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Pokern in Deutschland: Schlechte Karten für ehrliche Zocker

Poker zieht Ganoven magisch an. Vor Räubern wie in Berlin müssen sich aber nur die wenigsten fürchten. Viel häufiger wird betrogen. stern.de beschreibt, wie Sie online und offline verladen werden.

Von Christoph Schäfer

Die Täter dringen schwer bewaffnet und maskiert ein. "Das ist ein Überfall" und "Go, Go, Go!" schreien sie, als sie am Samstag über einen Seiteneingang in das Hyatt-Hotel in Berlin stürmen. Mit Pistolen und einer Machete bewaffnet rücken sie in den ersten Stock vor, wo gerade Europas größtes Pokerturnier ausgespielt wird. Binnen drei Minuten plündern sie die Kasse hinterm Tresen und fliehen mit rund 200.000 Euro Beute. Die Räuber verschwinden in der Einkaufspassage am Potsdamer Platz, tauchen in der Menschenmasse unter.

Der Fall zeigt, dass es beim Pokern mittlerweile um so hohe Summen geht, dass sich sogar ein Überfall lohnt. Spätestens seit 2006, als die Poker-Euphorie aus den USA nach Europa schwappte, hat sich das Spiel in Deutschland etablierte. Die "Global Betting and Gaming Consultants" schätzen, dass hierzulande zwischen einer und zwei Millionen Menschen aktiv spielen. So richtig weiß das aber keiner.

"Wie viele Menschen abseits des Internets in Casinos, Kneipen oder zu Hause zocken, dazu gibt es keine Zahlen", sagt Ingo Fiedler von der Universität Hamburg stern.de. Der Wissenschaftler arbeitet derzeit an einer Studie "zur regionalen Aufteilung des Online-Pokermarktes", der besser erfasst ist als die reale Welt. Fiedler berichtet von 380.000 Deutschen, die im Netz um echtes Geld zocken.

Kleine Einsätze, hohe Gewinne

Um an das Geld der zahlreichen Spieler zu kommen, sind Schusswaffen allerdings so gut wie nie nötig. Zahlreiche Betrugsmaschen sind viel effektiver und für die Ganoven auch mit erheblich weniger Risiko verbunden. Was diese Betrügereien angeht, hat sich das Spiel von seiner Herkunft aus den Hinterzimmern nie befreien können. Und nur die wenigsten Hobbyspieler wissen davon.

Selbst wenn vom einzelnen Spieler nur ein paar Euro eingesetzt werden, steigen die Einsätze an den üblichen Zehn-Mann-Tischen schnell auf 50 Euro und mehr. Da das Geld meist binnen drei oder vier Minuten den Besitzer wechselt, können Betrüger schnell auf erkleckliche Summen kommen - sowohl offline als auch online.

Dabei wird in den Kasinos vor allem jenseits der Turniere geschummelt. Weil die Sitzplätze in den Wettkämpfen anfangs zugelost werden und sich die Zusammensetzung der Spieler im Turnierverlauf häufig ändert, haben es Betrüger in erster Linie auf die normalen Spielrunden abgesehen. Hier geht es um echte Chips, die bares Geld wert sind. Wer sich regelwidrig und unbemerkt bereichert hat, darf jederzeit aufstehen und zur Kasse gehen.

Die Palette an Gaunereien reicht vom Ausspähen der gegnerischen Karten bis hin zum Markieren der Karten - mit hoher Entdeckungsgefahr. Viel schwerer zu durchschauen sind geheime Absprachen zwischen zwei und mehr Teilnehmern, die am gleichen Tisch verdeckt zusammenspielen. Zwinkern oder Husten ist zu auffällig für das geschulte Personal und die zahlreichen Überwachungskameras. Eine wirklich ausgeklügelte Strategie samt aufeinander abgestimmtem Spiel ist hingegen ebenso schwer zu entdecken wie nachzuweisen. Dennoch: Wenn Sie verdächtiges Verhalten bemerken, teilen Sie Ihren Verdacht dem Personal mit, es wird sich die Videoaufnahmen nachträglich sicher genauer ansehen!

