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Fahrlässige Tötung oder Mord?: MEK-Beamter überfährt Motorradfahrer - und flüchtet

Ein Polizist verursacht einen schweren Unfall. Ein Motorradfahrer stirbt. Der MEK-Beamte lässt ihn am Straßenrand liegen und flüchtet. Fahrlässige Tötung? Versuchter Mord? Jetzt steht Timo A. in Freiburg vor Gericht.

Von Ingrid Eißele

Klaus Haberstroh mit seinem Motorrad

Klaus Haberstroh genoss die Ausflüge mit seiner Harley

Markus Haberstroh, 53, arbeitet als Vermögensberater in Kollnau bei Freiburg. Ein Job, der einen kühlen Kopf und wenig Emotionen verlangt. So versucht Haberstroh auch seine Rolle vor Gericht zu sehen. Es gehe ihm und der Familie, die Nebenkläger im Verfahren gegen Timo A. ist, nicht um eine möglichst harte Strafe für den Angeklagten, sagt er. Sondern darum, "dass die Wahrheit ans Licht kommt."

Sein Bruder Klaus verunglückte in der Nacht zum 1. August 2014 auf der Autobahn A 5 bei Freiburg. Markus Haberstroh ist die Strecke seitdem mehrmals abgefahren, bei Tag und bei Nacht. Wie es zu dem Unfall kam, ist für ihn "unerklärlich", sagt er. "Es war eine helle Sommernacht, kein Regen. Und man hat auf diesem Streckenabschnitt gute Sicht."

Stolzer Besitzer einer Harley

Klaus Haberstroh, 55, war auf dem Heimweg von einem Diskobesuch in Umkirch. Der gelernte Maurer und Industriemeister war seit drei Monaten stolzer Besitzer einer Harley. Er genoss die Ausflüge mit seiner neuen Maschine,  "sein Jugendtraum", so sein Bruder Markus. Klaus, ein lebenslustiger Single und begeisterter Tänzer, hatte an jenem Abend die Disko "Heuboden" besucht.

Kurz vor zwei Uhr fuhr Haberstroh bei Freiburg-Mitte auf die Autobahn in Richtung Karlsruhe, mit vergleichsweise gemütlichen 100 Stundenkilometern, es gibt kein Tempolimit auf diesem Abschnitt. Haberstroh wollte nur ein paar Kilometer fahren, bis zur nächsten Abfahrt. Sein Bruder Markus hat die Zeit gestoppt. "Bei Tempo Hundert brauchte er drei Minuten bis Freiburg-Nord."

Polizist "erheblich alkoholisiert"

In Umkirch feiert in jener Nacht auch Timo A., 32, Polizeibeamter beim MEK, einer mobilen Sondereinheit der Polizei. Gegen 2 Uhr verlässt er die Kollegenfeier, er will nach Hause ins etwa sechzig Kilometer entfernte Schutterwald. Timo A. nimmt mit seinem VW Tiguan ebenfalls die Auffahrt Freiburg-Mitte, er ist "erheblich alkoholisiert", so  die Anklage.

Etwa zwei Minuten später kracht es bei Kilometer 754,1 auf der rechten Fahrspur. Die Motorhaube des Tiguan öffnet sich durch den Aufprall,  Klaus Haberstroh wird in den Motorraum des Tiguan geschleudert, das Auto, nun nicht mehr steuerbar, rast gegen die Leitplanken, die Harley fliegt über die Böschung. Man findet den Motorradfahrer etwa hundert Meter entfernt auf dem Seitenstreifen der Autobahn.

Unfallverursacher stellt sich spät

Warum fuhr Timo A. auf? "Hat er telefoniert? Ist er eingeschlafen?", grübelt Markus Haberstroh.

Timo A.  steigt unverletzt aus seinem Auto und flüchtet über die Böschung. Er bleibt verschwunden, die ganze Nacht. "Neun Stunden und 15 Minuten lang", so Markus Haberstroh bitter. Erst gegen elf Uhr stellt sich der Unglücksfahrer der Polizei.

"Das war nicht nur ein tragischer Unfall", sagt der Freiburger Anwalt Christoph Kuhlmann, der die Familie Haberstroh vor Gericht vertritt. Wer nach einem Unfall "so planvoll und kontrolliert agiert", dessen Verhalten müsse anders bewertet werden.

Fahrlässige Tötung oder versuchter Mord?

Für Juristen geht es um Nuancen - hat der Verursacher den Tod billigend in Kauf genommen oder nicht? Doch von diesen Nuancen wird abhängen, ob Timo A. nur fahrlässige Tötung vorgeworfen werden kann. Oder versuchter Mord. Dass Autofahrer wegen Mordversuchs angeklagt  werden, ist nicht so selten, teilweise werden sie sogar zu Haftstrafen verurteilt. Ein Fall von "versuchtem Mord" am Steuer wird demnächst am Landgericht Frankfurt verhandelt: Ein Autofahrer verursachte auf einer schmalen Landesstraße im hessischen Groß-Karben einen Frontalzusammenstoß und überließ die Fahrerin  im anderen Fahrzeug ihrem Schicksal, sie starb.

