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Erschossener Polizist in Illinois: Der Heldentod von G. I. Joe

Erschossen in Erfüllung seiner Pflicht, bestattet mit allen Ehren: der Cop war eine Legende. Doch eine Frage blieb offen: Warum musste er sterben?

Erschossener Polizist

Joseph Gliniewicz, genannt „G. I. Joe“, war eigensinnig, aber hochgeachtet. Er starb im Dickicht nahe einer verlassenen Fabrik.

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Dieser Text stammt aus stern crime 13.

Als Police-Lieutenant Joseph Gliniewicz beigesetzt wurde, sollte das ganze Land sehen, dass hier ein amerikanischer Held in die Ewigkeit einging. Die Fahnen im Bundesstaat Illinois wehten auf Halbmast. Gliniewicz' Leichnam war in eine dunkelblaue Paradeuniform gekleidet. Er lag aufgebahrt in der Highschool von Antioch, einem kleinen Ort nördlich von Chicago, in dem der Polizist mit seiner Familie gelebt hatte. Die Menschen, die von ihm Abschied nehmen wollten, bildeten eine mehrere Hundert Meter lange Schlange. CNN zeigte live, wie Gliniewicz' Witwe gestützt werden musste und sein Bruder zu den Trauergästen sprach. Die Prozession zum East-Hillside-Friedhof erstreckte sich über fünf Meilen. 1000 Streifenwagen aus allen Teilen der USA gaben Gliniewicz das letzte Geleit. Sogar aus Kalifornien waren Kollegen gekommen. Während der Sarg in die Erde gelassen wurde, spielte eine Trompete. Drei Salutsalven wurden geschossen, am Himmel flog eine Helikopterstaffel in V-Formation. Selten wird einem im Dienst gestorbenen Polizisten in den USA so viel Ehre zuteil wie an jenem 7. September 2015. Es war unfassbar. Und heute, anderthalb Jahre später, sagt jeder, dass auch die Geschichte dieses Mannes kaum zu fassen sei. Heute, da man weiß, wer den Helden Joseph Gliniewizc getötet hat.

Es war der 1. September 2015, ein Dienstag, als Gliniewicz starb. Die letzten Bilder, die ihn lebend zeigen, stammen von der Überwachungskamera einer Tankstelle am Highway 12 bei Fox Lake. Die Seegemeinde mit 11 000 Einwohnern, unweit seines Wohnorts Antioch gelegen, war Gliniewicz' Revier. Die Aufnahmen wurden morgens um sieben gemacht. Man sieht, wie Gliniewicz aus seinem Streifenwagen steigt, um Zigaretten zu kaufen. Um 7.52 Uhr meldete er über Funk an die Zentrale: "Hier 6740." Das war sein Code. "Bin an der alten Zementfabrik. Verfolge zwei weiße und eine schwarze Person. Männlich." – "Verstanden, 6740. Brauchen Sie Verstärkung?" – "Negativ", war Gliniewicz' Antwort. Doch fünf Minuten später folgte dieser Funkspruch: "Sie sind abgehauen. Schickt jemanden los."

Der Fall schien klar

Drei Einsatzwagen rasten zur Fabrik. Sie steht seit Jahren verlassen am Ortseingang. Rostige Silos und Container stehen herum, in der Mitte des Geländes hat sich ein Sumpf von der Größe eines Fußballfeldes gebildet, umgeben von Büschen und Gestrüpp. Es gab mal einen Zaun, aber den haben Metalldiebe gestohlen. Der erste Streifenwagen hielt an der Bahntrasse nördlich der Fabrik. Von dort mussten die Beamten zu Fuß weiter. Derweil versuchte die Zentrale, Gliniewicz zu erreichen. Doch er antwortete nicht.

Dann hörten die Beamten einen Schuss. Sie zogen ihre Waffen und rannten schneller. Doch das Dickicht wurde immer undurchdringlicher. Eine Viertelstunde dauerte es, bis sie Gliniewicz fanden. Bäuchlings im nassen Gras. An seinem Hals war kein Puls mehr festzustellen. Blut sickerte aus dem Kragen seiner schusssicheren Weste. Die Kugel hatte ihn offensichtlich unglücklich getroffen. Die drei Männer, die der Lieutenant verfolgt hatte, hatten ihn erschossen. Der Fall schien klar.

