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Polizisten erschossen: Die wirre Verschwörungswelt des "Reichsbürgers" Wolfgang P.

Wolfgang P. hat einen Polizisten getötet. Ein Blick auf seine Facebook-Seite zeigt, in welch wirrer Welt der sogenannte "Reichsbürger" lebt. Es ist ein bunter Verschwörungsmix aus esoterischem Blödsinn, plumpen Feindbildern und Waffenverherrlichung.

Der 49-jährige Waffennarr und sogenannte Reichsbürger Wolfgang P.

Der 49-jährige Waffennarr und sogenannte Reichsbürger Wolfgang P.

Wolfgang P. wird als "Reichsbürger" bezeichnet. Er beharrt auf der Fortexistenz des "Deutschen Reiches" und erkennt die Bundesrepublik Deutschland und alle ihre Organe nicht an. Als am Mittwochmorgen das SEK seine Wohnung in Mittelfranken stürmt, um seine 31 legal erworbenen Waffen zu beschlagnahmen, eröffnet er in einer schusssicheren Weste das Feuer auf die Beamten. Am Donnerstag erliegt ein Polizist seinen Schussverletzungen. Gegen P. wurde Haftbefehl wegen Mordverdachts erlassen. Ein Blick auf die Facebook-Seite des 49-Jährigen gibt einen Einblick in die wirre Welt eines Verschwörungstheoretikers. Es ist ein bunter Mix aus esoterischem Blödsinn, plumpen Feindbildern - und vor allem: Waffenverherrlichung.

P. ist Jäger. Er besitzt 31 Lang- und Kurzwaffen. Von den Behörden wurde er als nicht mehr zuverlässig eingestuft. Deshalb sollten ihm seine Waffen entzogen werden. Zuvor hatten die Behörden seinen Jagdschein und seine Waffenbesitzkarte für ungültig erklärt. Immer wieder teilt der Mann, der früher eine Kampfsportschule betrieb, Beiträge der Facebook-Seiten "Ja zur Freiheit, Waffenbesitz zum Schutz für unbescholtene Bürger" und "Freiheizfackel". Ein Eintrag vom 9. Oktober, wenige Tage vor der Tat, liest sich im Licht der Ereignisse besonders zynisch:

Ein Facebook-Post auf der Seite von Wolfgang P.: So denkt der Reichsbürger über Waffenbesitz

Ein Facebook-Post auf der Seite von Wolfgang P.: So denkt der Reichsbürger über Waffenbesitz


Zu deutsch: "Es ist besser eine Waffe zu haben und sie nicht zu brauchen, als eine Waffe zu brauchen und keine zu haben." Wofür P. seine Waffen brauchte, hat sich an diesem Mittwoch gezeigt. Außerdem teilte er einen Beitrag, in dem sich über einen "Focus"-Artikel zum Umgang mit Einbrechern echauffiert wird. Anders als vom "Focus" empfohlen, sollte "das Einbruchsopfer das Recht haben, sich mit allen Mitteln zu wehren und OHNE Rücksicht auf den Einbrecher!"

Wolfgang P. und die Reichsbürger-Ideologie

Viele seiner zahlreichen geteilten Facebook-Posts - teilweise sind es Dutzende am Tag - drehen sich um die These, dass die Bundesrepublik Deutschland (BRD) nicht wirklich existiert. Wie in der Szene üblich, hängt auch P. sich an der Bezeichnung "Personalausweis" auf. Reichsbürger sehen sich in der Formulierung darin bestätigt, dass alle Deutschen nur Personal der Firma BRD sind. Im April postet er ein wirres handschriftlich verfasstes Dokument, das im Szene-Jargon "Lebendmeldung" genannt wird - es soll verdeutlichen, dass er keine "Person" sei. P. erklärt in altertümlicher Mundart, wann und wo er geboren wurde und dass er "tatsächlich auf diesem Planeten, genannte Erde, körperlich, seelisch und geistig voll anwesend" sei. Er und zwölf Zeugen unterzeichnen den Wisch, auch rote Fingerabdrücke sind darauf zu sehen. Dazu frohlockt er: "Lebst du schon oder 'personst' du noch?" verbunden mit einem glücklichen Smiley. Es ist einer der wenigen Post der vergangenen Monate, in dem P. sich selbst zu Wort meldet. In der Regel teilt er kommentarlos Beiträge anderer.

