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Proteste in Hamburg: Feuer, Scherben und mehr als hundert Verletzte

Bittere Bilanz in Hamburg: Bei der Demonstration zum Erhalt des linken Kulturzentrums "Rote Flora" ist es zu heftigen Krawallen gekommen. Mehr als 100 Polizisten wurden zum Teil schwer verletzt.

Nach den schwersten Krawallen seit Jahren hat sich die Lage in Hamburg in der Nacht zum Sonntag entspannt. "Die Lage hat sich jetzt beruhigt", sagte Polizeisprecher Mirko Streiber. Zuvor war es zu stundenlangen Auseinandersetzungen gekommen, die sich bei einer Kundgebung für den Erhalt des linken Kulturzentrums "Rote Flora" entzündet hatten. Im Schanzenviertel und auf St. Pauli gerieten Einsatzkräfte und Demonstranten immer wieder aneinander. 120 Polizisten wurden verletzt - 19 von ihnen so schwer, dass sie nach Polizeiangaben im Krankenhaus behandelt werden mussten. Ein Beamter aus Niedersachsen wurde nach einem Steinwurf sogar bewusstlos in eine Klinik gebracht.

Auf der Gegenseite wurden nach Angaben der Organisatoren zahlreiche Demonstranten verletzt. 21 Krawallmacher wurden festgenommen. 320 Demonstranten seien während der Kundgebung vorläufig in Gewahrsam genommen und dann wieder freigelassen worden, hieß es. Über das Ausmaß der angerichteten Sachschäden seien noch keine detaillierten Angaben möglich. Es sei damit zu rechnen, dass Anwohner im Laufe des Tages weitere Schäden meldeten.

Die Lage eskalierte kurz nach Beginn der Demonstration am Samstagnachmittag. Noch vor der "Roten Flora" warfen Randalierer aus dem sogenannten Schwarzen Block Böller und Gegenstände in Richtung der Polizisten. Diese reagierten mit dem Einsatz von Wasserwerfern sowie Schlagstöcken und drängten den Demonstrationszug zurück.

Wegen der Krawalle löste die Polizei die Demonstration rasch auf. "Es hat von Anfang an eine aggressive Grundstimmung geherrscht, wir sind massiv angegriffen worden", begründete Polizeisprecher Streiber den Schritt. "Das ist derart gewalttätig gewesen, das haben wir lange so nicht erlebt."

Die Organisatoren der Demonstration kritisierten einen "massiven Einsatz von Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern". Sie warfen der Polizei vor, den Protestzug von Anfang an bewusst gestoppt zu haben. Dies stelle den skandalösen Versuch dar, die politische Auseinandersetzung um die "Rote Flora", die "Esso-Häuser" und das Bleiberecht von Flüchtlingen hinter Rauchschwaden und Wasserwerfern unsichtbar zu machen, hieß es in einer Erklärung.

"Katz-und-Maus-Spiel" mit der Polizei

Nach Auflösung der Demonstration zogen die Randalierer in Gruppen in Richtung der gesperrten Reeperbahn und lieferten sich ein stundenlanges "Katz-und-Maus-Spiel" mit der Polizei. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen. Unter anderem wurden bei einem SPD-Büro und bei der Hamburger Messe Scheiben eingeworfen und zwei Polizeiautos beschädigt. Auch der Nah- und Fernverkehr war beeinträchtigt: Fernzüge endeten am Hamburger Hauptbahnhof oder wurden nach Harburg umgeleitet, eine S-Bahn-Strecke war teilweise gesperrt.

Insgesamt waren am Samstag nach Polizeiangaben 7300 Demonstranten ins Schanzenviertel gekommen, darunter 4500 aus dem linksextremistischen Spektrum - viele davon gewaltbereit. Die Veranstalter sprachen von mehr als 10.000 Teilnehmern. Die Polizei war mit einem Großaufgebot von 3168 Beamten aus mehreren Bundesländern im Einsatz.

Der Protest richtete sich gegen eine Räumung des seit mehr als 20 Jahren besetzten Kulturzentrums "Rote Flora", wie sie der Eigentümer Klausmartin Kretschmer angedroht hat. Außerdem ging es um das Bleiberecht für Flüchtlinge und die "Esso-Häuser" an der Reeperbahn. Die Häuser waren am vergangenen Wochenende wegen Einsturzgefahr evakuiert worden. Alle Bürgerschaftsfraktionen hatten zuvor parteiübergreifend zu einem friedlichen Protest aufgerufen.

Zuvor hatten am Samstag rund 800 Menschen in Hamburg-St. Georg auf einer Kundgebung friedlich für ein Bleiberecht der sogenannten Lampedusa-Gruppe demonstriert. Vertreter der afrikanischen Flüchtlinge sprachen sich dabei für friedliche Proteste aus. "Wir wollen Kreativität und keine Gewalt", sagte ein Sprecher der Gruppe.