Die Wahrheit, sagt George Filenko heute, sei manchmal so unglaublich, dass selbst erfahrene Ermittler an ihrem Verstand zweifeln. Filenko, Chef der Sondereinheit Kapitalverbrechen im Lake County, sitzt in seinem kleinen Büro, dessen Wände mit Urkunden gepflastert sind. Auf dem Schreibtisch steht eine Spielzeug-Postkutsche, die er nachdenklich hin und her schiebt. Sein Bart ist sorgfältig geschnitten, sein gestärktes Hemd hat messerscharfe Falten. Filenko ist schon lange Polizist. Doch der Fall "Joseph Gliniewicz" war auch für ihn eine Herausforderung: "Die Atmosphäre war hoch politisch. Ich spürte: Das ganze Land schaut auf uns."

Sofort gingen Gerüchte um, Gliniewicz' wurde als Racheakt von Cop-Hassern erschossen

Die zahllosen Schlagzeilen über unbewaffnete Schwarze, die von Cops getötet worden waren, hatten dem Ruf der Polizei in den vergangenen Monaten schwer zugesetzt. Sofort gingen Gerüchte um, Gliniewicz' Tod könnte ein Racheakt von Cop-Hassern gewesen sein. Filenko hielt die Theorie für abwegig. Er glaubte, dass sein Kollege Dealer auf frischer Tat überrascht hatte und es zum Kampf gekommen war. Aber egal. Ein erschossener Cop in diesen Zeiten: Dieser Mord musste schnellstmöglich geklärt werden. "Wir haben die besten Experten der ganzen USA eingeschaltet", sagt Filenko. Und was dann zutage kam, sei auch für die Top-Ermittler verstörend gewesen: "Keiner von uns hatte so was je erlebt."

Noch am selben Tag wurde eine der größten Fahndungsaktionen in der Geschichte von Illinois eingeleitet. Hunderte Beamte riegelten ein zwei Quadratmeilen großes Territorium ab. Panzerwagen bildeten Straßensperren, Hundestaffeln schwärmten aus. Helikopter mit Wärmebildkameras schwebten in der Luft. Bis Mittag stieg die Temperatur auf 35 Grad, die Luftfeuchtigkeit war so erdrückend, dass viele der Beamten zusammenbrachen. In einer Lagerhalle ließen sie sich mit Infusionen wieder fit machen.

Ihr Ehrgeiz, die Mörder zu fassen, war auch deshalb so groß, weil es nicht irgendeinen Cop getroffen hatte. Gliniewicz war die Art von Polizist, zu der die Kollegen aufschauen. 30 Jahre hatte er zum Police Department von Fox Lake gehört. Davor hatte er in der Army gedient, noch immer nahm er regelmäßig an Reserveübungen teil. Er war durchtrainiert wie ein Triathlet, sein Haar hatte er zu einem raspelkurzen Irokesen wie ein US-Marine rasiert. Manchmal trug er auch im Polizeidienst Tarnhose und beige Armeestiefel. Das verstieß zwar gegen die Kleiderordnung, aber bei Gliniewicz nahmen es die Vorgesetzten nicht so genau. "Nach so langer Zeit ist sein Gesicht Uniform genug", pflegte sein Chef zu sagen. In Fox Lake nannten sie ihn nur "G. I. Joe".

Die ganze Gemeinde war stolz auf das, was er aufgebaut hatte

Vor allem aber achtete ihn jeder, weil er ein Trainingsprogramm für Kinder und Jugendliche leitete, um sie für den Polizeiberuf zu begeistern: die Fox Lake Police Explorer. Solche Programme betreiben viele Polizeidienststellen in den USA. Die Teilnehmer tragen mit den Teams anderer Departments Wettkämpfe in Nahkampf, Tatortsicherung, Katastrophenschutz aus. Der "Explorer Post 300" von Lieutenant Gliniewicz gehörte immer zu den besten. Die ganze Gemeinde war stolz auf das, was er aufgebaut hatte. "Für uns war er fast ein Superman", sagt die 21-jährige Morgan Galowitch, die mit 14 zu den Explorern kam. "Wir wollten werden wie er."

