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Polizei in Ferguson: Sie wollen nur (be)schützen

Ist die Spirale von Provokation, Gewalt und Gegengewalt in Ferguson noch zu stoppen? Das harte Vorgehen der Polizei vergiftet zunehmend die Lage. Doch auch die Sicherheitsleute sehen sich als Opfer.

Von Niels Kruse

Und nun alle zusammen aufräumen - Bewohner von Ferguson beschwören den uramerikanischen Gemeinschaftsgeist.

Und nun alle zusammen aufräumen - Bewohner von Ferguson beschwören den uramerikanischen Gemeinschaftsgeist.

Die Polizei ist, glaubt man den Umfragen, neben Kleinunternehmern und Soldaten eine der wenigen verbliebenen Berufsgruppen, die in den USA noch mehrheitlich das Vertrauen der Bevölkerung genießt. Seit knapp zwei Wochen geben sich die Beamten in Ferguson, Missouri, jedoch reichlich Mühe, den Rest an Zuversicht zunichte zu machen. Erst streckt der Polizist Darren Wilson den unbewaffneten Teenager Michael Brown mit sechs Schüssen nieder, danach verschreckt sie die demonstrierenden Anwohner mit einem martialischen Auftreten, als befände sich das Örtchen nicht in St. Louis, sondern im Irak.

Ansgar Graw, Reporter der konservativen "Welt", kennt die kriegsversehrte Hauptstadt des Irak. Aber selbst dort habe er sich nicht so von Polizisten fesseln und rüde anschnauzen lassen müssen wie nun in Ferguson, schreibt er in seinem Blatt, nachdem er bei einer Recherche festgenommen wurde.

Eigentlich ist Graw nur einer von unzähligen Demonstranten, die in den vergangenen Tagen das Pech hatten, in die Fänge der Polizei zu geraten - aber eben auch ein Vertreter einer Handvoll von festgenommenen Journalisten, was ungewöhnlich ist in den USA, die die Pressefreiheit als eines ihrer höchsten Güter betrachten. Als US-Präsident Barack Obama die örtlichen Sicherheitskräfte und die Demonstranten zur Besonnenheit aufrief, hob er ausdrücklich die Freiheit der Presse hervor. Unter dem beinahe schon anarchistisch anmutenden Titel "Der Tag, an dem die Polizei mein Feind wurde" beschreibt Reporter Graw, wie seine Festnahme ihm sein "kindliches Vertrauen in die US-Polizei beraubte".

Kommissar Johnson rechtfertigt sich

Er hätte diese und ähnliche Geschichten natürlich auch von anderen Demonstrationsopfern erfahren können, zwar nur aus zweiter Hand, dafür aber in einer Vielzahl von Variationen. Denn alleine in der Nacht von Montag auf Dienstag wurden 31 Menschen festgenommen. Darunter war wohl eine Reihe von Berufs-Randalierern, extra angereist aus den Metropolen des Landes, wie es heißt, um sich mit der bis zu den Zähnen bewaffneten Staatsmacht anzulegen. Zwischen dieser Front empören sich harmlose Demonstranten über die unheilvolle Spirale aus Protest, Provokation Gewalt, Gegengewalt und Aufrüstung.

Die britische BBC hat dazu einen interessanten Dialog eingefangen: Es beklagt sich eine Demonstrantin darüber, dass sie eingekesselt und beschossen wird, und Kommissar Ron Johnson, der versucht, das Vorgehen zu rechtfertigen:

"Ja, natürlich gab es friedliche Proteste, aber es gab auch Elemente, die entschlossen waren, Ärger zu machen. Weiß du, du gehst hier mit deinen Freunden entlang und hältst Händchen. Die anderen aber lassen ihre Wut raus und rotten sich hinter eurem Rücken zusammen. Ich habe sie gesehen, ich stand hier. Die waren da hinter dem Gebäude und haben auf uns geschossen. Auf Polizisten. Und je größer die Menge der Demonstranten ist, desto besser können die sich verstecken. Siehst du die Steine hier? Während du protestierst, fliegen Steine. Wir wollen dich beschützen, aber diese Elemente hindern uns daran. Weißt du, warum es die Ausgangssperre gab? Du willst vielleicht nach Hause gehen, aber hier sind 150 bis 200 Leute, die wollen nicht nach Hause gehen. Die müssen wir identifizieren. Die müssen wir von euch trennen. Also, Schwester glaub mir, wir versuchen nicht, dich zu verletzen.

Kommissar Johnson mag aus seiner Sicht Recht haben. Was bei den Amerikanern aber ankommt, hat US-Zeicher Tom Tomorrow in diesem Comic treffend zusammengefasst.