Illegale Daten aus dem Netz

Im Unterschied zum Kasino dürfte Ihnen im Netz allerdings so gut wie nie auffallen, wenn Sie übervorteilt werden. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten, zu heimlich die technischen Hilfsmittel.

So gut wie kein Online-Spieler weiß beispielsweise, dass es für alle großen Pokerseiten Software gibt, die den eigenen Fähigkeiten mehr oder weniger legal auf die Beine helfen. Jan Haase* ist einer, der die Programme kennt. Der Semiprofi pokert im Netz gerne im Graubereich - und auch jenseits davon. Legal ist beispielsweise ein Hilfsprogramm, das diverse Internetseiten für etwa 50 Euro anbieten. Es legt eine riesige Datenbank an und füttert es mit allen Informationen über die freiwilligen Einsätze und die gezeigten Karten der Gegner. Wer oft genug im Netz spielt, bekommt bald zu jedem Gegner Informationen eingeblendet, beispielsweise ob er aggressiv oder passiv spielt. "Das Tool hilft ungemein und es wird von den Anbietern toleriert", erklärt Haase.

Illegal wird es dann, wenn man sich Informationen über Gegner zukauft, gegen die man bis dato nie gespielt hatte. Die Daten aus 200.000 gespielten Händen kosten im Netz acht Dollar, das kann keine Spielpraxis wettmachen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche weiteren Betrugsmaschen online eingesetzt werden - und was die Anbieter den Ganoven entgegensetzen

"Der Langeweile-Faktor wird abgeschafft"

Auch sonst bietet das Internet Kleinganoven zahlreiche Möglichkeiten. Es gibt Programme, sogenannte Bots, die alle Startkarten aufgeben, bis auf die sehr guten. User, die diesen illegalen Dienst nutzen, melden sich an zahlreichen Tischen gleichzeitig an und werden nur alarmiert, wenn sie exzellente Karten bekommen. "So wird verhindert, dass man nach einer langen Durststrecke auch mal eine mittelgute Hand spielt. Der Langeweile-Faktor wird abgeschafft", erklärt Haas.

Natürlich gibt es auch deutlich ausgefeiltere Bots - bis hin zum völlig automatisierten Spiel. In diversen Chaträumen brüstet sich der eine oder andere Programmierer, mit einem eigens entwickelten Programm reich geworden zu sein. Darüber hinaus hält sich hartnäckig das Gerücht, dass vor allem Kleinstanbieter selbst Bots einsetzen, um ein geschäftiges Treiben auf ihren Seiten zu simulieren.

Mit "Super-Accounts" zum Millionen-Skandal

In der Szene am berühmtesten ist jedoch der "Ultimate-Bet-Skandal". Der ehemalige Pokerweltmeister Russ Hamilton soll auf seiner eigenen Pokerseite sogenannte "Super-Accounts" geschaffen haben. Wer sich mit dem passenden Kennwort einloggte, sah alle Karten am Tisch, auch die gegnerischen. Hamilton und seine Komplizen sollen sich so Millionen Dollar ergaunert haben - bis einige Spieler misstrauisch wurden und Anzeige erstatteten. Der Prozess gegen die Bande läuft noch.

Wer von technischen Hilfen nichts hält, der kann auch zum Telefon greifen. Wer sich gemeinsam mit vier Freunden an einen Online-Pokertisch setzt und sich illegal über die jeweiligen Startkarten austauscht, dürfte auf mittlere Sicht gewinnen. Poker-Kenner Haas bezeichnet das als "verbreitete Variante". Er kenne "genug Leute, die damit ein paar Hundert Euro verdient haben".

Anbieter wie PartyPoker versprechen zwar, alle Betrüger durch spezielle Filter- und Warnprogramme zu identifizieren und zu sperren. "Diese Gegenmaßnahmen werden laufend aktualisiert und verbessert", versichert Christoph Nübel von Partypoker. Man sei bereit, Betrüger "zu sperren und das ganze Geld in dem Account ohne vorherige, weitere Warnung einzuziehen". Hobbyspieler sollten trotzdem äußerst misstrauisch sein. Haas beispielsweise kennt in seinem großen Freundeskreis noch "keinen, der erwischt wurde".