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Plädoyer im Kachelmann-Prozess "Geprägt von Macht und Dominanz"


Tag der Anklage im Kachelmann-Prozess: Sie geht von einem minderschweren Fall aus, fordert aber einige Jahre Haft. Der Saal raunt. Kachelmanns Anwalt hatte seinen Auftritt schon vorher.
Von Malte Arnsperger, Mannheim

Sie ist wieder da. Und urplötzlich wird es leise im Gerichtssaal, die munteren Unterhaltungen auf den voll besetzten Zuschauerrängen verstummen. Alle Augen richten sich auf die langhaarige blonde Frau mit der lilafarbenen Hose und dem schwarzen Hemd. Um 9.02 Uhr betritt Silvia May (Name geändert) durch einen Nebeneingang den Sitzungssaal 1 im Mannheimer Landgericht. Die Frau, die von Wettermoderator Jörg Kachelmann vergewaltigt worden sein soll. Sie legt ihre dünnen Hände auf den Tisch vor sich, blättert in Papieren. Dann schaut sie kurz auf die andere Seite. Dort hat inzwischen ihr ehemaliger Geliebter Platz genommen. Er unterhält sich mit seinen Anwälten. Es ist eine Art Showdown, kurz vor Ende des Prozesses. Aber einen erkennbaren Blickkontakt gibt es nicht zwischen den Ex-Partnern, zwischen Angeklagtem und Nebenklägerin. Dafür ist zu viel passiert seit jenem 8. Februar 2010.

Es ist die Staatsanwaltschaft, die an diesem 42. Verhandlungstag darlegt, was aus ihrer Sicht in der verhängnisvollen Nacht passiert ist. Insgesamt mehr als vier Stunden werben Lars-Torben Oltrogge und seine zwei Kollegen für ihre Sicht, die sich seit Anklageerhebung nicht verändert hat: Jörg Kachelmann habe Silvia May mit einem Messer bedroht und vergewaltigt, nachdem sie ihn mit seiner Untreue konfrontiert habe.

Die Plädoyers sollen eigentlich den Verfahrensbeteiligten die Möglichkeit geben, dem Gericht vor der Urteilsfindung ungestört Argumente zu präsentieren. Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn kündigt deshalb auch an: "Wir sind heute ganz aufs Zuhören ausgerichtet." Eine gewagte Vorhersage von einem Mann, der in den vergangenen Monaten vor Gericht keine Gelegenheit ausgelassen hatte, sich in aggressiver Art und Weise Gehör zu verschaffen. Er sollte sich treu bleiben.

Hauptaufgabe Sex

Aber zunächst erhebt der 36-jährige Oltrogge seine helle Stimme, skizziert Kachelmanns Lebenslauf und verliest Kurzmitteilungen der beiden Ex-Partner aus den Stunden vor der angeblichen Tat. Darin planen sie den Abend: Silvia May verspricht ihm, zu kochen, Kachelmann legt Wert auf die Erledigung der "Hauptaufgaben" – also Sex.

Hier wird Oltrogge jäh von Schwenn gestoppt. Mit wütendem Gesicht stürmt der zur Richterbank, redet eindringlich, aber für den Rest des Saales unhörbar, auf den Vorsitzenden Michael Seidling ein. Seidling erklärt den Disput: Diese SMS seien in nicht-öffentlicher Sitzung erwähnt worden. Man habe sich aber zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung darauf verständigt, dass man die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten in den Plädoyers schützen wolle. Schwenn poltert: "Die Staatsanwaltschaft will die letzte Chance nutzen, dem Angeklagten zu schaden. Wir wollen aber keine Beschädigung des Angeklagten und der Nebenklägerin." Der Anwalt beantragt nicht-öffentliche Plädoyers zu halten. Erstauntes Raunen im Publikum, war doch Schwenn stets für öffentliche Sitzungen eingetreten. Unterbrechung. Eineinhalb Stunden verhandelt das Gericht hinter verschlossener Tür mit den Verfahrensbeteiligten - und kann Schwenn zu einer Rücknahme des Antrags bewegen.

Oltrogge darf weiter machen. Zunächst schürt er Zweifel an Kachelmanns Version. So wollte der sich nicht mehr daran erinnern, den Tampon von May angefasst zu haben. Oltrogge weist aber auf die DNA-Spuren an dem Rückholfaden hin. Auch habe Kachelmann den gesamten SMS-Verkehr mit May gelöscht, obwohl hunderte weiterer Mitteilungen immer noch auf seinem Handy gespeichert waren. "Man muss unterstellen, dass es ein Geschehnis gab, das den Angeklagten gefährlich werden könnte."