Unfallverursacher müssen dafür sorgen, dass Verletzte "nicht infolge mangelnder Versorgung" sterben, entschied der Bundesgerichtshof schon Anfang der Neunziger Jahre. Wer keine Hilfe holt, sondern einfach abhaut, um die eigene Haut zu retten - Motto: "Ist mir doch egal, was mit dem passiert, ich kann hier eh nichts mehr tun," - nimmt den Tod des anderen "billigend in Kauf", so sahen es die höchsten Richter. Er tötet durch Unterlassen. Schock, Panik oder ein "Aussetzer" reichen nicht als Erklärung.

Anklage wegen fahrlässiger Tötung

Er habe doch nicht gewollt, dass das Unfallopfer stirbt, erklärte beispielsweise 2011 ein 23-jähriger, der nachts einen Fußgänger auf einer Landstraße im badischen Nordweiler angefahren hatte. Er ließ den Mann liegen, erst am Tag danach ging er zur Polizei. Der Fußgänger wäre nach Einschätzung der Ärzte auch bei sofortiger Versorgung gestorben, dennoch sah die Richterin am Schwurgericht Freiburg einen "versuchten Mord durch Unterlassen" und verurteilte den Autofahrer zu zwei Jahren auf Bewährung.

Und Timo A.? Er wurde von der Staatsanwaltschaft Freiburg nur wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Man bewege sich mit dieser Einschätzung aber "in einem Grenzbereich", sagt der Sprecher der Freiburger Staatsanwalt Michael Mächtel, entscheiden muss darüber das Gericht. Der Unterschied zum Tod auf dem Feldweg oder einer einsamen Landstraße: Auf der Autobahn könne ein Autofahrer damit rechnen, dass durch nachfolgende Autofahrer Hilfe kommt, so Mächtel.

Unterschlupf bei MEK-Kollegen?

Unfallfahrer Timo A. soll tatsächlich gesehen haben, dass nachfolgende Autofahrer anhielten, bevor er in der Dunkelheit verschwand, das könnte ihn entlasten. "Er konnte davon ausgehen, dass das Opfer Hilfe bekommt", so der Staatsanwalt.

Zu diesem Zeitpunkt begann der bizarrste Teil des Dramas. Die von den nachfolgenden Autofahrern alarmierte Polizei untersuchte das Unfallfahrzeug, schnell war klar, dass es sich bei dem Fahrer um einen Kollegen handeln muss. Am nächsten Vormittag stellte sich Timo A. der Polizei in Freiburg. "Er hat genauso lang gewartet, bis der Alkohol abgebaut war", vermutet Markus Haberstroh. "Er kennt sich ja aus als Polizist." Pro Stunde baut der Körper zwischen 0,1 und 0,2 Promille ab. Erst gegen Mittag erfährt die Familie vom Tod von Klaus Haberstroh. Und ein paar Tage später, dass der Polizist in jener Nacht möglicherweise Helfer hatte: Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando. Zwei MEK-Beamte sollen Timo A.  nach seiner Flucht Unterschlupf geboten haben.

Strafbefehl gegen MEK-Beamte

Was bewog sie, ihren Kollegen zu decken? "Das ist ein laufendes Strafverfahren und die Kollegen haben ein Aussageverweigerungsrecht", sagt der Sprecher des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen, das für das MEK in Südbaden zuständig ist. Die beiden Kollegen von Timo A. wurden inzwischen polizeiintern "umgesetzt" und arbeiten nicht mehr beim MEK. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die beiden Beamten einen Strafbefehl beantragt. Stimmt das Gericht zu, dann bleibt ihnen die öffentliche Verhandlung  erspart.

Und auch die Frage, wie viel Korpsgeist im Einsatzkommando herrschte. Er sehe seitdem die Polizei mit kritischeren Augen, sagt Markus Haberstroh. "Wenn jemand Polizeibeamter ist, sollte er nach den Gesetzen arbeiten. Richtig wäre doch gewesen, wenn der andere gesagt hätte: Stell dich sofort. Warum sollte ein normaler Bürger die Gesetze beherzigen, wenn sich Polizisten auf diese Weise gegenseitig helfen?"

Angehörige schickten Brief ungeöffnet zurück

Timo A. wurde nach dem Unfall vom Dienst suspendiert. Er schickte den Angehörigen von Klaus Haberstroh über seinen Anwalt einen Brief, Markus Haberstroh sandte ihn zurück, ungeöffnet. Was dieser Mann ihnen angetan habe, schrieb der Bruder an den Verteidiger, "können und wollen wir nicht durch einen Brief des Verursachers verstehen".

Er und seine Angehörigen erwarten mehr: Die Bereitschaft zur Aufklärung. "Die Wahrheit ist flüchtig", sagt er, "sie ändert sich mit jeder Minute. Was ich Stunden später erzähle, wird nie mehr dem entsprechen, was im Moment ist, es kommen andere Einflüsse hinzu, andere Menschen sprechen mit."

Wenn Timo A. sich erklären will, "dann hat er jetzt die Chance vor Gericht".

In der kommenden Woche soll das Urteil fallen.

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