Die spontane Großfahndung blieb ohne Erfolg. Doch am nächsten Tag meldete sich ein Zeuge, der drei Verdächtige gesehen hatte: zwei Weiße, einen Schwarzen, so wie Gliniewicz es beschrieben hatte. Die Männer wurden schnell gefunden. Aber ihr Alibi war wasserdicht: Frühstück im Diner. Sonst gab es keine Spur.

Und etwas, sagt Commander Filenko, sei ihm da schon sonderbar vorgekommen: 50 000 Dollar Belohnung waren ausgesetzt worden – aber die Telefone blieben still.

Man musste auf die Kriminaltechniker hoffen. Die Tatortspuren waren schnell ausgewertet worden. Von der Schotterstraße, an der Gliniewicz' Streifenwagen gestanden hatte, führte ein Trampelpfad Richtung Sumpf. Links und rechts davon hatte die Spurensicherung erst Gliniewicz’'Schlagstock, dann sein Pfefferspray und schließlich seine Waffe sichergestellt. Die Glock Kaliber 40 lag ein paar Meter von der Leiche entfernt zwischen zwei Bäumen. Die ballistische Untersuchung ergab, dass beide Schüsse auf Gliniewicz aus seiner Dienstwaffe abgefeuert worden waren. Die Täter mussten sie irgendwie an sich gebracht haben. Die erste Kugel hatte seine schusssichere Weste knapp über der Hüfte getroffen und dabei sein Handy zerstört. Den Spuren im Gras zufolge dürfte Gliniewicz nach dem Treffer zu Boden gegangen sein. Die zweite Kugel war dann von oben in seine Brust eingedrungen. Er könnte am Boden gekniet haben, als sie abgefeuert wurde. Kurzum: Alles wies auf einen Kampf hin, der sich spontan entwickelt hatte.

Barbesitzer aus Fox Lake hatten sich anonym beschwert, dass Gliniewicz die Zeche prellen würde

Filenko kann bis heute nicht genau erklären, warum er dennoch Zweifel hatte. Es sei wohl sein Instinkt gewesen, der ihm sagte, dass mehr dahintersteckte. Dass jemand den Tod von Gliniewicz geplant hatte. Aber warum sollte es jemand auf den allseits respektierten Lieutenant abgesehen haben?

Filenko hatte Lieutenant Gliniewicz nie persönlich getroffen, aber viel von ihm gehört. Jeder hatte in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt. Um sich ein besseres Bild zu machen, forderte Filenko die Personalakte an.

Er staunte: Sie war 264 Seiten dick, Beschwerde auf Beschwerde.

Einmal war Gliniewicz am Steuer seines stehenden Dienstwagens weggetreten und hatte bei laufendem Motor, den Fuß auf dem Gaspedal, geschlafen. 2003 meldete eine Beamtin, er habe vor ihr mit seiner Waffe herumgefuchtelt und gedroht, ihr in die Brust zu schießen. Barbesitzer aus Fox Lake hatten sich anonym beschwert, dass Gliniewicz die Zeche prellen würde. Im selben Jahr war er sogar für 30 Tage suspendiert worden, weil ihn eine Kollegin beschuldigte, er habe sie zum Oralsex gezwungen. Er habe gedroht, sie würde sonst ihren Job verlieren. Das Verfahren wurde nicht weiter verfolgt. Der ehemalige Chef des Fox Lake Police Department, ein enger Freund von Gliniewicz, hatte sich schützend vor ihn gestellt. Wie bei allen Skandalen.

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So war die Wahrheit über den beliebten G. I. Joe für die meisten Menschen im Lake County ein Geheimnis geblieben. Und nun, da er als toter Held galt, wollte man sein Andenken noch weniger besudeln. "Es war, als ob sich jeder geschämt hätte, über den erschossenen Kollegen schlecht zu reden", sagt Filenko.

