder plausibel noch konstant oder ausreichend detailliert. "Die von der höchst-richterlichen Rechtsprechung geforderten Mindestanforderungen sind nicht erfüllt, also haben wir keine eine Verurteilung tragende Aussage. Der von der Staatsanwaltschaft erhobene Vorwurf ist nicht bestätigt", bilanziert Combe. Am Ende ihres Plädoyers feuert die bislang so moderat argumentierende Juristin dann doch noch eine Breitseite auf May ab - sie geht sie wegen ihrer bewiesenen Lügen an. "Wenn sich ein Beschuldigter so verhalten würde, dann würde man ihm eine hohe kriminelle Energie attestieren."

Doch dann folgt er: Schwenns Rundumschlag

Die Angesprochene will keine Regungen offenbaren. Sie hat den Zuschauern ihren Rücken zugewandt, nur hin und wieder schüttelt sie ganz leicht den Kopf, fasst sich an die Nase. Währenddessen schaut Kachelmann scheinbar unbeeindruckt ins Leere, blickt auf sein iPad oder tuschelt mit seinem Wahlverteidiger Johann Schwenn.

Der nutzt seinen Auftritt am Nachmittag für einen verbalen Rundumschlag. Eine Stunde lang doziert Schwenn in teilweise ellenlangen, verschachtelten Sätzen. Er verschont dabei niemanden, weder die Staatsanwaltschaft noch die Medien noch das Gericht oder seinen Vorgänger Reinhard Birkenstock. Den Anklägern bescheinigt er, ein "Totalausfall" zu sein, die es mit dem Legalitätsprinzip nicht so genau genommen hätten, sobald es gegen Kachelmann gegangen sei.

Die Zeitschrift der Feministin Alice Schwarzer, die sich auf die Seite des vermeintlichen Opfers geschlagen hatte, bezeichnet er als "alberne Emma", andere Kachelmann-kritische Medien wie dem "Focus", "Bunte" oder der "Bild" wirft er "Verleumdung" und "üble Nachrede" vor. Der von der Staatsanwaltschaft beauftragten Sachverständigen Greuel, die in ihrem Gutachten über den psychischen Zustand von Kachelmann spekuliert habe, um ihrem Auftraggeber zu genügen, solle man den "Bambi" in der Kategorie "His Master's Voice" verleihen.

Den Richtern hält Schwenn vor, sie hätten sich zu stark von der Staatsanwaltschaft leiten lassen, indem sie viele der Ex-Freundinnen Kachelmanns angehört hätten. Er warnt die Kammer: "Sie sind nicht die Rächer von enttäuschten Frauen. Es gibt keinen Sachbeweis, der die Anklage stützten könnte."

Nachdem die Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche kaum überraschend eine Haftstrafe für Kachelmann gefordert hatte, ist auch Schwenns Antrag folgerichtig: "Ich beantrage, den Angeklagten freizusprechen." Der will dem nichts hinzufügen. Auf Frage des Vorsitzenden Richters Michael Seidling, ob er die Gelegenheit zu einem letzten Wort nutzen wolle, lehnt sich Kachelmann leicht nach vorne und sagt kaum hörbar: "Nein, danke."