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Proteste gegen S21: Friedlich war gestern

Das friedliche Miteinander in Stuttgart ist vorbei, seit Hunderte Bahnhofsgegner die Baustelle gestürmt haben. Sogar der Vorwurf eines "versuchten Tötungsdelikts" steht im Raum.

Von Mathias Rittgerott, Stuttgart

Der Lasterfahrer aus dem Emsland ist fassungslos: "Wer weiß, was die mit mir gemacht hätten! Wenn ich im Führerhaus übernachtet hätte, wie sonst immer..." Sein gelber Lkw steht bewegungsunfähig auf der Bahnhofsbaustelle in Stuttgart. Die Reifen sind platt, die Scheinwerfer eingeschlagen, die Hydraulik zerstört. "Der Tank ist voll Montageschaum, Sand, Zucker – und vermutlich auch Pisse."

Am Montagabend hatten Demonstranten die Baustelle am Südflügel des Bahnhofs gestürmt. 600 waren es, vielleicht auch 1000, die nach der wöchentlichen, friedlichen Kundgebung anrückten. Den Bauzaun warfen sie kurzerhand um. Dann machten sie sich am Lkw zu schaffen, zerstörten Rohre und Kabel. Ein schwer verletzter Polizist landete im Krankenhaus "Heute wird kein Rohr verlegt", schrieb ein Demonstrant mit Kreide auf einen Stahlträger. Gesamtschaden: Siebenstellig.

Weshalb es gerade an diesem Abend zum Ausbruch von Gewalt kam, niemand kann es erklären. Fest steht: Das gute Verhältnis zwischen Demonstranten und Polizei ist dahin. Stuttgart geht wieder raueren Zeiten entgegen.

Neue Qualität der Gewalt

Stuttgarts neuer Polizeipräsident Thomas Züfle lässt sich am Dienstag vor dem demolierten Laster fotografieren. Er besichtigt die verwüstete Baustelle und ist ratlos. "Völlig unerwartet", seien die Demonstranten gewalttätig geworden. Sitzblockaden und Protestmärsche waren seit Monaten kaum mehr eine Meldung im Polizeibericht wert. "Kurz vor dem Ausbruch haben sich die Demonstranten noch an rote Fußgängerampel gehalten." Die neue Qualität der Auseinandersetzung wird deutlich, als Züfle die Delikte der Randalierer aufzählt: Sachbeschädigung, Landfriedensbruch, Beleidigung. Die Reihe gipfelt im Satz: "Auch der Gedanke an ein versuchtes Tötungsdelikt ist nicht abwegig."

Züfle redet nicht über den Laster und kaputte Rohre. Er redet über die verletzen Polizisten: Acht erlitten ein Knalltrauma, als neben ihnen ein selbst gebastelter Feuerwerkskörper explodierte. "Die Initialzündung für die Gewalt." Doch am schlimmsten hat es einen Zivilpolizisten erwischt. "Er wurde heftig zugerichtet. Mit Faustschlägen und Fußtritten, auch gegen den Hals", sagt Züfle. Mit schweren Verletzungen liegt der Beamte in der Klinik. Noch sind die Täter nicht ermittelt, womöglich wird man wegen versuchten Totschlags gegen sie ermitteln.

Matthias von Herrmann, der Sprecher der so genannten Parkschützer, will von solcher Gewalt nichts mitbekommen haben. "Da war eine gelöste Feierabendstimmung", malt er ein geradezu romantisches Bild von dem, was an diesem Abend geschah. Die Besetzer hätten "ein Stück ihrer Stadt wieder in Besitz" genommen. Der Bauzaun sei gleichsam "durch zivilen Ungehorsam" umgestürzt. "Friedlich" seien die Protestierenden gewesen, die Polizei "sehr ruhig". Warum der Gewaltausbruch? "keine Ahnung." Es ist selten, dass von Herrmann auf eine Frage keine ausgreifende Antwort parat hat, doch nun schaut er hilflos drein. Schnell findet er jedoch zu seiner Rolle zurück.

Verletzte eine Erfindung?

Was ist mit den krankenhausreif geprügelten und sonst wie verletzen Polizisten? "Eine glatte Lüge", sagt von Herrmann in wohl kalkulierten Worten. Verletzte Polizisten seien eine Erfindung. Erst recht der Schwerverletzte. Der Feuerwerkskörper sei lediglich "scheißlaut" gewesen. Die Ohren der Polizisten hält er durch die Helme für gut geschützt. Zudem hätten die Demonstranten keine Probleme mit den Ohren bekommen. So laut könne der Knall also nicht gewesen sein. Der vorgeblich Schwerverletzte sei ein "Provokateur der Polizei" gewesen, wettert von Herrmann weiter, setzt seine Verschwörermiene auf und gibt die Handynummer eines Augenzeugen weiter.

"Der Zivilpolizist hat Leute angestiftet, Rohre vom Stapel zu werfen", sagt Holger H. (Name geändert). Dann habe er angefangen zu filmen begonnen, sei deshalb angegangen worden, geflüchtet, eingefangen und zu Boden gedrückt worden. "Er hat zwei, drei Schläge abbekommen, weil er sich gewehrt hat." Nie und nimmer sei er schwer verletzt worden, das belegten auch Videosequenzen im Internet. "Beim Wegrennen hat er sogar seine Waffe aus dem Holster gezogen und vorgezeigt", berichtet Holger R. Er ist bereit, das unter Eid auszusagen, "weil ich es gesehen habe".

Polizeichef kontert Vorwürfe

Schilderungen, die Polizeichef Thomas Züfle offenbar geradezu anwdern. "Das ist abstrus, zynisch", zischt er. Die Polizei schicke keine Provokateure unters Volk, schließlich sei Deutschland ein Rechtsstaat. Zum Knalltrauma sagt er: "Kein Stuttgarter Krankenhaus behält Polizisten über Nacht, wenn es nicht nötig ist." An der Strategie der Polizei ändert Züfle nichts, die "erhöhte Gewaltbereitschaft" kalkuliert er jedoch zukünftig ein. Grundsätzlich sollen seine Beamten jedoch weiterhin deeskalierend arbeiten, viel mit den Bahnhofsgegnern reden. Allein denen, die auf Eskalation aus sind, droht Züfle mit Schlagstock, Reizgas und – wenn es überhaupt nicht anders geht – mit Wasserwerfern.

Für die grünen Bahnhofsgegner in der Landesregierung ist der Gewaltausbruch eine von vielen Bewährungsproben, die das Projekt bereithält. "Gewalt ist in jeglicher Form - egal, ob gegen Menschen oder Sachen - unmissverständlich zu verurteilen und wird von der Landesregierung nicht toleriert", lässt Ministerpräsident Winfried Kretschmann via Pressemitteilung verbreiten. Für die CDU in der Opposition ist die Zerstörungswut ein gefundenes Fressen. Fraktionschef Peter Hauk poltert: "Die Grünen sind mitverantwortlich für die Ausschreitungen." Die Regierung nehme die "Entgleisung der Gewalt billigend in Kauf". Dem Lasterfahrer aus dem Norden ist die Gewalt, die sich an einer Bahnhofsbaustelle entzündet, völlig schleierhaft. Er hatte sich "auf eine ruhige Tour" nach Stuttgart gefreut. Klar, er hatte vom Protesten gehört. Aber so was? "Unvorstellbar", sagt er und guckt fast schon liebevoll auf sein übel zugerichtetes Fahrzeug: "Der Laster, der ist ein Totalschaden."