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Polizistenmord: Keine Spur von "Phantom-Frau"

Im Fall des Polizisten-Mordes von Heilbronn tappen die Fahnder noch immer im Dunkeln. Unbekannte hatten im April 2007 eine Polizistin erschossen und einen weiteren Polizisten schwer verletzt. An der Tat beteiligt war eine Frau mit langer krimineller Karriere, die offenbar auch in den Mord an drei georgischen Autohändlern verstrickt ist.

Seit 15 Jahren verübt die "Phantom- Frau" Verbrechen in Europa: An 30 Straftaten soll sie beteiligt gewesen sein, die Polizei kennt ihren genetischen Fingerabdruck, doch für die Fahnder bleibt sie die "Frau ohne Gesicht". Es geht um Einbrüche, aber auch um sechs Morde, darunter den vom 25. April 2007 in Heilbronn in Baden-Württemberg: Am helllichten Tag schießen Unbekannte auf der städtischen Festwiese zwei Polizeibeamte aus nächster Nähe nieder, eine 22 Jahre alte Polizistin stirbt. Ihr heute 25 Jahre alter Kollege wird schwer verletzt. Er kann sich an nichts erinnern, es gibt keine Augenzeugen. Seitdem jagen Dutzende Fahnder in zwei Sonderkommissionen in zwei Bundesländern die Unbekannte.

Die Polizei in Heilbronn tappt nach wie vor im Dunkeln. Seit den Schüssen auf ihre Kollegen vor einem Jahr ließ sie fast nichts unversucht, um das Phantom zu identifizieren. In Tausenden von Überstunden ging sie 2400 Spuren nach, nahm bei Hunderten einschlägig bekannten Frauen in Baden-Württemberg Speichelproben, verteilte Flyer in mehreren Sprachen, veröffentlichte den Fall in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Auch eine Belohnung von 100.000 Euro führte nicht weiter. "Uns wundert, dass sich trotz dieser hohen Summe niemand gemeldet hat. Es ist wie verhext", sagt ein Heilbronner Polizeisprecher.

Brutal und gefährlich

Neue Hoffnung knüpfen die Ermittler nun an das Phantombild eines Mannes, der an einem versuchten Einbruch in einem Wohn- und Geschäftshaus in Saarbrücken 2006 beteiligt gewesen sein soll. Auch dabei wurde Gen-Material der "Frau ohne Gesicht" sichergestellt - diesmal an einem Stein. "Wir haben daraufhin 20 bis 30 neue Hinweise erhalten, ohne erkennbares Ergebnis", sagt der Polizeisprecher. Laut Täterprofil ist die Unbekannte sehr mobil und hat keinen festen örtlichen Bezug. Die Frau, die optisch auch als Mann wahrgenommen werden könnte, gilt als äußerst brutal und gefährlich.

Mysteriös bleibt auch die Rolle der Unbekannten im Zusammenhang mit dem Mord an drei georgischen Autohändlern in Hessen Anfang dieses Jahres. Die Fahnder ermittelten schnell zwei Tatverdächtige. Einer stammt aus dem Irak und war V-Mann des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz, der andere ist ein Islamist aus Somalia. Doch in dem Fahrzeug, das von mutmaßlichen Tätern benutzt wurde, entdeckte die Polizei auch eine winzige Zellspur des "Phantoms".

Dieses Material stimmte überein mit der Spur, die in Heilbronn im Streifenwagen der beiden Polizisten gefunden wurde. Sie ist ferner identisch mit der DNA, die bei Morden an einem Rentner in Freiburg 2001 und einer Rentnerin in Idar-Oberstein 1993 auftauchte. Spuren hinterließ "das Phantom" auch bei Einbrüchen in Gartenhäusern und Büros. 2001 trat ein Junge in Gerolstein (Rheinland-Pfalz) in eine Drogenspritze, auf der später die DNA der Frau gefunden wurde.

Neue Chancen

Ein Zusammenhang zwischen den Morden in Hessen und der Heilbronner Spur sei nicht erkennbar, sagen die Ermittler. Die Georgier waren zu Autogeschäften nach Deutschland gekommen. Von einer weiblichen Beteiligten hat keiner der beiden Verdächtigen bislang etwas erwähnt. Die Spur aus Hessen biete "neue Chancen, um der DNA-Spur einen Namen und ein Gesicht zu geben", sagt der Heilbronner Soko-Leiter Frank Huber.

Hoffnungen, die Frau zu identifizieren, hat die Polizei auch im Zusammenhang mit zwei Slowaken, die wegen Diebstahls wertvoller Fahrräder im Kreis Augsburg von Österreich, wo sie wegen ähnlicher Delikte einsaßen, nach Deutschland ausgeliefert wurden. Mindestens einer könnte das gesuchte Phantom identifizieren. Auch ein Serbe und ein Pole, die von der Polizei nach einem Diebstahl in einem Elektromarkt in Österreich gefasst wurden, könnten nach Expertenmeinung die Gesuchte kennen.

Bei der Bereitschaftspolizei in Böblingen haben Kollegen nach dem Mord an der 22-jährigen Polizistin in einem Besprechungsraum eine Kondolenzecke eingerichtet. Frische Blumen, eine Kerze und ein Bild erinnern an die Getötete. "Ich habe viel mit ihr in der Freizeit gemacht", sagt eine 27-jährige Kollegin und schluckt ihre Tränen hinunter. "Sie war aufgeschlossen, hilfsbereit und einfach ein nettes Mädchen", erinnert sich Dominique Weigand, ein Streifenpartner der 22-Jährigen.

Tatjana Bojic/DPA