Der Chefermittler schickte einen Mann los, Gliniewicz' Büro zu durchsuchen: Detective John Erik Anderson, einen ruhigen Kollegen mit norwegischen Wurzeln. Das Erste, was Anderson auffiel, waren die geschredderten Akten im Papierkorb. Die habe Lieutenant Gliniewicz am Tag vor seinem Tod durch den Reißwolf gejagt, sagte eine Sekretärin. Dann inspizierte Anderson den Schreibtisch. Was er darin fand, war noch merkwürdiger: mehrere Tüten mit weißem Pulver, eine gute Handvoll Kokain.

Es kommt schon mal vor, dass Polizisten sichergestellte Drogen nicht sofort in die Asservatenkammer bringen, etwa nach einem Nachteinsatz. Aber es gab keine Berichte über Drogenrazzien, an denen Gliniewicz beteiligt gewesen war.

Hatte er selbst Kokain genommen?

Die Haaranalyse ergab, dass er clean gewesen war.

Blieb Variante zwei: Hatte Joseph Gliniewicz mit Drogen gedealt?

Joe war mein bester Freund. Die Liebe meines Lebens. Mein Held. 26 Jahre lang

Das Haus der Familie Gliniewicz liegt etwas abgelegen an einem kleinen See in Antioch. Weiß getüncht, mit einer separaten Garage. Man hat zwar einen herrlichen Blick aufs Wasser, aber nichts deutet auf verdächtigen Reichtum hin. Es ist ein Haus, das man sich von 96 000 Dollar Jahresgehalt, so viel verdiente Gliniewicz, durchaus leisten kann. Er lebte hier mit seiner Frau Melodie und zweien seiner vier Söhne. Die beiden älteren waren vor nicht allzu langer Zeit ausgezogen. Einer von ihnen, Donald J., genannt D. J., diente wie früher der Vater in der Army. Er war Josephs Lieblingssohn.

Jeder war gerührt gewesen, als Melodie bei der Trauerfeier sagte: "Joe war mein bester Freund. Die Liebe meines Lebens. Mein Held. 26 Jahre lang." Doch als Filenko und Anderson sie aufsuchten, wunderten sie sich. Lieblos waren die Grabkränze auf der Veranda aufeinandergeworfen. Im Haus lagen Zeitungsstapel und dreckige Wäsche herum.

Melodie Gliniewicz ist eine übergewichtige Frau mit brünettem, schulterlangem Haar. In Fox Lake versichern sie, dass sie einmal sehr hübsch gewesen sei. Den Beamten gegenüber benahm sie sich wie eine abgeklärte Polizistenwitwe, die weiß, welchen Gefahren ein Cop ausgesetzt ist. Von Drogen, versicherte sie, habe sie nie etwas gewusst. Auf die Frage, ob ihr Mann finanzielle Probleme hatte, lachte sie: "Geldangelegenheiten waren meine Sache. Joe bekam von mir ein paar Dollar für den Friseur. Gegessen hat er zu Hause."

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Doch die Detectives recherchierten weiter. Freunde und Kollegen des Paares erzählten ihnen, dass die Beziehung in Wahrheit zerrüttet gewesen sei. Joe Gliniewicz besuchte regelmäßig Sexclubs. Melodie tolerierte das, bestand jedoch darauf, dass ihre Ehe nach außen harmonisch aussah. Deshalb musste er immer freitags mit ihr ausgehen. Die Abmachung bestand seit Jahren.

Es war klar: Der allseits geachtete G. I. Joe hatte ein Doppelleben geführt. Doch war das ein Grund, ihn zu töten?

Inzwischen waren auch Kriminaltechniker des FBI eingeschaltet worden. Sie untersuchten Gliniewicz' Laptop, versuchten, die geschredderten Akten wieder zusammenzusetzen und die Daten aus dem zerschossenen Mobiltelefon des Lieutenants wiederherzustellen. Derweil machte der Staatsanwalt Druck, und auch aus dem Büro des Gouverneurs kamen ungeduldige Anrufe. Dazu die vielen Reporter. Manche Polizisten waren dafür, die bisherigen Erkenntnisse öffentlich zu machen. Aber dann hätte Filenko ohne ein Ermittlungsergebnis das Ansehen eines Mannes beschädigt, der gerade als Staatsheld zu Grabe getragen worden war.