Die "Lebendmeldung" des Wolfgang P.

Die "Lebendmeldung" des Wolfgang P.


An anderer Stelle findet sich der Link zu einem wirren Blog-Eintrag, der davor warnt, dass die EU Anfang 2017 alle Grundbesitzer in Deutschland enteignen würde. Dazu eine seltsame Anleitung, wie man das angeblich verhindert mit dem Hinweis, das Ganze genau so beim Katasteramt durchzuziehen, "auch wenn sie die Polizei rufen". Der vorletzte Absatz ("nun wisst Ihr auch, warum so einige 'zugereiste Facharbeiter' Fotos von Häusern gemacht und frech gesagt haben, in ein paar Monaten gehört dein Haus mir!") zeigt deutlich, aus welcher Ecke die Hintergedanken stammen.

Viele Verschwörungstheorien

P. will aber nicht nur den "Komplott gegen die Deutschen" durchschaut haben. Das Studium seiner Facebook-Seite entwickelt sich zum bunten Ritt durch das Verschwörungsland. Energie-Heilverfahren, Chemtrails, gefährliche Impfstoffe und Zahnpasta, inszenierte Terroranschläge und die jüdische Finanzmafia - P. meint, über alles Bescheid zu wissen. Humoristisch besonders empfehlenswert ist der "Augenzeugenbericht über eine Zivilisation im Innern der Erde".

P. scheint sich nur in seiner eigenen Filterblase zu bewegen. Wie bei wirren Verschwörungstheoretikern üblich, konsumiert und teilt er nur solche Informationen, die in sein Weltbild passen. Alles andere wird ausgeblendet. Viele Beiträge kommen von teilweise kruden, hetzerischen oder bewusst manipulativen Seiten wie: "Freie Medien", "Info-Krieg", "Der Wächter", "BRD-Schwindel" oder "Netzfrauen".

Plumpe Feindbilder

Die Welt von P. - zumindest auf Facebook - ist eine der simplen Feindbilder: Die internationale Finanzwelt und politischen Eliten sind das personifizierte Böse - mal abgesehen vom tollen Wladimir Putin. Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Co. hingegen sind "schuldig" und gehören "erhängt" - nicht zuletzt wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Viele seiner Posts drehen sich um angeblich totgeschwiegene Verbrechen von Asylbewerbern. Ein weit verbreitetes Merkmal unter Reichsbürgern ist die Nähe zum Rechtsextremismus. P. hingegen meint, seinesgleichen würden nur als Nazi bezeichnet, weil sie "die Wahrheit" aussprechen.

Wolfgang P. teilt: "Wer in der BRD 'zur Wahl' geht, wählt seinen antideutschen US-Besatzer!"

Wolfgang P. teilt: "Wer in der BRD 'zur Wahl' geht, wählt seinen antideutschen US-Besatzer!"


In seinen geteilten Posts werden Flüchtlinge als Bedrohung für die Sicherheit "deutscher Mädchen und Frauen" beschrieben, an anderer Stelle heißt es, "Gutmenschen" seien "psychisch geisteskrank". Außerdem teilt P. "Witze" darüber, dass "Afrikaner, Rumänen, Albaner und Türken" nicht arbeiten würden, während Deutsche die Mittel für deren Lebensunterhalt erwirtschaften würden.

Selbstwahrnehmung vs. Handeln

Kurioserweise sieht sich der 49-Jährige selbst offenbar als Pazifist. Viele seiner Posts sollen sich für den Frieden, die Liebe und das Miteinander einsetzen. Er pöbelt gegen Kriegstreiber "da oben" und kritisiert die US-Außenpolitik. "All mein Tun geschieht immer in friedlicher und liebevoller Absicht", hatte er auch in einem Brief an die bayrischen Behörden geschrieben. Eine seltsame Selbsteinschätzung für einen Mann, der ohne Vorwarnung und zunächst sogar durch eine geschlossene Tür wahllos auf Menschen feuert.

Was Reichsbürger genau sind und womit sie ihre Thesen begründen, lesen Sie hier.