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Presseschau zum Demjanjuk-Urteil "Ein Stück Rechtsfrieden"


Der Prozess um den greisen KZ-Wächter John Demjanjuk wurde auch im Ausland kritisch beäugt. stern.de dokumentiert die Reaktionen der internationalen Presse auf das Urteil.

Späte Gerechtigkeit? Am Donnerstag hat das Münchner Landgericht den früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die Richter sprachen den 91-Jährigen der Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden für schuldig. Das Gericht war überzeugt, dass der Angeklagte 1943 zu den "Trawniki" im Vernichtungslager Sobibor gehörte - das waren "fremdvölkische Hilfswillige", wie sie bei den Nazis hießen.

Gleichzeitig wurde der Haftbefehl mit Blick auf die zweijährige Untersuchungshaft und unter Verweis auf die Verhältnismäßigkeit den Haftbefehl aufgehoben. Viele Kommentatoren internationaler Zeirtungen lobten das Urteil und zogen Vergleiche zu früheren Prozessen in der bundesdeutschen Vergangenheit.

"Der Standard" aus Österreich

Die liberale Tageszeitung "Der Standard" aus Wien lobt die Konseqeunz des Urteils:

"Die deutsche Justiz hat sich diesmal (im Gegensatz zu vielen Prozessen der Fünfziger- und Sechzigerjahre) nicht beirren lassen und damit wichtige Botschaften vermittelt. Erstens: Massenmord an Juden verjährt nicht und wird auch mehr als 60 Jahre nach dem Verbrechen noch geahndet. (...) Zweitens: auch gegen vergleichsweise kleine Rädchen wird vorgegangen. Nicht nur jene, die in der NS-Befehlskette ganz oben saßen, müssen mit Ermittlungen rechnen. Wer mitmachte, machte sich auch schuldig. Bitter ist allerdings, dass diese Erkenntnis sehr, sehr spät kommt. So spät, dass NS-Verbrechen kaum noch geahndet werden können. Dennoch: Das Demjanjuk-Urteil schafft ein Stück Rechtsfrieden."

"Gazeta Wyborcza" aus Polen

Auch die linksliberale polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" aus Warschau erinnert an die oftmals hanebüchernen Urteile gegen NS-Verbrecher aus den 50er und 60er Jahren:

"Die deutsche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hat lange Zeit an eine Farce erinnert. Die Verbrecher wurden freigesprochen, weil die Gerichte argumentierten, sie hätten Befehle ausführen müssen, sonst hätte ihnen eine Kugel in den Kopf gedroht. In vielen Fällen wurde entschieden, dass sich die Verbrechen verjährt haben. Ehemalige Nazis (...) arbeiteten weiter in der Polizei, in der Justiz und im Geheimdienst.

Richter Alt hat in seiner Urteilsbegründung gegen Demjanjuk die schwierige Aufarbeitung der NS-Verbrechen nicht erwähnt. Schade. Der Prozess des letzten lebenden Wächters aus einer NS-Todesfabrik bot die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine weitere Chance dazu wird es nicht mehr geben."

"Independent" aus Großbritannien

Für die britische "Independent" bleiben nach der Verurteilung dagegen noch viele Fragen offen:

"Das gestrige Verfahren (und das vor Jahren in Israel) haben zwei beunruhigende Gemeinsamkeiten. Beide betreffen die Frage der Ermittlungen und die Zuverlässigkeit von Augenzeugen. Im Mittelpunkt beider Fälle stand ein SS-Ausweis, der zeigte, Demjanjuk gehörte den Trawniki an - einer von der SS geschulten Einheit nicht-deutscher Freiwilliger, deren Aufgabe es war, den Mord an Juden zu überwachen. Aber der Ausweis kam aus den Archiven des (Sowjet-Geheimdienstes) KGB, der bekannt war für dunkle Propagandaübungen. Das FBI hatte zuvor Zweifel an der Echtheit des Ausweises geäußert. Die Verteidigung argumentierte, es sei eine Fälschung. Sieben deutsche Richter entschieden gestern, es war keine."

"Hospodarske Noviny" aus Tschechien

Die liberale Wirtschaftszeitung "Hospodarske Noviny" aus Prag nahm den Demjanjuk-Prozess zum Anlass, um an die Wichtigkeit von Zeitzeugen und deren Erzählungen zu erinnern:

"Die direkten Zeitzeugen der Schrecken, die sich im Namen der hassverzerrten Ideologie der Rassenreinheit auf dem Gebiet Polens und andernorts ereigneten, sterben. Die Welt muss ihr kollektives Gedächtnis als Mahnung wiederbeleben, um eine mögliche Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Das geschieht am besten anhand von menschlichen Erlebnissen und ihrer Erzählung. Es müssen nicht allein die mitleiderregenden Erinnerungen der Opfer sein. Es ist auch lehrreich, die Geschichte von John Demjanjuk alias Ivan der Schreckliche zu verfolgen, der nach aller Erkenntnis bei der Ermordung vieler der Viertelmillion Opfer des Lagers Sobibor assistierte."

jwi/DPA DPA

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