"Ausgeschlossen", sagte er. Man müsse warten.

Die Nachrichten belegten, dass Gliniewicz Spendengelder unterschlagen hatte

Es dauerte zwei Wochen, dann meldete sich das FBI. Die Techniker hatten die Textnachrichten aus dem Handy wiederhergestellt. Darunter Hunderte SMS, die Gliniewizc erst am Tag vor seinem Tod gelöscht hatte. Die meisten Nachrichten hatte er an seine Frau und seinen Sohn D. J. geschickt. Fast immer ging es um Geld.

Und im Mittelpunkt standen stets die Police Explorer von Fox Lake.

Einmal schrieb er an Melodie: "Habe das Explorer-Konto für den Flug genutzt: 624 Dollar."

Dann an D. J.: "Die 1600 und die 777 musst du zurückzahlen, sonst kannst du mich irgendwann im Knast besuchen."

Die Nachrichten belegten, dass Gliniewicz Spendengelder unterschlagen hatte. Seit Jahren schon. Mindestens 70 000 Dollar. Die Einzelbeträge waren von Mal zu Mal größer geworden. Er war von Jahr zu Jahr risikofreudiger geworden.

Aber noch etwas fiel in den Protokollen auf: Der Ton der Nachrichten änderte sich im Lauf des Sommers 2015. Sie klangen auf einmal sehr besorgt.

Die Detectives mussten nicht lange suchen, bis sie den Grund dafür fanden. Die Kommune Fox Lake hatte 2015 eine neue Verwaltungschefin bekommen: Anne Marrin, Mitte 50, eine resolute Frau mit Buchhalterseele. Sie war auch für die Finanzen der Polizei zuständig. Und Marrin, das sprach sich schnell herum, machte ihren Job akribisch. Überall in den Büros stöhnten sie über angeforderte Bankberichte, Zahlungsnachweise, Spesenabrechnungen. Dinge, die Marrins Vorgänger locker gehandhabt hatte.

Die Ermittler befragten nun auch sie. Und sie hörten die Geschichte eines zähen Ringens. Die neue Chefin hatte von Gliniewicz verlangt, ihr eine Inventurliste der Explorer-Ausrüstung und die Kontoauszüge vorzulegen. Nachdem sie die Unterlagen ohne Erfolg schriftlich eingefordert hatte, suchte sie Gliniewicz immer öfter persönlich auf. Der versuchte, sie mit lockeren Sprüchen hinzuhalten. Doch Marrin ließ sich nicht abwimmeln.

Gliniewicz musste gewusst haben, dass er die unterschlagenen 70 000 Dollar nie würde auftreiben können. Die Panik dürfte mit jedem Besuch von Marrin größer geworden sein.

Er war ein Mann, dem man einen Mord gegen Bezahlung zutrauen würde

Er schrieb an seinen Sohn: "Sie hasst mich. Sie hasst das Explorer-Programm. Sie will mich am Arsch kriegen." Er fragte ihn in einer SMS, ob er der Verwaltungschefin wohl eine Trunkenheitsfahrt anhängen könne. Dann kam ihm offensichtlich die Idee, Drogen in ihrem Wagen zu verstecken.

Hatte er das Kokain im Schreibtisch dafür vorgesehen?

Seine Gedanken kreisten weiter. "Habe mir viele Szenarien überlegt", schrieb er im August an eine unbekannte Nummer. "Inklusive, die Dinge in Volo Bog zu erledigen."

Volo Bog ist ein Naturpark, in dem die Mafia schon so manche Leiche beseitigt hat.

Hatte er einen Mord geplant?

Die Telefondaten gaben auch hierauf eine Antwort. Gliniewicz hatte Kontakt zu einem berüchtigten Mitglied einer Motorrad-Gang aufgenommen, "um das Problem zu lösen". Den Rocker kannte man im Lake County unter dem Spitznamen "White". Er war ein Mann, dem man einen Mord gegen Bezahlung zutrauen würde.