Der Staatsanwalt beschäftigt sich aber nicht lange mit diesen Kleinigkeiten und Nebenkriegsschauplätzen. Um seine Anschuldigungen beweisen zu können, muss er Zweifel an May ausräumen. Und die gibt es reichlich, schließlich hatte sie wiederholt die Unwahrheit gesagt. Oltrogge: "Die Staatsanwaltschaft ist nicht so blöd, nicht zu erkennen, dass die Nebenklägerin gelogen hat. Man kann aber nicht sagen, dass man deshalb den Stab über sie brechen müsste und dass man ihr keinen Punkt mehr glauben kann." Der Staatsanwalt will die Glaubwürdigkeit von May belegen, in dem er lang und breit aus Vernehmungen von May vorliest, in denen sie die Minuten vor der angeblichen Vergewaltigung schildert. Da fallen Sätze wie. "Ich habe ihn gebeten zu gehen. Sein Blick veränderte sich. Er ging in die Küche, er nahm das Messer. Er hat mich gepackt, das Messer waagerecht an den Hals gehalten. Ich dachte, erbringt mich um. So habe ich ihn noch nie gesehen."

Sowohl über das Streitgespräch mit Kachelmann als auch über die Bedrohung mit dem Messer habe sie konstant und ausführlich berichtet. Die Vergewaltigung schildere sie zwar "unpräzise". Aber, so Oltrogge, May habe sich auf sich selber konzentriert, um die Tat zu überstehen und deshalb Details vergessen. Er weist daraufhin, dass die psychologische Gutachterin Luise Greuel dies für möglich erachtet hatte. Oltrogges Kollege Mägerle ergänzt, Greuel habe den Erlebnisbezug der Aussagen Mays zum Streitgespräch bestätigt. Das Resümee: "Das passt nicht mit einer absichtlichen Falschaussage überein."

Die Ankläger müssen aber noch weitere Unstimmigkeiten begründen: Am angeblichen Tatmesser wurden nur sehr wenige Spuren gefunden, Mays Verletzungen am Hals und an den Beinen halten einige Gutachter wahrscheinlich für Selbstverletzungen. Oltrogge versucht es mit dem Ausschlussverfahren. Eine Selbstverletzung mit dem Messer sei unwahrscheinlich, die Rechtsmediziner hätten ähnliche Wunden mit ihren Versuchen auch nicht zustande gebracht. Zudem müssten dann mehr DNA-Spuren am Messer gewesen sein. Hat sich May also mit einem Seil oder einer Nagelfeile selbst verletzt? Oltrogge: "Sie hätte befürchten müssen, dass ihre Manipulation auffliegt." Für eine unbekannte dritte Person gebe es keine Anhaltspunkte, ebenso wenig für eine andere Tatwaffe. Bleibt nach seiner Sicht nur noch das Messer. Den offensichtlichen Spurenverlust begründet Oltrogge so: "Ich halte es für denkbar, dass das Messer etwa mit der Bettdecke in Berührung gekommen ist und abgewischt wurde." Er denke daher, dass der Angeklagte das Messer verwendet und die Hautverletzung hervorgerufen habe.

In ähnlicher Form wischt Oltrogge die Bedenken der Sachverständigen vom Tisch, May könnte sich die Hämatome an den Oberschenkeln selber zugefügt haben. Dazu sei die Frau viel zu schwach. Auch habe sie keine Belastungstendenz erkennen lassen, weil sie über die Verletzungen von selber nichts berichtet hatte. Sein Resümee: "Das Verletzungsbild passt zu ihrer Aussage."

Die letzte wichtige Frage, mit der sich Oltrogge in seinem Plädoyer beschäftigt: Ist dem Angeklagten eine solche Tat zuzutrauen? Hier verweist der Staatsanwalt auf die Aussagen einiger Ex-Partnerinnen, die "Grenzüberschreitungen ohne Absprache" geschildert hätten. "Was die Nebenklägerin geschildert hat, fügt sich ein ins Bild der anderen Zeuginnen."

Oltrogges Kollege Oskar Gattner geht noch einen Schritt weiter. Er zitiert aus E-Mails zwischen Kachelmann und seiner Ex-Freundin Viola S. aus dem Jahr 2004. Darin beendet Kachelmann die Beziehung wortreich, verweist auf gesundheitliche Probleme, er habe "etwas im Magen, das dort nicht hingehört". Doch genau zu dieser Zeit, so der Staatsanwalt, habe der Wettermann geheiratet. "Das Verhalten von Kachelmann war geprägt von Macht und Dominanz."

Ein minderschwerer Fall

Für die Staatsanwälte ist deshalb klar: Kachelmann muss verurteilt werden. Und zwar wegen besonders schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit schwererer Körperverletzung. Die Mindeststrafe wären fünf Jahre. Doch die Ankläger wollen Kachelmann einen Strafrabatt gewähren. Schließlich habe er schon in Untersuchungshaft gesessen, sei nicht vorbestraft, habe durch das lange Verfahren und die vielen Medienberichte sein Privatleben verloren und sei beruflich beschädigt worden. Es sei deshalb von einem minderschweren Fall auszugehen. Dennoch: Die Staatsanwaltschaft will Kachelmann für vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis schicken. Während wieder ein Raunen durchs Publikum geht, lassen sich die beiden Hauptpersonen nichts anmerken. Kachelmann blickt nicht auf, hackt auf sein I-Pad ein, Silvia May wendet den Zuschauern ihren Rücken zu.

Später wird ihr Rechtsanwalt Thomas Franz, der sich der Forderung der Staatsanwaltschaft anschließt, sagen: "Auch sie ist froh, wenn dieses lange Verfahren abgeschlossen ist."


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