Von einem Anschlag auf Marrin war allerdings nichts bekannt. War der Deal geplatzt? Hatte es Streit gegeben? Hatte sich White seines Auftraggebers entledigt?

Als die Ermittler White befragten, zeigte der sich offen. Er gab zu, dass Gliniewicz ihn treffen wollte. Doch angeblich war es dazu nie gekommen.

Und vor allem: White hatte ein Alibi für den Tag, an dem der Cop starb.

Thomas Rudd lehnt in einem schweren Ledersessel. Vor sich hat er die Fotos eines nackten Leichnams ausgebreitet. Der Körper ist männlich, durchtrainiert, am ganzen Torso tätowiert. Es ist der Körper von Joseph Gliniewicz. Rudd gießt Instantkaffee in einen Plastikbecher. Dann betrachtet er wieder die Bilder. So wie jetzt saß er in den Wochen nach Gliniewicz' Tod oft da. Immer wieder betrachtete er die Aufnahmen der Leiche und die vom Tatort.

Und mit jedem Blick stieß er auf neue Ungereimtheiten.

Rudd hat bis vor Kurzem als Leichenbeschauer in Lake County gearbeitet. Er ist über 70. Früher praktizierte er als Arzt. Den Job, die Toten der Gemeinde zu untersuchen, übernahm er erst als Ruheständler. Das ist oft so in kleinen amerikanischen Kommunen. Man wird gewählt und bekommt ein Jahressalär von rund 50 000 Dollar. Rudd sagt, manche Kollegen würden den Posten nur für die Aufbesserung ihrer Rente annehmen. Er betrieb ihn mit professionellem Ernst.

Seit er zum ersten Mal die Leiche des Lieutenant sah, hatte er Zweifel an der Theorie der Ermittler. Ihm kam merkwürdig vor, wie akkurat Gliniewicz' Uniform saß. Das Hemd steckte in der Hose, die Schutzweste war kein Stück verrutscht. "Wenn jemand in einen Kampf verwickelt war", sagt Rudd, "müsste die Kleidung viel unordentlicher sein." Dann zeigt er mit seinem Kugelschreiber auf das Einschussloch in der Brust. "Außerdem trat die Kugel zwei Fingerbreit unterhalb des Kragens der Schutzweste ein. Wie hätte es ein Angreifer schaffen können, ihn dort zu treffen, ohne die Pistole direkt anzusetzen? Gliniewicz war im Nahkampf ausgebildet. Er hätte niemanden so dicht mit einer Waffe an sich herankommen lassen. Mord, das konnte ich mir schwer vorstellen. Eher einen Unfall." Rudd macht eine Pause. "Oder – noch wahrscheinlicher – Suizid."

Einmal riss er sich bei einem Military-Wettkampf den Bizeps und beendete den Wettkampf trotzdem

Filenko wollte es nicht glauben. Er wies den Gerichtsmediziner auf die verschiedenen DNA-Spuren an Gliniewicz' Waffe hin, deren Herkunft nie geklärt werden konnte. Eine davon stammte womöglich vom Täter. Außerdem belegten die Pulverspuren an Gliniewicz' Kleidung die These des Leichenbeschauers nicht zweifelsfrei. Filenkos Hauptargument aber war: Wie sollte Gliniewicz es geschafft haben, seine Kaliber-40-Pistole zweimal in so kurzer Zeit auf sich selbst abzufeuern? Zwar wurde der erste Schuss von seiner Weste abgefedert. Aber jeder Polizist, der schon mal einen solchen Treffer abbekommen hat, weiß, dass es sich anfühlt, als würde man von einem Vorschlaghammer umgehauen. Die Schmerzen sind unglaublich. Danach steht man nicht so schnell wieder auf. Den erfahrenen Cops im Department schien die Theorie äußerst abwegig.

Hätte sich nicht einer von ihnen plötzlich an ein Detail aus einer Befragung erinnert: Der Fall wäre bis heute ungeklärt.

Der Kollege hatte den Tätowierer von G. I. Joe vernommen. Einen Mann, dessen Geschäft durch den Tod des Polizisten erstaunlichen Zulauf bekommen hatte, weil viele in Fox Lake sich nun den Namen des toten Helden stechen lassen wollten. Er hatte dem Ermittler erzählt, wie sich Gliniewicz innerhalb von wenigen Tagen eine riesige antike Szene auf den Brustkorb tätowieren ließ. Normale Kunden würden sich wegen der Schmerzen Monate Zeit für ein solches Motiv lassen. Gliniewicz dagegen schien die blutige Behandlung gar nichts auszumachen.

Die Beamten besuchten noch mal Melodie Gliniewicz. Sie bestätigte, dass Joe ein abnormal geringes Schmerzempfinden hatte. Einmal riss er sich bei einem Military-Wettkampf den Bizeps und beendete den Wettkampf trotzdem. Er ging nicht mal zum Arzt und nahm auch keine Schmerzmittel.

"Eine körperliche Anomalie. Das war der Schlüssel", sagt Filenko in seinem Büro. Draußen ist es inzwischen dunkel, seine Kollegen haben sich alle in den Feierabend verabschiedet. Er ist am Ende seiner Geschichte angelangt. "Wahrscheinlich hatte Gliniewicz die Entscheidung zum Selbstmord am Tag vor seinem Tod getroffen."

Die Verwaltungschefin Anne Marrin hatte dem Leiter des Explorer-Programms ein letztes Ultimatum gestellt. Bis zum 1. September, 14 Uhr, sollte Gliniewicz ihr die Kontoauszüge und die Inventurliste aushändigen. Falls nicht, hätte das "Konsequenzen". Gliniewicz berichtete seinem Sohn per SMS von der Drohung.

Er beendete die Nachricht mit: "FML" – "Fuck my Life".

Er hatte panische Angst vor dem Gefängnis

Am nächsten Tag tat er, was er für die Spurensicherungsübungen mit seinen Explorern unzählige Male getan hatte: Er inszenierte einen Tatort. Den Tatort seiner eigenen Ermordung. Dank seiner hohen Schmerzschwelle schaffte er es, sich erst in Bauchhöhe gegen die Weste zu schießen, um die Waffe dann wieder aufzunehmen und sich anschließend von oben eine Kugel in die eigene Brust zu jagen. Das Projektil zerriss eine Arterie. Gliniewicz dürfte danach aber noch etwa drei Minuten gelebt haben. Genug Zeit, um die Waffe zwischen die Bäume zu werfen und noch ein paar Schritte zu laufen – bevor er zusammenbrach.

"Er hatte panische Angst vor dem Gefängnis. Also wollte er lieber als Held abtreten", sagt Filenko. "Als der sagenhafte G. I. Joe, der es am letzten Tag seines Lebens nicht nur mit einem oder zwei, sondern mit drei Gangstern aufnahm."

Gegen den sagenhaften G. I. Joe konnte keine Anklage mehr erhoben werden. Doch seine Frau muss sich wegen Beihilfe zur Unterschlagung vor Gericht verantworten. Melodie bestreitet, vom Ausmaß des Betrugs gewusst zu haben, und behauptet immer noch, dass ihr Mann ermordet worden sei. Der Anspruch auf seine Pension wurde der Familie aberkannt. Die Unterstützung aus einem staatlichen Hilfsfonds musste Melodie zurückzahlen. Sie hat sich einen Dobermann angeschafft, der ihr Haus bewacht, und traut sich kaum noch auf die Straße, denn in Antioch wie auch in Fox Lake hatten viele für sie gespendet und fühlen sich nun betrogen.

Die Menschen in Gliniewicz' altem Revier reden nur noch ungern über ihren einstigen Helden. Den meisten ist es peinlich, wie ihr Ort zum Gespött wurde. Das Einzige, was heute noch an den Lieutenant erinnert, ist ein kleines blaues Holzkreuz auf dem Gelände der alten Zementfabrik. Die Police Explorer haben es kurz nach seinem Tod aufgestellt. Ansonsten denkt man nur im Studio "Good Family Tattoo" ab und zu an ihn. Viele alte Kunden kehren jetzt in den Laden zurück. Sie wollen sich ihre "G. I. Joe"-Tattoos entfernen lassen.

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